Es war kein Business-as-usual-Jahr, das der Freiburger Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach (SPD) zu bewältigen hatte. Die Beinahe-Tragödie bei der millionenschweren Sanierung des Freiburger Theaters (chilli berichtete exklusiv) war gerade überstanden, da platzte die Nachricht in die Welt, dass der dritte Bauabschnitt am Augustinermuseum fast doppelt so teuer wie geplant werden wird. Und jetzt muss der 58-Jährige auch noch einen neuen Kaufmännischen Direktor, eine Intendanz und vielleicht auch einen neuen Generalmusikdirektor fürs Stadttheater finden. Tanja Bruckert und Lars Bargmann sprachen mit dem Bürgermeister für Kultur, Integration, Soziales und Senioren.

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chilli: Herr von Kirchbach, der dritte Bauabschnitt bei der Sanierung des Augustinermuseums wird mit 30 Millionen Euro fast doppelt so teuer wie veranschlagt. Wie kann man sich so verrechnen?
Von Kirchbach: Die letzte Kostenschätzung war von 2004. Die Baupreise steigen jedes Jahr um fünf Prozent, es gibt einen neuen Risikozuschlag, weil wir ja ausschließlich im Altbau arbeiten, wir haben unterwegs neue Schwachstellen im Gebäude ermittelt, und die Einrichtungskosten waren damals auch nicht mit drin. Jetzt haben wir alles auf den Tisch gelegt.

 

chilli: Wer 2004 kalkuliert, weiß, dass die Preise bis zum Baubeginn 2014 oder später steigen werden.
Von Kirchbach: Das ist alles erklärbar.
Von den Quadratmetern sind es auch etwa so viele wie im ersten und zweiten Bauabschnitt und es wird etwa so viel kosten wie die beiden.

 

chilli: Insgesamt wandern 63 Millionen ins Museum. Rechtfertigen die Besucherzahlen diese Ausgabe?
Von Kirchbach: Natürlich. Wir haben mehr als 100.000 Besucher jährlich, das haben von allen Museen in Deutschland nur die besten 3,8 Prozent. Und es ist ja auch nicht nur Geld aus der Stadtkasse: Im ersten und zweiten Bauabschnitt (Kosten etwa 33 Mio. Euro, d. Red.) haben wir rund 30 Prozent von Dritten bekommen, vom Land, von der Landesstiftung, von der Erzdiözese und aus der Bürgerschaft durch das Kuratorium. Wir hoffen, dass diese Unterstützung auch für den dritten Bauabschnitt kommt. Die Bevölkerung und der Gemeinderat stehen dahinter. Wichtig ist auch, dass wir mit dem dritten das Museum für Stadtgeschichte integrieren können, denn das hat aktuell räumlich bedingte Lücken. Auch die Volkskunde konnte bisher nicht richtig ausgestellt werden.

 

chilli: Nach dem Drama um die Sanierung am Theater haben sich die Sorgenfalten geglättet. Bekommen Sie nun wegen wichtiger Personalsorgen neue? Der Kaufmännische Direktor Klaus Engert geht im kommenden Sommer, die Intendantin Barbara Mundel 2017, und ein neuer Vertrag mit Generalmusikdirektor Fabrice Bollon ist auch noch nicht in trockenen Tüchern.
Von Kirchbach: Das sind normale Vorgänge. Frau Mundel wird 2017 elf Jahre bei uns gewesen sein. Ich muss respektieren und akzeptieren, dass sie dann auch mal eine Erholungsphase braucht und eine neue Aufgabe sucht. Ich habe jetzt schon viele Anrufe bekommen, das Interesse an der Intendanz am Theater Freiburg ist riesengroß. Noch vor der Sommerpause werden wir eine gute Personalentscheidung treffen. Bei der Nachfolge von Engert haben wir nicht so viel Zeit, weil wir in gegenseitigem Einvernehmen den Vertrag jetzt auslaufen lassen …

 

chilli: … in gegenseitigem Einvernehmen ist meistens eine diplomatische Umschreibung für: Hinter den Kulissen ging es hoch her, die Parteien haben sich total gefetzt. Engert hatte sich für das geschichtsreiche Haus von Swetlana Geier in Günterstal interessiert, das aber nicht bekommen …
Von Kirchbach: … ob das da reinspielt, weiß ich nicht. Engert hat einiges geleistet, die Umwandlung in den Eigenbetrieb zählt dazu. Wir hatten mehrere Gespräche, und es ist nicht nur eine diplomatische Floskel. Er hat sich so entschieden.

 

chilli: Und der Generalmusikdirektor?
Von Kirchbach: Bollon hat im Musiktheater für die Qualität des Philharmonischen Orchesters und auch des Gesangs Enormes geleistet. Er hat mir per Handschlag zugesagt, dass er wie Mundel bis 2017 verlängert. Er würde auch länger bleiben, wenn die Randbedingungen weiter verbessert wüden.

