Die deutsche DRF Luftrettung feiert in diesem Jahr ihr 40-jähriges Jubiläum, die Freiburger Station ihr 20-Jähriges. Grund genug für chilli-Volontärin Tanja Bruckert, einen Tag lang das Team im Rettungshubschrauber zu begleiten.

 

Die Sonne hat es noch nicht durch die Nebelglocke über Freiburg geschafft, doch in der Station am Freiburger Flugplatz herrscht schon emsiger Betrieb. Pilot Gilles Kodsi ist als Erster mit seinen Vorbereitungen fertig. Er checkt, ob der weiß-rote Christoph 54 in der großen Flughalle technisch in Ordnung ist. Notarzt Frank Lerch und Rettungsassistent Ralf Mewes begutachten derweil die medizinische Ausrüstung: Ein Herzmonitor, ein Beatmungsgerät, ein iPhone-großes Ultra-schallgerät, mehrere Spritzenpumpen, eine Tasche und ein Rucksack mit allem Nötigen für die Erstversorgung sowie eine Metallkiste mit medizinischen Geräten, die seltener gebraucht werden – der Hubschrauber ist zwar gut ausgerüstet, aber im Hinblick auf Platz und Gewicht nur mit dem Nötigsten.

Um acht Uhr meldet sich Christoph 54 einsatzbereit. Die mehr als 50 Hubschrauber der DRF sind alle nach dem Heiligen Christophorus benannt, Schutzpatron unter anderem im Verkehr, bei Krankheit, Sturm und Unwetter. Für das Team von Christoph 54 ist zunächst Warten angesagt. Manchmal steht schon fest, was auf dem Einsatzplan steht, meist wissen die Luftretter aber nicht, was der Tag bringen wird. „Im Winter hängt das stark vom Wetter ab“, erklärt Pilot Kodsi. „Weil wir nicht auf einem beleuchteten Flugfeld, sondern irgendwo im Vorgarten oder auf einem Sportplatz landen, können wir nur auf Sicht fliegen.“ Deswegen hebt der Heli im Winter im Schnitt drei bis vier Mal täglich ab, im Sommer sind es oft sechs Einsätze: Und da bis zum Sonnenuntergang geflogen wird, sind 15-stündige Schichten die Regel.

 

Dann gehen plötzlich die Notrufpiepser los. „Akutes Koronarsyndrom in Schönau“ ist alles, was dem Notruf zu entnehmen ist. Für Nachfragen ist keine Zeit, nur Sekunden später lässt Kodsi die Maschine an, Mewes steigt neben ihm ein, um zu navigieren, Notarzt Lerch schnallt sich hinten in seinen Sitz. Die schweren Helme bieten nicht nur Schutz bei holprigen Flügen, durch die eingebauten Mikros gewährleisten sie auch die Kommunikation im lauten Hubschrauber. Christoph 54 hat bereits 23 Jahre auf dem Buckel und zählt daher nicht zu den leisesten seiner Gattung.

Der Heli steigt in Sekundenschnelle auf und rast dann mit Tempo 200 über die Dächer von Freiburg auf den wolkenverhangenen Schwarzwald zu. Für Kodis ist schnell klar: Auf direktem Weg wird das nichts. So steuert er den Heli durchs Münstertal. Währenddessen kommen über Funk weitere Infos der Leitstelle Freiburg, der Zentrale, an der alle Notrufe aus Freiburg und Umgebung auflaufen: „Die Patientin ist eine 77-jährige Frau mit Herzinfarkt, die ins Herzkatheterlabor nach Bad Krozingen gebracht werden muss. Ein Rettungswagen ist bereits vor Ort.“

Plötzlich strahlt die Sonne an einem hellblauen Himmel durch die Fenster, die Wolken liegen jetzt in einer dichten Decke, die von schneebedeckten Gipfeln unterbrochen wird. „Das perfekte Mittel gegen Winterdepressionen“, durchbricht Rettungsassistent Mewes Stimme die Stille.

