Lautstark war die Kritik, als Ende April im Freiburger Konzerthaus das internationale Ballistik-Symposium mit 400 Experten aus 35 Ländern über die Bühne ging. Friedensaktivisten etwa vom Rüstungsinformationsbüro hielten Mahnwachen ab, der Freiburger Rüstungskritiker Jürgen Grässlin bezeichnete es als „Schande“, dass sich Freiburg als „Kriegsunterstützerstadt“ präsentiere. Das Freiburger Ernst-Mach-Institut (EMI) der Fraunhofer-Gesellschaft war Mitveranstalter und musste sich gegen die Kritik zur Wehr setzen. Doch was machen die rund 300 EMI-Beschäftigten mit dem Jahresbudget von 23 Millionen Euro eigentlich genau?

Das 1949 gegründete und ursprünglich zur Freiburger Universität gehörende EMI, das heute als Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik firmiert, beschäftigt sich etwa mit der Frage, welches Material gegen eine Bombenexplosion schützt oder ob Panzerglas einem Beschuss wirklich standhält. Die Wissenschaftler arbeiten fürs Verteidigungsministerium und für private Auftraggeber. Rüstungsgegner werfen ihnen Kriegsforschung vor. Doch nicht zuletzt der jüngste Terroranschlag von Boston bestärkt Klaus Thoma in seiner Arbeit. „Er zeigt, dass wir auf diese Art von Bedrohung überhaupt nicht vorbereitet sind“, sagt der EMI-Leiter. Und: „Sicherheit wird in den nächsten Jahren eines der ganz großen Themen.“

Das Ernst-Mach-Institut
Ob Sprengstoffanschlag, Schießerei oder Kometenkollision: Die Forscher befassen sich mit Bedrohungen aller Art. „Wir haben den Beton des neuen World Trade Centers mitentwickelt“, erzählt Thoma und holt ein paar Erinnerungsfotos hervor. Sie zeigen, wie EMI-Mitarbeiter auf der New Yorker Großbaustelle ihre Namen in den Beton schreiben. So spielerisch die Aufnahme wirkt – oft geht es bei den Projekten um Leben und Tod. „Wir spielen in unserer Simulationsanlage sehr viele Szenarien durch“, ergänzt Thoma. Beispielsweise einen Anschlag auf die Olympischen Spiele in London – auch hieran war das EMI beteiligt – oder auf das Transbay Transit Center, einen gläsernen Wolkenkratzer in San Francisco.

Private und öffentliche Geldgeber lassen sich diese Forschung einiges kosten. Rund 23 Millionen Euro beträgt das Jahresbudget des Instituts, acht Millionen Euro kommen direkt vom Verteidigungsministerium. „Früher haben wir nur für die Behörde gearbeitet“, sagt Thoma, „inzwischen müssen wir sehr viel Geld selbst einwerben.“

Um der Industrie ein breites Portfolio anzubieten, spielten auch Verkehrs- und Raumfahrtthemen wichtige Rollen. Beispiel Weltraumschrott: „Mit unserer Leichtgaskanone testen wir, wie sich die gefährlichen Teile neutralisieren lassen.“ Der Auftrag kommt von der Europäischen Weltraumorganisation.

Wie die Experimente in der Praxis aussehen, zeigt sich in Efringen-Kirchen, einer 8000-Einwohner-Stadt nahe der Schweizer Grenze. Hier hat das EMI im vergangenen Herbst eine neue Crashtestanlage in Betrieb genommen, die auf Autos von morgen zugeschnitten ist. So gibt es etwa eine Schiene im Boden, in der sich mehrere Hochleistungskameras befinden: Die schießen bis zu 12.500 Bilder pro Sekunde – und geben den Unterboden eines Fahrzeugs gestochen scharf wieder. „Alternative Antriebe wie Batterien sind oft genau dort verbaut“, erzählt Anlagenmitarbeiter Markus Jung. Die großen Aufträge der Autoindustrie seien zwar bisher ausgeblieben – man befinde sich aber auch noch in der Aufbauphase.

Direkt nebenan auf dem Freigelände steht eine 25 Meter lange Stahlkonstruktion, umgeben von engmaschigen Fangnetzen. In diesem sogenannten Stoßrohr werden Objekte mithilfe von Druck beschossen. Das passende Beispiel lässt nicht auf sich warten: Eine ramponierte, eingerissene Fensterscheibe klemmt am Ende des Stoßrohrs. „Hier haben wir untersucht, wie die Kombination aus Beschuss und Druck auf Sicherheitsglas wirkt“, erklärt Standort-Leiter Christoph Mayrhofer. Das Ergebnis: Das Material hat mächtig gelitten, hätte aber im Ernstfall seinen Zweck erfüllt – die dahinter sitzenden Menschen wären noch am Leben.

Simulierte Explosion am statischen Herzstück eines Hauses.

Simulierte Explosion am statischen Herzstück eines Hauses.


Im Hinterhof sieht es aus wie im Krieg: Zerfetzte Betonteile mit heraushängenden Stahlträgern zeigen, was eine Sprengstoffexplosion anrichten kann. „Ein ernstzunehmendes Problem“, sagt Mayrhofer, „vor allem bei Gebäuden, deren untere Etagen auf Säulen stehen.“ Gerade erst habe er eine solche Situation in Bonn vorgefunden: „Wenn jemand dort eine Bombe zündet, bläst die Druckwelle den Beton einfach raus. Das kann ein Haus zum Einsturz bringen.“ Die Lösung der Wissenschaftler: Eine Spezialummantelung soll die Säulen schützen.

Doch zwischen Defensive und Angriff liegt nur ein schmaler Grat, wie Freiburger Friedensaktivisten immer wieder kritisieren. Schon seit Jahren regt sich Widerstand gegen die Arbeit am EMI, die Rüstungsgegner als „Kriegsforschung“ bezeichnen, weil die Grundlagenerkenntnisse sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können. Das sei auch beim Ballistik-Kongress wieder deutlich geworden, sagt Jürgen Grässlin vom Freiburger Friedensforum: „Mehr als bedenklich ist die Tatsache, dass offenbar zahlreiche Teilnehmer aus dem Überwachungs- und Folterstaat China kamen.“

Institutsleiter Klaus Thoma hat für die Proteste wenig Verständnis. „Ich kann die Leute nicht verstehen, die im schönen Baden sitzen und glauben, das gehe sie alles nichts an.“ Was in seinem Haus geschehe, könne er mit gutem Gewissen vertreten. „Diejenigen, die gegen uns demonstrieren, sollten mal nach Mali fahren. Danach wären sie sicherlich weniger kurzsichtig.“

Text: Steve Przybilla / Fotos: ns / EMI