Lars Bargmann im Interview mit Ulrich von Kirchbach.

 

chilli: Welche?
Von Kirchbach: Das werden wir gemeinsam bis zum Sommer eruieren. Es geht ihm darum, das Orchester weiter zu stärken. Es gibt etwa Ideen zu einer besseren Vernetzung mit anderen Theatern in Europa. Ich bin optimistisch, dass wir ihn über 2017 behalten können.

 

chilli: Neulich haben mehr als 100 Menschen in einer ganzseitigen Anzeige die Stadt dafür kritisiert, dass sie die geschichtsreiche Reinhold-Schneider-Villa an der Mercystraße nicht als neuen Kulturort etabliert. Die Stadt gehe schlecht mit ihrem kulturellen Erbe um.
Von Kirchbach: Man muss in der Kulturpolitik klare Prioritäten haben. Dieses Haus hat nicht uns gehört. Wir müssten einen siebenstelligen Betrag für den Kauf in die Hand nehmen und einen noch höheren siebenstelligen Betrag für die Sanierung. Es gibt fast keine Parkplätze, das Haus liegt außerhalb der Innenstadt. Zudem kam die Initiative viel zu spät.

 

chilli: Was waren für Sie die Highlights 2014?
Von Kirchbach: Die tolle Lösung fürs Literaturhaus, mein Dank gilt Uni-Rektor Hans-Jochen Schiewer. Der Spatenstich für die neue Spielstätte für Tanz und Theater am E-Werk war ein Highlight, das Richtfest beim zweiten Bauabschnitt am Augustinermuseum, auch der Spatenstich für ein neues Obdachlosenwohnheim an der Tullastraße im November.

 

chilli: Und die Ärgernisse?
Von Kirchbach: Negativ war, dass wir das Sinfonieorchester Baden-Baden/Freiburg in der Stadt endgültig verlieren werden. Nach vielen Gesprächen und Versuchen muss man von diesem Pferd absteigen. Was mich aber am meisten beschäftigt, ist die Wohnungssituation. Wir haben aktuell 3700 Menschen in der Notfalldatei, das sind 1500 Haushalte, die wir nicht mit Wohnraum versorgen können. Bei mir stehen Menschen im Büro, bei denen man die Verzweiflung beinahe körperlich spürt. Das sind Schicksale. Aber wir haben keine Instrumente, um die zu versorgen. Das ist momentan die größte Herausforderung.

 

chilli: Eine Bleibe brauchen auch aktuell 1400 Flüchtlinge. 2015 werden es noch einmal bis 750 mehr sein. Was tun?
Von Kirchbach: Wir müssen ein neues Kapitel in der Flüchtlingspolitik aufschlagen. Wir jammern nicht wie andere (der Landkreis Esslingen hat zeitweise überhaupt keine Flüchtlinge mehr aufgenommen, d. Red.), sondern handeln. Wir wollen bestehende Heime in Behelfsbauten in feste Gebäude eingliedern, etwa an der Hammerschmiedstraße und an der Bissierstraße, wo wir neu auf dem Stellplatz für die Wohnmobile bauen wollen. Wir wollen auch nur noch kleinere für bis zu 70 Menschen bauen. In der Mooswaldallee haben wir begonnen, ein zweites soll am Parkplatz im Dietenbachpark gebaut werden, ein drittes am Bahnhof in Littenweiler.

 

chilli: Freiburg kriegt jeden Monat 70 neue Flüchtlinge …
von Kirchbach: … jedes neue Heim rettet uns nur einen Monat. Traurig, aber so ist es.

 

chilli: Wie weit sind die Verhandlungen über eine neue Landeserstaufnahmestelle (LEA) bei der Polizeiakademie?
Von Kirchbach: Wenn Freiburg eine bekommt, dann wollen wie eine Vorzeige-Einrichtung. Wir brauchen gegenüber der in Karlsruhe deutlich mehr Qualität, was Gesundheitsfragen anbelangt, Sozialarbeit, Tagesstruktur, Anbindung an benachbarte Quartiere, eine niederschwellige Ermöglichung von bürgerschaftlichem Engagement. Das Land könnte das alles auch ohne uns planen, deswegen muss man die Regierung mit Integrationsministerin Bilkay Öney loben, weil sie bereit ist, mit uns in einem öffentlich-rechtlichen Vertrag diese Details festzulegen. Klar ist, dass die Kapazität nicht über 1000 Menschen hinausgehen darf, denn das ist dann nicht mehr akzeptabel.

 

chilli: Herr von Kirchbach, vielen Dank für dieses Gespräch.

Text: Tanja Bruckert & Lars Bargmann / Fotos: © tbr