Patrimoine humaniste du Rhin supérieur – das humanistische Erbe am Oberrhein. Nicht weniger als das verbirgt sich unter dem Interreg-IV-Programm B. 22 der Europäischen Union, die das bemerkenswerte Projekt der vier Universitäten in Strasbourg, Mulhouse, Basel und Freiburg bis Anfang 2014 mit 375.000 Euro fördert. Die gleiche Summe steuern die Projektpartner bei. Es ist ein reiches Erbe, das die Wissenschaftler suchen, sichten, sortieren und dem Publikum zeigen wollen. Ein sicher regionales Erbe, aber eines, das keinen kleinen Anteil an der intellektuellen und kulturellen Revolution hat, die die Humanisten im 15. und 16. Jahrhundert angestoßen haben.

Der Star der Humanismus-Bewegung: Erasmus von Rotterdam.


„Der Humanismus war eben ein Zeitalter, das die Satire schätzte – und auch nötig hatte“, heißt es in einer Pressemitteilung zum Projektstart. Und auch der berühmte Humanist Erasmus von Rotterdam neigte der Satire zu, denn sein bekanntestes Werk, „Lob der Torheit“, eins der meistgelesenen Bücher der Weltliteratur, ist eine solche. Allen Humanisten gemein ist auch die Begeisterung für die antiken Autoren, für Homer und Aristophanes, für Terenz und Vergil.

Das EU-Projekt widmet sich aber nicht nur den Stars der Epoche, neben Erasmus von Rotterdam zählt dazu sicher Beatus Rhenanus aus Sélestat, sondern auch weniger bekannten Humanisten wie Wolfgang Angst von Kaysersberg, Hieronymus Gebwiler, Jakob Wimpfeling oder Ulrich Zasius, der in Freiburg Leiter einer Lateinschule war. Freiburg im Breisgau spielte auch für Ottmar Nachtigall eine wichtige Rolle und eine zentrale im Leben von Martin Waldseemüller, der um 1470 in Wolfenweiler bei Freiburg als Sohn eines Metzgers geboren wurde, sich 1490 an der Freiburger Universität für Mathematik und Geographie immatrikulierte und – unterstützt vom Elsässer Matthias Ringmann – die erste Weltkarte erstellte, auf der die Landmassen im Westen mit dem Namen „America“ bezeichnet werden.

Martin Waldseemüller in einem posthumen Fantasieporträt von Gaston Save.


Von den zahlreichen Kopien der Waldseemüller-Karte soll es übrigens heute genau noch ein Exemplar geben. Und das kaufte die Library of Congress in Washington D.C. dem Adligen Johannes zu Waldburg-Wolfegg aus Oberschwaben – seinen eigenen Angaben zufolge – 2001 für zehn Millionen Dollar ab. Mithin zum höchsten Preis, der je für ein kartografisches Gut gezahlt wurde. Die Unesco erklärte es 2005 zum Weltdokumentenerbe. Zum Weltkulturerbe erklärte die Institution im vergangenen Jahr die Humanistische Bibliothek im elsässischen Sélestat. Und auch dort wird die Wanderausstellung des Projekts (siehe Infobox) im kommenden Jahr Station machen.

„Wir haben ungeheure Schätze in den staatlichen Bibliotheken, in denen auch private Sammlungen liegen, riesige Textmengen, um die sich lange niemand gekümmert hat“, sagt Professor Wolfgang Kofler, der das Projekt für die Freiburger Uni betreut. Er hat einen Lehrstuhl für Klassische Philologie inne, eine Disziplin also, die ihre eigene Entstehung den Humanisten verdankt.

Der große humanistische Schub, sagt er, sei Ende des 15. Jahrhunderts auch vom Oberrhein ausgegangen. Vor allem, weil das Gebiet seinerzeit als Zentrum der Buchdruckkunst weithin bekannt war – ohne die sich die Ideen der Humanisten nicht so schnell und so weit in die Welt verbreitet hätten. Gutenberg hatte in Strasbourg seine ersten Druckversuche unternommen, in der Stadt gab es später 20 Drucker, in Basel stolze 15. Und da die Autoren seinerzeit noch die örtliche Nähe zu den Druckern gesucht haben, zog es viele Intellektuelle aus allen Himmelsrichtungen an den Oberrhein. Erasmus von Rotterdam etwa lebte 17 Jahre lang in Basel, wo er 1536 starb. Von 1529 bis 1535 arbeitete er in Freiburg.

