Schauspieler in voll ausgereifter 3D-Technik, ein Dolby-Surround-Klang, der einem das Gefühl gibt, tatsächlich dabei zu sein und eine Auflösung in Ultra-ultra-ultra-high Definition: Es gibt viele gute Gründe dafür, das Kino mal rechts liegen zu lassen und ein paar Türen weiter das Theater Freiburg zu betreten. Im Gespräch mit dem Freiburger Stadtmagazin chilli hat Operndirektorin Dominica Volkert „Die Csárdásfürstin“ verständlich und mit einem Augenzwinkern beleuchtet – für alle, die sich das erste Mal an eine Operette herantrauen wollen. An das Genre also, mit dem auch das Theater selbst bisher fremdelte.

 

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Worum geht’s?

 

Wer sich schon bei „Dirty Dancing“ schluchzend ins Kissen vergraben hat, dem wird auch die Csárdásfürstin gefallen: Zwei Menschen, die nicht aus denselben Verhältnissen kommen und sich gegen den Willen der Eltern ineinander verlieben – zusammengeführt von der Musik.

Statt 80er-Jahre-Frisuren erwartet den Theaterbesucher jedoch eine Szene vor dem ersten Weltkrieg. Als sich der Fürst mit dem klingenden Namen Edwin von und zu Lippert-Weylersheim in die Operettensängerin Sylva Varescu verliebt, ist Stunk im Hause von und zu Lippert-Weylersheim angesagt. Denn Mama und Papa gefällt überhaupt nicht, mit wem sich ihr Sohnemann da eingelassen hat: Statt einer Varieté-Künstlerin soll er die Komtesse Anastasia, genannt Stasi, heiraten.

 

Was gibt’s zu hören?

 

Partymusik, die allerdings nicht viel mit dem gemein hat, was heute in Clubs gespielt wird. Gemäß der Entstehungszeit von Kálmáns Stück sind stattdessen Operettenchansons zu hören – seichte Unterhaltungsmusik, die den ernstzunehmenden Kompositionen Wagners gegenübersteht.

Sie spiegelt das Lebensgefühl auf der Bühne wider: Zum einen das wilde, ausgelassene Partyleben und zum anderen die Melancholie, die bei der Erkenntnis aufkommt, dass selbst die wildeste Party einmal ein Ende findet. Und so setzt sich die Musik aus zwei Teilen zusammen: Auf der einen Seite langsam und getragen, auf der anderen Seite mit ordentlich Rambazamba. Dabei heraus kommen Lieder, die man nur noch schwer aus dem Ohr bekommt: „Die Mädis, die Mädis, die Mädis vom Chantant …“

 

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Die Operette als Einstiegsdroge für die Oper?

 

Die Operette ist sozusagen ein Öperchen: Eine kleine, freche Schwester, die die Großen piekst und sich auch über sie lustig machen darf. Bei der Csárdásfürstin nimmt Frank Hilbrich, der Wagner-Regisseur am Theater Freiburg, seine eigenen Produktionen auf die Schippe. In die Originalkostüme gekleidet, betet auf der Bühne der spießige Wagnerverein die hehre Musik des großen Meisters an. Eine nicht sonderlich dezente Spitze gegen den Operndünkel.

Ob man als Theaterneuling lieber zunächst eine Operette besucht oder sich gleich den Wagner oder eine andere Oper gibt, ist einfach Geschmackssache. Wer auf Komödien mit Happy End steht, dem sei ein Date mit der kleinen Schwester ans Herz gelegt, wer Mord und Totschlag bevorzugt, macht beim großen Bruder alles richtig.

 

Sind Vorkenntnisse nötig?

 

Dass Opern so hochkomplex sind, dass sie nur mit einem Abschluss in Theaterwissenschaften verstanden werden können, ist ein Vorurteil – das nicht selten von hochtrabenden Produktionsbeschreibungen oder Pressekritiken genährt wird. Sicher ist es schön, wenn man bei der Csárdásfürstin das eine oder andere Wagner-Zitat wiedererkennt – herzhaft lachen lässt es sich aber noch an vielen weiteren Stellen, die keinerlei Theaterwissen bedürfen. Opern und Operetten sind in erster Linie ein emotionales Phänomen: Wer will, kann über die Gesellschaftskritik nachgrübeln oder die Inszenierung in einen geschichtlichen Kontext einordnen. Wer keine Lust darauf hat, lässt sich einfach von der Musik und dem Geschehen auf der Bühne mitreißen.

