Kinostart des Films “Sinti und Roma in Freiburg” ist am 15. September

Sinti und Roma am Rande der Gesellschaft: Ein Freiburger Filmemacher auf der Spur einer unbekannten Minderheit

Jeder 76. Freiburger ist ein Sinti oder Roma. Und dennoch tauchen sie im Stadtleben kaum auf, die meisten leben kaum integriert in eigenen Siedlungen oder Heimen. Der Freiburger Filmemacher Bodo Kaiser will mit einem neuen Film auf die Sinti und Roma in Freiburg aufmerksam machen – und bringt damit das Freiburger Roma-Büro gegen sich auf. Dabei hat dessen Leiter Tomas Wald gerade alle Hände voll zu tun: Der Bundestag verschärft das Asylrecht, was eine Abschiebungswelle zur Folge haben könnte.

Am Rand der Gesellschaft: Bis in die 1960er Jahre lebten die Freiburger Sinti in Wagen am Stadtrand – heute wohnen sie in einer Reihenhaussiedlung in Weingarten.

 

Blick in das Flüchtlingswohnheim in der Hammerschmiedstraße: Hier wohnt die vierköpfige Familie Celic in einem Zimmer auf weniger als zwanzig Quadratmeter. Schnitt. Eine Wohnung in Haslach, auf dem Sofa sitzt die Roma-Familie Gasnyani mit ihren sechs Kindern und erzählt von dem Haus, das ihnen im Kosovo gehört hat. Schnitt. Eine Siedlung in Weingarten, der Sinto Beppo Reinhardt blickt in die Kamera, im Hintergrund steht ein NPD-Plakat auf dem Boden mit der Aufschrift: Geld für Oma – statt Sinti und Roma.

 

Das sind Szenen aus dem neuen Dokumentarfilm „Sinti und Roma in Freiburg“ des Filmemachers Bodo Kaiser, der am 15. September im Kommunalen Kino zu sehen ist. „Ich wollte den Menschen einen Blick in die Familien ermöglichen“, beschreibt er, „ich habe das Gefühl, die meisten haben keine Ahnung, wie diese Menschen leben.“

Am Rand der Gesellschaft: Bis in die 1960er Jahre lebten die Freiburger Sinti in Wagen am Stadtrand – heute wohnen sie in einer Reihenhaussiedlung in Weingarten.

 

Das bestätigt eine der ersten Filmszenen. Kaiser befragt Freiburger auf der Straße, ein junger Mann zuckt die Achseln: „Sinti und Roma? Die tauchen in meinem Leben nicht auf.“ So wie ihm geht es vielen, dabei leben in Freiburg nach Walds Erkenntnissen rund 1000 Sinti und 2000 Roma. 500 bis 600 Roma seien gut integrierte ehemalige Gastarbeiter aus Jugoslawien, die bereits seit mehr als 30 Jahren in Deutschland leben. Rund 700 seien von Abschiebung bedroht.

 

Dass Sinti und Roma oftmals in einem Atemzug genannt werden, ist eigentlich falsch, denn die beiden Volksgruppen haben weniger gemein, als man annehmen könnte: weder Sprache, noch Religion oder Bräuche. Auf diese Unterschiede will Kaiser aufmerksam zu machen – doch er wählt nach Ansicht von Tomas Wald den falschen Weg: „Mit dem Filmemacher Kaiser haben wir Stress, er respektiert nicht, dass viele Roma aus Tradition nicht fotografiert und gefilmt werden wollen.“

 

Ein Vorwurf, den Kaiser nicht versteht: „Die Familien haben alle eingewilligt, dass ich sie filmen darf.“ Er sieht den „Stress“ in persönlichen Unstimmigkeiten begründet. „Tomas Wald und ich können einfach nicht miteinander.“

Am Rand der Gesellschaft: Bis in die 1960er Jahre lebten die Freiburger Sinti in Wagen am Stadtrand – heute wohnen sie in einer Reihenhaussiedlung in Weingarten.

 

Vor vier Jahren hat Wald das Roma-Büro ins Leben gerufen – als Selbsthilfeorganisation von Roma-Kriegsflüchtlingen. Neben der Beratung stehen hier etwa Jugendgruppen, Deutschkurse, Computerworkshops oder eine Fahrradwerkstatt auf dem Programm. Das Büro wendet sich vor allem an die Roma in den Asylheimen, denn eine eigene Roma-Siedlung – vergleichbar mit der Sinti-Siedlung in Weingarten – gibt es in Freiburg nicht. Stattdessen haben die beiden Asylantenheime in der Hammerschmied- und der Herrmann-Mitsch-Straße mittlerweile den Charakter von Roma-Dörfern. Hier leben Roma, deren Aufenthaltsstatus ungeklärt ist, und die daher ständig damit rechnen müssen, abgeschoben zu werden.

