Sind es nur Geburtswehen oder liegt es in der Struktur begründet? Das Konzept der International University of Cooperative Education (IUCE) in Freiburg entspricht nicht den wissenschaftlichen Maßstäben einer Hochschule. So steht es in der Stellungnahme des für die staatliche Anerkennung zuständigen Wissenschaftsrats. Ein fester Schlag in die Magengrube der jungen Hochschule. Es mangele vor allem an der Sicherung der akademischen Freiheit, an der inhaltlichen Vernetzung von Theorie und Praxis sowie an einem Forschungskonzept. Zudem sei die Finanzierung nicht über 2013 hinaus gesichert. Mit der Ablehnung war auch die Anerkennung der Bachelor-Abschlüsse in Frage gestellt. Ein knappes Dutzend Studierender hat der IUCE daher spontan den Rücken gekehrt. Und ob die Studierenden nach September weiterhin Bafög beantragen können, ist auch noch unklar.

Die meisten aber vertrauen den Verantwortlichen um den geschäftsführenden Gesellschafter Robert Wetterauer. Der ist überzeugt, in einem zweiten Anlauf die Anerkennung zu bekommen und hat für die Abschlusssemester jetzt eine externe Lösung gefunden: Durch die Zusammenarbeit mit der AKAD-Hochschule in Stuttgart sind deren Bachelorabschlüsse nun staatlich anerkannt. Die IUCE versucht, sich weiter aus der Krise zu manövrieren.


Es sind unruhige Tage an der Kronenstraße. Die Verunsicherung ob der mangelnden Anerkennung räumt Wetterauer im Gespräch mit dem Freiburger Stadtmagazin chilli unumwunden ein: „10 von 220 Studenten haben deswegen gekündigt, wir müssen auch selbstkritisch sein und jetzt die drei Bereiche akademische Freiheit, Verzahnung von Theorie und Praxis und das Forschungskonzept weiterentwickeln.“ Die IUCE habe sich bisher sehr stark, vielleicht zu stark, auf die Lehre konzentriert. Einen finanziellen Engpass sieht der IUCE-Hauptgesellschafter aber nicht. 1,2 Millionen Euro haben er, seine Mutter Antoinette Klute-Wetterauer und sein Onkel Friedrich Klute bisher in die duale Hochschule gesteckt. Die geforderten Verbesserungen werden nicht zum Nulltarif zu haben sein.

Zweifel an der Qualität der Lehre in der 2009 gestarteten Hochschule haben die meisten Studierenden nicht. Einen Unterstützer-Brief an die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer haben 120 Studierende unterzeichnet – der Rest war an jenem Tag zur Praxis in den kooperierenden Unternehmen, heißt es in dem Schreiben, in dem Bauer auch aufgefordert wird, sich für die Anerkennung einzusetzen. „Wir alle sind von der Qualität der Lehre überzeugt“, sagt Bettina Seitz, die im ersten Semester ist. „Unsere Dozenten haben einen hohen Qualitätsanspruch, viele unterrichten ja auch an der Deutschen Immobilien Akademie, die haben was auf dem Kasten“, findet Drittsemester René Derjung. 500 Euro monatlich zahlen die Studierenden für diese Lehre. „Die Ausbildung ist gut, unsere Studenten lernen da was“, sagt auch ein Unternehmer.

Auch bei der Anrechenbarkeit von Studien- und Prüfungsleistungen ihrer Studenten ist die IUCE einen Schritt weiter: Aus dem baden-württembergischen Wissenschaftsministerium flatterte Ende Februar ein Brief auf den Tisch von Rektor Marco Wölfle. Das Ministerium hält die nötigen Voraussetzungen für die hundertprozentige Anerkennung für gegeben, weil die IUCE eine auflagenfreie Programmakkreditierung der Akkreditierungsagentur Acquin hat. Was aber fehlt, ist die institutionelle Akkreditierung und über die entscheidet nach einem Beschluss der Landesregierung von 2002 der Wissenschaftsrat – übrigens im Schnitt bei 15 von 100 Anträgen negativ.

