Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt. “Den berühmten Freiburg-Song der Band Tocotronic, ein Schwergewicht der sogenannten „Hamburger Schule“, hat Ingo Leistner 1995 auf Vinyl pressen lassen. Seit dieser Zeit hat sein Ein-Mann-Label Ritchie Records 66 Tonträger produziert, im September kommt die neue Scheibe von Bernadette La Hengst in den Handel. Leistner will nicht wirklich Geld verdienen, auf den richtigen Durchbruch hat er bislang gerne vergeblich gewartet. Dominik Bloedner sprach mit ihm.

chilli: Herr Leistner, lassen Sie uns über Geld reden …
Leistner: Gerne. Allerdings muss ich gestehen: Mit meinen Scheiben verdiene ich nichts, Einnahmen und Ausgaben halten sich die Waage.

chilli: Spielen Sie selbst ein Instrument? Wie kam es zur Musik?
Leistner: Als Zehnjähriger musste ich Akkordeon lernen und damit durchs Dorf ziehen. Uncool! Das werfe ich meiner Mutter heute noch vor. Danach nur noch Konsum, ich war ein Waver mit spitzen Schuhen. Dann hatte ich das Glück, Tom Haller von Flight 13 kennenzulernen und bei ihm im Plattenladen einzusteigen. Mitte der 1990er Jahre begann ich schließlich mit meinem eigenen Label.

chilli: Im Hauptberuf sind Sie Sozialarbeiter. Würde das mit dem Label auch ohne diesen doppelten Boden funktionieren?
Leistner: Nein, dann müsste ich alles anders machen. Ich müsste mehr Platten in höherer Auflage herausbringen und zusätzlich einen Verlag betreiben. Denn nur so könnte ich an den Rechten von Songs mitverdienen. Ich müsste mich verstärkt darum kümmern, meine Künstler im Fernsehen und im Radio zu platzieren und darauf hoffen, dass eines von ihren Liedern irgendwann für eine Haarspray-Werbung entdeckt wird. Es wäre ein Klinkenputzen bei der Industrie.

Keine Lust auf Klinkenputzen: Ingo Leistner zerstört gerade seine CDs –
der Mann steht auf Vinyl und MP3s.



chilli: Was war die erste Veröffentlichung?
Leistner: Das war 1995 eine Single von Tocotronic kurz vor deren Durchbruch. Die Scheibe war ein Konzertmitschnitt von einem Gig in der alten KTS im ehemaligen Franzosenkino. Für meine Verhältnisse war das ein Verkaufsschlager. Alle 1500 Scheiben gingen weg. Sonst produziere ich in geringeren Auflagen.

chilli: Wie viele Platten haben Sie bislang produziert?
Leistner: 66. Insgesamt schwirren also über 50.000 Tonträger mit dem kleinen weißen Totenkopf in der Welt herum.

chilli: Vinyl oder CD?
Leistner: Nur Vinyl oder MP3s. Meine eigene CD-Sammlung löse ich gerade auf und zerstöre die Tonträger, ich habe bislang nur fünf CDs selber gemacht.

chilli: Wie funktioniert Ritchie Records?
Leistner: Befreundete Label machen die CD, ich kümmere mich ums Vinyl. Die Bands kommen mit dem fertigen Material aus dem Studio zu mir, mein Job besteht darin, die Platte pressen zu lassen und den Vertrieb zu organisieren. Im Herbst kommt die neue Scheibe von Bernadette La Hengst „Integrier mich, Baby“ heraus. Ich arbeite mit deutschsprachigen Künstlern wie den Aeronauten, Knarf Rellöm oder 206. Kleine Auflagen, große Musik.

chilli: Der kleine Standort Freiburg in der großen Welt des Musikbusiness? Oder, anders gefragt: Haben Sie nie vom großen Durchbruch geträumt?
Leistner: Oje, wir leben hier in der Diaspora. Ein Beispiel ist die Freiburger Band Liquid Laughter Lounge Quartett. In einer größeren Stadt hätten die richtig Erfolg gehabt. Ich habe hier wahrscheinlich draufgezahlt, schade. Eine tolle Band und tolle Platten. Wer mit einem Label Erfolg haben will, der muss in eine dieser Medienstädte wie Berlin, Köln oder Hamburg ziehen. Da trifft man die wichtigen Leute in den Clubs und am Tresen. Überhaupt: In unserer Vinyl-Nische erreicht man deutschlandweit nicht einmal 10.000 potentielle Kunden.

chilli: Ihr Traum?
Leistner: Mit meiner Musik als Produzent unsterblich zu werden, wenn ich es als Künstler schon nicht selbst geschafft habe. Und dann möchte ich die 100 Scheiben vollmachen. Auf einen Anruf der Haarspray-Industrie oder anderer Werbefuzzies warte ich gerne vergeblich.

Zur Person:
Ingo Leistner, 43, kam von Offenbach nach Freiburg und studierte Sozialarbeit an der Evangelischen Fachhochschule. Er arbeitete in einem Jugendzentrum in Lörrach und stieg früh beim Freiburger Plattenladen Flight 13 ein. Seit 1995 hat er sein eigenes Label Ritchie Records und bringt Vinyl unters Volk. Im Hauptberuf ist Leistner in der Erwachsenenbildung tätig und arbeitet als Sozialarbeiter in einer Hauptschule. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und spielt beim Improtheater L.U.S.T. Seine erste eigene Scheibe war eine von Abba.

Foto: Dominik Bloedner