 

Ihre Situation könnte sich schon bald verschärfen: Der Bundestag hat die Länder Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina zu sicheren Herkunftsstaaten erklärt. Geht das neue Gesetz auch durch den Bundesrat – was aufgrund des Widerstands der Grünen als unsicher gilt –, können Asylanträge aus diesen drei Balkanländern einfacher abgelehnt werden. Und für die Freiburger Roma könnte das eine Abschiebungswelle zur Folge haben. Allein in der ersten Augustwoche seien, so Wald, „fast 30 Abschiebungsbescheide“ an Freiburger Familien gegangen, mit der Aufforderung, das Land in den nächsten drei Wochen zu verlassen. Zuständig dafür ist das Regierungspräsidium Karlsruhe.

 

„Noch ist hier keiner abgeschoben worden“, sagt der Freiburger Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach. Es habe in den vergangenen Monaten nur einen einzigen Abschiebeversuch gegeben. Für den Flüchtlingsrat Baden-Württemberg steht aber fest: Roma haben kein sicheres Herkunftsland. In einem Appell an die Landesregierung stellen sie dar, dass Roma in ihren Herkunftsländern nicht nur absolute Armut, sondern auch soziale und rassistische Diskriminierung erwartet. Auch das zeigt Kaisers Film: Nicht eine Roma-Familie weiß vor seiner Kamera nicht von Armut und Gewalt zu berichten. Ein Frau berichtet von ihrem Leben in einem Bretterverschlag, eine andere von ständigem Hungern und Betteln auf der Straße, eine weitere war Zeugin, wie Menschen im Krieg die Hände oder Füße abgehackt wurden – und sie alle müssen fürchten, wieder in diese Länder abgeschoben zu werden.

Am Rand der Gesellschaft: Bis in die 1960er Jahre lebten die Freiburger Sinti in Wagen am Stadtrand – heute wohnen sie in einer Reihenhaussiedlung in Weingarten.

 

„Es ist eine Aufgabe der EU, hier die Länder zu verpflichten, Roma zu integrieren, und wenn das nicht gelingt, auch Sanktionen auszusprechen“, sagt von Kirchbach. Wenn diese Länder in der EU sind, dann müssten sie sich auch so verhalten. Es könne nicht das Ziel sein, dass alle Roma aus ihrer Heimat in andere Länder getrieben würden.

 

Ist es überhaupt möglich, Menschen, die nicht wissen, wie lange sie bleiben dürfen, zu integrieren? „Der Stadt sind durch Bundes- und Landesgesetze enge Spielräume gesetzt“, weiß Wald. Zudem seien viele der Sozialarbeiter und Verwaltungsangestellten überfordert und zu wenig ausgebildet – so dass etwa die Unterschiede zwischen den beiden Völkern vielfach nicht erfasst würden. „Wir haben sicher landesweit die mit am besten ausgebildeten Fachkräfte“, entgegnet von Kirchbach. Keine andere Stadt in Baden-Württemberg habe freiwillig so viele Roma „jenseits des Asylverfahrens“ aufgenommen wie Freiburg: „Wir haben sehr viel geleistet.“ Das Innenministerium hat das bestätigt. Zu kritisieren sei allenfalls der Betreuungsschlüssel: Ein Sozialarbeiter ist für 130 Flüchtlinge zuständig. So sei aber die Gesetzeslage.

 

Eine Möglichkeit zur besseren Integration hat das Roma-Büro selbst entworfen: Ein Konzept für ein Ankunftsquartier, das die bisherigen Asylantenheime ersetzen soll. Die Idee dahinter ist, dass sich die Ankommenden durch eigene Leistungen in die Gesellschaft integrieren – etwa, indem sie die Möglichkeit bekommen, sich mit Ladenlokalen, Fahrradwerkstätten, Nähstuben oder Ähnlichem selbstständig zu machen, indem sie Hausmeisterarbeiten im Quartier übernehmen oder nochmal die Schulbank drücken, um Deutsch zu lernen. In Städten wie Duisburg, Mannheim oder Berlin gebe es solche Quartiere bereits und auch in Freiburg gebe es Gespräche mit der Stadtverwaltung, erzählt Wald. Eine Überlegung sei, die Polizeiakademie an der Müllheimer Straße in solch ein Ankunftsquartier umzubauen. Momentan sind Stadt und Land in Gesprächen, hier eine Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge einzurichten. Eine weitere Aufnahmestelle ist dringend nötig, denn nach aktuellen Schätzungen muss Baden-Württemberg in diesem Jahr dreimal so viele Flüchtlinge aufnehmen wie 2013, als es knapp 14.000 waren. Die Idee, eine neue Aufnahmestelle oder die gegenwärtigen Asylheime als Ankunftsquartier zu gestalten, sei zwar vom Grundsatz her positiv aufgenommen worden, berichtet Wald, doch die praktische Umsetzung sei „ein langer Weg mit dicken Brettern“. Diese Aufnahmestelle würde indes für die bereits hier lebenden Sinti und Roma gar nichts Neues bedeuten.