 

Da über Schönau wieder graue Wolken schweben, wird vereinbart, dass der Rettungswagen die Patientin nach Todtnau bringt. Dort hält das Team gemeinsam nach einem Landeplatz Ausschau und entscheidet sich für den Gästeparkplatz der Glasbläserhütte. Aus der Luft sieht die Fläche winzig aus, Kodsi landet souverän: „Eigentlich sollte die Landefläche den zweimaligen Rotordurchmesser umfassen. Mit viel Erfahrung kann man aber auch bei kleineren Flächen abschätzen, ob eine sichere Landung möglich ist.“

Kurz darauf steht der Krankenwagen neben uns. Die Patientin ist aufgeregt. „Ich habe Flugangst“, begrüßt sie ihren Notarzt. „Patienten, die Angst haben, stellen wir mit Beruhigungsmitteln ruhig. Zusätzlicher Stress würde nur dem Herzen schaden“, meint Lerch. Eine Viertelstunde später landet Christoph 54 in Bad Krozingen, seit dem ersten Notruf ist eine Stunde vergangen. Der Notarztwagen hätte allein für die Fahrt von Schönau zur Herzklinik eine Stunde gebraucht.

Schnelligkeit ist aber nicht der einzige Grund, warum statt eines Krankenwagens der Rettungshubschrauber angefordert wird. Innerhalb von 15 Minuten nach einem Notruf muss ein Notarzt vor Ort sein, „egal, ob der Patient im Stadttheater sitzt oder auf einem Klettersteig im Schwarzwald ist“, erzählt Mewes. Zu Notfällen in den umliegenden Gemeinden wird auch deshalb oft der Rettungshubschrauber geschickt, damit in jedem Fall einer der drei Wagen einsatzbereit im Stadtgebiet bleibt.

40 Prozent der Einsätze sind mittlerweile Verlegungsflüge in ein anderes Krankenhaus – da sich Kliniken immer mehr spezialisieren, ist dieser Trend steigend. Während die Not-einsätze der Freiburger auf das Gebiet von Offenburg über Villingen-Schwenningen bis an den Bodensee begrenzt sind, können Verlegungsflüge auch mal bis nach München gehen.

 

Zurück in der Station steht zunächst ein – ziemlich spätes – Frühstück auf dem Plan. Die Station hat nicht nur eine Küche, sondern auch Schlafzimmer. Sie ist eben nicht nur Arbeitsplatz, sondern oft auch ein zweites Zuhause.

Kodsi kommt aus Köln und arbeitet meist in Karlsruhe oder Freiburg. Er wohnt während seiner viertägigen Arbeitswoche in der Station. Danach hat er mehrere Tage frei. „Die meisten Leute beneiden einen, wenn sie hören, dass man regelmäßig fünf bis sechs Tage am Stück frei hat“, erzählt er. „Unsere Arbeitszeiten entsprechen aber etwa einer 40-Stunden-Woche. Wenn man im Sommer 15 Stunden am Stück arbeitet, hat man die Zeit eben schnell beisammen.“ Um die langen Arbeitszeiten zu stemmen, arbeiten in der Freiburger Station 15 Notärzte, drei Piloten und sechs Rettungsassistenten.

Kaum ist das Frühstück beendet, gehen die Notrufpiepser erneut los: Ein Kind ist auf dem Schluchsee mit seinem Schlitten auf dünnes Eis geraten. Was sich dramatisch anhört, entpuppt sich als Fehlalarm. Eine Frau hatte im Vorbeifahren den Notruf gewählt – was sie für ein Kind mit Schlitten hielt, war in Wirklichkeit ein Eisfischer auf einem Schemel. „Die Zahl dieser Fehlalarme nimmt zu“, weiß Lerch, „die Menschen rufen mit ihrem Smartphone lieber einmal zu viel den Notruf als zu wenig.“ Die Kosten für den Fehlalarm trägt die Flugrettung. Ansonsten zahlen die Krankenkassen rund 60 Euro pro Flugminute, was etwa 75 bis 80 Prozent der Kosten entspricht, den Rest muss die DRF durch Spenden finanzieren.

Am Nachmittag kehrt Ruhe ein: Lerch gibt die Patientendaten in den Computer ein, Mewes schwingt den Staubsauger – ja, auch das gehört zu dem Job. Den drei Männern ist jedoch deutlich anzusehen, dass Däumchendrehen nicht ihr Ding ist, und so ist niemand böse, als kurz vor Feierabend noch ein letztes Mal das durchdringende Piepsen des Notrufs die Station erfüllt.

Text & Fotos: Tanja Bruckert