Führungsduo an der IUCE: Das Lachen war dem Geschäftsführer Robert Wetterauer (links) und Rektor Marco Wölfle nach der Stellungnahme erst einmal vergangen.



Es war nicht die IUCE, sondern das Land Baden-Württemberg, das am 15. Februar 2011 diesen Antrag nach permanentem Austausch mit der IUCE gestellt hatte. Die Antwort hätte allerdings deutlicher nicht sein können. Der Hochschule mangele es an Wissenschaftlichkeit, ihr fehle die Sensibilität in der akademischen Selbstverwaltung, die Berufungsverfahren für Professoren seien nicht hochschuladäquat, weil externe Fachvertreter in der Kommission fehlten, die Professoren hätten keine Freiräume für die Forschung. Dass Wetterauer als kaufmännischer Geschäftsführer über den akademischen (Wölfle) entscheide, wurde auch nicht gerade bejubelt. Den Praxisphasen in den Unternehmen fehlen akademische Standards. Und am Ende sei auch die Internationalität nicht gegeben, weil die IUCE nicht mit ausländischen Hochschulen und Firmen vernetzt ist und keine Auslandsaufenthalte für Studenten geplant sind.

Zu all dem mutmaßt das Wirtschaftsmagazin Baden intern in seiner jüngsten Ausgabe, dass Rektor Wölfle bereits den Absprung vorbereiten würde. Damit konfrontiert, lachte Wetterauer nur: „Herr Wölfle ist vorzeitig aus dem Skiurlaub zurückgekehrt und in dieser Minute mit mir unterwegs, weil wir mit den Partnerhochschulen die Abschlüsse unserer Studenten organisieren.“ Die Berichterstattung wies er ins Reich der Fabel.

Real ist indes, dass die ersten 25 Bachelor-Abschlüsse der IUCE keinen IUCE-Stempel haben werden. Weil die Freiburger nicht berechtigt sind, einen Hochschulgrad zu verleihen. Das rettende Modell: Sie absolvieren einen Mix aus Freiburger und Stuttgarter Lehrveranstaltungen, aus Fernstudium und Online-Tutorien. Die Prüfungen nehmen Stuttgarter und Freiburger Lehrkräfte in Freiburg ab.

Sitzt dem IUCE-Kuratorium vor:
Der ehemalige Rektor der Albert-Ludwigs-Universität Wolfgang Jäger.



„Es ist gut, dass die IUCE jetzt eine Notlösung gefunden hat und ich glaube auch, dass die IUCE irgendwann die staatliche Anerkennung bekommen wird“, sagt die Immobilienwirtschaft studierende Linda Miehle. „Ich denke, wir haben eine sehr gute Übergangslösung gefunden“, so Wetterauer. Damit ist aber das Grundproblem nicht vom Tisch. Die IUCE wird sich bei einer strukturellen Neuausrichtung – ohne die wird es nicht gehen – mehr an die Strukturen staatlicher Universitäten und Fachhochschulen anlehnen müssen. „Wir werden alles abarbeiten und dann einen zweiten Anlauf beim Wissenschaftsrat starten.“ Das müsste er übrigens nicht, wenn er die IUCE in Kiel oder Kassel aufgemacht hätte: „In allen anderen Bundesländern bekommen Schulen mit einer entsprechenden Expertise für fünf Jahre eine vorläufige Anerkennung.“

Noch keine Anerkennung findet auch der IUCE-Antrag nach Verlängerung der Bafög-Bewilligung, die im September ausläuft. „Wir sind im Gespräch mit dem Ministerium. Da geht es um eine Gleichwertigkeitsbescheinigung und wir meinen, dass wir die bekommen müssen“, so Wetterauer. Trotz der Malaise – und der Peinlichkeit, dass man bei einer Abiturientenmesse in Köln Interessierte auf die fehlende staatliche Anerkennung gar nicht hingewiesen hatte – hätten sich zum Oktober bereits 60 neue Studenten angemeldet. Im aktuellen ersten Semester waren es doppelt so viele.

Text: Lars Bargmann / Fotos: © IUCE / fho