Blick in die Familien: Zwei Jahre lang hat Filmemacher Bodo Kaiser an seiner Dokumentation über Freiburger Sinti und Roma gearbeitet.

 

„Wir wollen die Situation für die Roma aber dadurch verbessern, dass wir an der Hammerschmied- und der Bissierstraße neue Unterkünfte bauen und zwar so, dass die auch als Wohnungen genutzt werden könnten“, erklärt von Kirchbach. Denn das sei das zentrale Problem: „Wir haben nicht zu wenig Heimplätze, aber viel zu wenig Wohnungen.“

 

Doch der Film beleuchtet auch die Sinitis. Kaiser zeigt in seinem Film mehrere Mitglieder der größten Familie, der Reinhardts, zu der der 80-Jährige seit seiner Zeit als Lehrer an der Staudinger Gesamtschule Kontakt hat. Viele von ihnen arbeiten als Schrott-, Auto- oder Antiquitätenhändler. Bis Anfang der 70er Jahre lebten zahlreiche Sinti noch in menschenunwürdigen Hütten im heutigen Rieselfeld, die Situation änderte sich durch den Bau einer Reihenhaussiedlung in Weingarten. „Die Siedlung ist eine Art Ghetto am Rand der Gesellschaft“, berichtet Kaiser, „wenn Sie dort hineingehen, werden Sie sofort gefragt, was Sie dort wollen und ob man Ihnen helfen kann.“

 

Gut integriert sind die Sinti nach Meinung des ehemaligen Sozialarbeiters Max Heinke dennoch. Mehr als 30 Jahre lang hat der 70-Jährige im Verein Nachbarschaftswerk Sinti-Familien bei der Integration unterstützt und weiß, dass es viele Kontakte und Freundschaften von Sinti mit der restlichen Freiburger Bevölkerung gibt.

 

Auch Kaiser ist in der Siedlung mittlerweile ein bekannter Gast. Seinen Film hat er hier in kleinem Kreis bereits vorgeführt und positive Reaktionen erhalten. Besonders freut ihn, dass sein Film auch zwischen den beiden Völkern vermitteln kann: „Die Zuschauer haben mir gesagt, dass sie die Situation der Roma jetzt mit anderen Augen sehen – genau das wollte ich mit meinem Film erreichen.“

 

Text: Tanja Bruckert / Fotos: Walter Schlecht, tbr

 

Sinti & Roma – Geschichte

Sinti und Roma leben bereits seit 600 Jahren in Deutschland. Von ihrer ursprünglichen Heimat im Nordwesten Indiens wurden sie zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert von Arabern als Soldaten und Sklaven verschleppt. Es folgten Jahrhunderte der Diskriminierung und Verfolgung: Im 15. Jahrhundert durften Zigeuner auf dem eigenen Land straflos getötet werden, im 16. durften ihnen Polizisten ihren Besitz wegnehmen und sie aus dem Land vertreiben, im 18. wurden Kinder ihren Eltern weggenommen, damit sie sich nicht an das Zigeunerleben gewöhnten, und im 19. wurden sie aus den Gemeinden vertrieben, ertränkt, erhängt oder erschlagen. Ihren traurigen Höhepunkt erreichte die Verfolgung während des Zweiten Weltkriegs, als mehr als 500.000 Sinti und Roma deportiert und ermordet wurden. Freiburg machte da keine Ausnahme: 1943 wurden zahlreiche in Freiburg wohnende Sinti ins „Zigeunerlager“ nach Auschwitz geschafft. Erst am 28. November 2013 unterzeichneten die grün-rote Landesregierung und der Landesverband Deutscher Sinti und Roma einen Staatsvertrag, mit dem die historische Verantwortung Deutschlands gegenüber den Angehörigen dieser vom Nationalsozialismus verfolgten Gruppe anerkannt wird. Denn während heute den meisten Menschen bewusst ist, was den Juden im Zweiten Weltkrieg angetan wurde, ist das Unrecht gegenüber den Sinti und Roma kaum ein Thema – noch schlimmer ist, dass ihre Diskriminierung bis heute reicht.