Es ist ein schöner Frühlingstag, die Sonne scheint durch die Fenster von Saal IV des Freiburger Amtsgerichts. Armin F., ein 57-jähriger Mann in Jeans und Karohemd, sitzt entspannt auf seinem Stuhl, während Staatsanwalt Tomas Orschitt die Anklage verliest. Die entspannte Haltung scheint nicht recht zum Umfang der Anklage zu passen: F. soll – zusammen mit zwei Kollegen – versucht haben, mehr als 200 Afrikaner nach Deutschland zu schleusen. In knapp der Hälfte der Fälle ist es ihm wohl auch gelungen.

Afrika
Die Vorgeschichte beginnt im Jahr 2009: Polizisten nehmen einen Kokainhändler aus Freiburg fest, der dann als Kronzeuge in mehreren Verhandlungen eine ganze Bande auffliegen lässt: 18 afrikanische Drogenhändler werden verhaftet, die Ermittlungsgruppe stellt ein gutes Kilo Kokain und einen fünfstelligen Eurobetrag sicher. Bald merken die Beamten, dass auch auf dem Grundstück von Armin F.s Firma (Geschäftsmodell: Im- und Export von Autos) reger Rauschgifthandel betrieben wurde. So gerät der 57-Jährige mit den anderen beiden Firmenbetreibern in den Fokus der Ermittlungen – sie werden verdächtigt, Drogengeld gewaschen zu haben.

Dieser Verdacht ist schnell wieder vom Tisch, doch den Polizisten fällt bei den Ermittlungen etwas Ungewöhnliches auf: Viele der Schwarzafrikaner sind auf Einladung von F.s Firma in Freiburg. Damit Afrikaner nach Europa einreisen können, brauchen sie ein Visum, das sie auf solche Einladungen von europäischen Unternehmen bei der Botschaft bekommen. Das ist grundsätzlich legal – allerdings nur, wenn es tatsächlich eine Geschäftsbeziehung gibt.

Genau daran zweifeln die Beamten, und so beginnt eine Gruppe aus Polizei und Zoll mit verdeckten Ermittlungen: Sie fordert weit über hundert Fallakten der nigerianischen Botschaft an und stößt auf einen international agierenden Schleuserring, an dem sich Geschäftsführer Armin F. und seine beiden Kollegen – wenn auch nur als kleine Nebentäter – beteiligen.

Auf Anfrage nigerianischer Hintermänner stellen die drei Geschäftsmänner seit 2007 mehr als 200 fiktive „Geschäftseinladungen“ für schleusungswillige Afrikaner aus – und kassieren pro Mann bis zu 100 Euro. Der Plan geht nur teilweise auf: Bei jedem Zweiten erkennt die Botschaft die Einladungen nicht an, da etwa Zweifel an der Echtheit der Geschäftsunterlagen oder am Reisezweck bestehen.

Justitia
Ein paar der Afrikaner setzen sich ins Ausland ab, einige vernichten ihre Papiere bei der Ankunft und stellen einen Asylantrag, andere werden mit Rauschgift im Gepäck bereits am Flughafen abgefangen – wie viele Ausländer Armin F. und seine Kollegen daher tatsächlich illegal eingeschleust haben, ist nicht bekannt.

Die Aktenordner mit den Unterlagen der Botschaft und den Zeugenaussagen der Eingeschleusten füllen mehrere Umzugskartons, das Material reicht locker aus, damit sich Armin F.s Mittäter im Oktober 2012 vor dem Freiburger Amtsgericht verantworten müssen. Der Witwer selbst kann an der Verhandlung nicht teilnehmen: Wenige Wochen vor dem Gerichtstermin erleidet er beim Joggen im Rieselfeld einen Herzinfarkt.

Ein halbes Jahr später, kann sich Armin F. im Gerichtssaal entspannen – durch die Verurteilung seiner Kollegen und eine vorherige Verfahrensabsprache weiß er, was ihn erwartet: Ein Jahr und sechs Monate Haft, die zur Bewährung ausgesetzt werden, zudem eine „spürbare aber finanzierbare“ Geldauflage und die Übernahme der Gerichtskosten. Und so legt der verwitwete Familienvater ebenso wie vorher seine Kollegen ein umfassendes Geständnis ab.

Obwohl Schleuserhandlungen keine Bagatelle sind, wie an der gesetzlichen Mindeststrafe von sechs Monaten deutlich wird, sind sich Verteidigung, Staatsanwaltschaft und Richter einig: Sie haben es nicht mit einem Schwerkriminellen zu tun, sondern mit einem „Schreibtischtäter“, wie es Richter Lars Petersen formuliert, der lediglich „profane Beihilfe“ geleistet hat. Von den eigentlichen Tätern, den Hintermännern in Nigeria, fehlt jede Spur.

Text: Tanja Bruckert / Foto: Sören Rudolph / pixelio.de