 

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Was ist die passende Kleidung?

 

Erlaubt ist, was gefällt, eine Kleiderordnung gibt es nicht. Wer gerade vom Wandern kommt, darf mit Jeans und Turnschuhen ins Theater, wem es Spaß macht, sich herauszuputzen, kommt im Abendkleid oder Sakko. Wer unsicher ist, kann sich an den Theaterschaffenden orientieren (bitte nur an denen hinter der Bühne), die sich für solch einen Abend schick, aber dezent kleiden. Volkerts Patentrezept: Auf Schwarz setzen – damit liegt man nie falsch.

 

Was gehört in die Handtasche / in die Hosentasche?

 

Ein Taschentuch für die Lachtränen, die spätestens beim Auftritt des Nashorns fließen könnten, oder für die Mitleidstränen, wenn Sylva und ihr Fürst einfach nicht zusammenfinden. Für die Pause empfiehlt sich etwas Kleingeld – ein Glas Sekt kostet vier Euro – oder ein Kavalier, der die Rechnung übernimmt. Leider aus der Mode gekommen, aber gerade für die oberen Ränge ein tolles Accessoire, ist das Opernglas. Wer keines von der Oma geerbt hat, kann sich bei Optik Nosch in der Bertoldstraße eines kaufen (ab 85 Euro).

 

Gleich zur Premiere kommen oder lieber erst später?

 

Die Premiere ist immer eine besondere Veranstaltung mit einer besonderen Stimmung. Die Schauspieler gewinnen aber mit jeder Aufführung an Souveränität, sodass die beste Aufführung im Idealfall die letzte ist. In der Realität hängt es einfach vom Glück des Zuschauers ab, ob die Schauspieler und Sänger gerade einen guten oder schlechten Tag haben. Volkerts Lösung: Einfach mehrmals eine Produktion besuchen und sich an den Unterschieden und neuen Aspekten erfreuen.

 

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Mit welchem Angebersatz könnte man in der Pause richtig vom Leder ziehen?

 

Ich finde es konzeptionell gut durchdacht, dass im Theater Freiburg erstmals ein Wagner-Regisseur eine Operette inszeniert hat. Ich hoffe, dass das im Feuilleton der Weltpresse diskutiert werden wird.

Doch Achtung: „Wenn ich hören würde, wie jemand diesen Satz in der Pause sagt, würde ich ihn gleich von seinem hohen Sockel herunterholen“, empört sich Volkert. Also, nicht von der „gestrengen“ Operndirektorin erwischen lassen!

 

Darf man den Regisseur ausbuhen, wenn einem das Stück nicht gefallen hat?

 

Sich ins kleine Schwarze gezwängt, extra ein Opernglas eingesteckt und dann eine Aufführung gesehen, die den ganzen Aufwand einfach nicht wert war? Wer seinem Ärger darüber Luft machen muss, kann das mit lauten Buh-Rufen tun. Doch was bei der Premiere noch problemlos möglich ist – wo am Ende der Regisseur mit auf der Bühne steht –, wird später schwieriger.

Der beste Zeitpunkt ist dann kurz vor dem Schlussapplaus. Während Theatermacher es aushalten müssen, wenn die Zuschauer ihren Emotionen mit Buh-Rufen – oder auch Bravo-Rufen – Luft machen, rät Volkert davon ab, einzelne Sänger auszubuhen. Sie selbst äußert ihre Kritik nach einer schlechten Vorstellung übrigens diskreter: Sie verweigert den Applaus.

 

INFO:

Termine: 9.11., 14.11., 22.11., 14.12., 22.12., 27.12. & 7.2.

Tickets: 13 bis 51 Euro (8 Euro für Studenten)

 

 

Text: Tanja Bruckert/Fotos: M. Korbel