Die Unesco erklärte die Weltkarte des bei Freiburg geborenen Waldseemüller 2005 zum Weltdokumentenerbe. Vier Jahre zuvor zahlten die Amerikaner dafür zehn Millionen Dollar.



Die je mit unterschiedlichen Themen und Werken bestückte Wanderausstellung (es wandern nur ausgewählte Werke, Besucher, die alles sehen wollen, müssen also selber wandern) startete Mitte Mai in Haguenau, ist vom 7. Juli an in Mulhouse zu sehen, dann in Basel und Colmar, bevor sie zwischen dem 20. April und dem 2. Juni 2013 auch im Freiburger Wentzingerhaus zu bestaunen sein wird – die aktuelle Verfassung der Freiburger Unibibliothek lässt eine Ausstellung an noch akademischerer Stätte nicht zu. Sie wird unter dem Titel „Humanismus und Neue Welt“ stehen und – natürlich – auch auf das kartografische Werk von Waldseemüller eingehen.

Im Spätjahr 2013 beenden erst Sélestat und dann Strasbourg das Projekt, das fürs breite Publikum außerdem von Ende Juni an die Seite www.humanismus-am-oberrhein.eu bietet. Für Fachleute wird zudem eine grenzüberschreitend nutzbare Datenbank mit den am Oberrhein entstandenen Ausgaben griechischer und römischer Klassiker erstellt, und es gibt ein abschließendes wissenschaftliches Colloquium, in dem die Ergebnisse zusammengefasst werden.

Der Freiburger Professor Wolfgang Kofler und eines seiner Vorbilder: Aristoteles.


Es ist das zentrale Motiv des Interreg-Programms, die drei Länder einander näherzubringen und bislang nicht kompatible (Daten-) Systeme zu verbinden. Ein Akt auch der Völkerverständigung. Das Initial fürs Grenzen überwindende Projekt kam von der französischen Altgriechisch-Professorin Marie-Laure Freyburger von der Université de Haute-Alsace in Mulhouse. „Die Bücher in den oberrheinischen Bibliotheken sind allesamt Zeuge des intellektuellen Lebens im 15. und 16. Jahrhundert“, sagt Freyburger in einem Projektfilm. Es sei ein wichtiges Ziel, die Werke „der Vergangenheit zu entreißen“. Für Ueli Dill, den Vorsteher der Universitätsbibliothek Basel, ist klar, dass „die neue Erschließung der Werke über die Grenzen hinweg sicher einen großen Nutzen und einen neuen Blick“ auf die damalige Zeit bringen wird.

„Es ist eine schöne Pointe, dass wir mit diesem Projekt eigentlich das fortsetzen, was die Humanisten von damals ange- fangen haben, einem Laienpublikum die Ideen des Humanismus anzubieten“, sagt Kofler. Auch das grenzüberschreitende Denken der heute am Projekt Beteiligten gehörte schon immer zu den Grundfesten des Humanismus. Um das Gewicht des Oberrheins an dieser Weltanschauung herauszuarbeiten, liegt aber noch viel Arbeit vor den Forschern. Wer heute den Humanismus-Eintrag bei Wikipedia nach dem Oberrhein absucht, findet – nichts. 

Text: Lars Bargmann / Fotos: Gaston Save / Privat

Infos & Termine:
Ausstellungen …
… in Haguenau: 15. Mai bis 16. September
… in Mulhouse: 7. Juli bis 29. September
… in Basel: Oktober bis Dezember
… in Colmar: 28. Januar bis 6. April 2013
… in Freiburg: 20. April bis 2. Juni 2013
… in Sélestat: 14. Juni bis 28. September 2013
… in Strasbourg: 2. November bis 22. Dezember 2013