Es war die bisher größte Demonstration in der Geschichte Freiburgs: Am 23. Januar zogen 20.000 Menschen durch die Innenstadt, um ein Zeichen gegen Intoleranz und Ausgrenzung zu setzen. In Freiburg, betonte Oberbürgermeister Dieter Salomon in der Abschlusskundgebung, sei dafür kein Platz.

 

Dass dies nicht immer selbstverständlich war, zeigen etwa die zahlreichen Stolpersteine, die in Gehwegen eingelassen sind, vor Häusern, deren Bewohner Juden waren und die deswegen zu Opfern des Naziregimes wurden – mit aktiver Billigung durch den damaligen Oberbürgermeister Franz Kerber, der von 1933 bis 1945 im Rathaus das Sagen hatte und schon zuvor überzeugter Anhänger der Ideologie von Herrenrasse und Untermenschen – und Inhaber der entsprechenden Mitgliedsbücher war.

Vom Gastarbeiter zum Unternehmer: Carlo Giosafatte „Joseph" Gatti mit Familie.

 

In Kerbers Amtszeit hätte das Freiburger Rathaus sicher kein Buch herausgebracht, das 500 Jahre Migrationsgeschichte* zum Thema hat – und dabei das Positive im Blick hat. Und Kerber hätte bestimmt nicht ins Geleitwort geschrieben, dass Migration Teil der Freiburger Stadtgeschichte ist. Dass Zuwanderung ein Gewinn sei und die Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen hierher kamen, zu „einem prosperierenden Gemeinwesen mit kultureller Vielfalt“ beigetragen hätten.

 

Dieter Salomon hat es getan – und er hat recht, wie in den vielen und vielfältigen Beiträgen des jetzt erschienenen Buchs nachzulesen ist, das unter der Federführung von Ulrich P. Ecker, dem Leiter des Stadtarchivs, entstand.

 

Man könnte etwa an die Höllentalbahn denken, bei deren Bau am Ende des 19. Jahrhunderts italienische Saisonarbeiter maßgeblich beteiligt waren, denn sie brachten viel Erfahrung aus der Steinverarbeitung mit; ohne die Italiener wäre die komplizierte Trasse möglicherweise auf der Strecke geblieben.

 

Die vielen Bauarbeiter und Bauhandwerker – allein fürs Jahr 1900 lassen sich 400 Anmeldungen nachweisen – verdingten sich aber auch im Hoch- und Wegebau. Etwa am Bau der Herz-Jesu-Kirche oder auch den damals riesigen Schulbauten, von denen die meisten heute noch stehen. Und so wie ihre Bauwerke sind auch viele Gastarbeiter geblieben. 1910 registrierten die Behörden alleine 3000 aus Italien. Die Familien haben hier Wurzeln geschlagen, haben selbst Unternehmungen gegründet. Unter ihnen etwa Carlo Giosafatte Gatti, dessen Firma die Schluchsee-Staumauer, die Rothaus-Brauerei oder das Caritas-Heim auf dem Feldberg gebaut hat. Oder auch die berühmte Schwarzwaldklinik im Glottertal.

 

Die Migranten hatten es indessen nicht leicht. Da sie die knallharten Arbeitsbedingungen eher und zuverlässiger akzeptierten als ihre deutschen Kollegen, wurden sie als unerwünschte Konkurrenten, Lohndrücker und Streikbrecher angesehen.

 

Daran hat sich eigentlich nicht viel geändert, auch wenn jetzt andere Bezeichnungen gebräuchlich sind. Und die Einwanderer von damals schon lange integriert sind und sich der Migrationshintergrund oft nur noch am Namen erkennen lässt. „Wirtschaftsflüchtling“, sagt man heute. Und denkt vielleicht: Schmarotzer.

 

Sicher nicht mehr bei den Italienern. Aber bei den Roma, die jetzt in ihre „sicheren Herkunftsländer“ zurückgeschickt werden. Und mit den Sinti in einen Topf geworfen werden, die schon lange in Freiburg sesshaft sind – und in der Nazizeit verfolgt, entrechtet und deportiert wurden. So wie die „Halbjüdin“ Käthe Vortreide, der zwar die Flucht gelang, die sich in den USA aber als Putzfrau durchschlagen musste, obwohl sie Lehrerin war. Vor ihrem ehemaligen Haus in Haslach liegt noch kein Stolperstein. Auch ihr Schicksal gehört zur Freiburger Migrationgeschichte. Und ist in dem Buch, dem viele Leser zu wünschen sind, dargestellt.

 

Text: Erika Weisser / Foto: Privat

 

Buch_Migration-in-Freiburg

 

 

Ulrich P. Ecker, Nausikaa Schirilla (Hrsg.)
Migration in Freiburg – Ihre Geschichte von 1500 bis zur Gegenwart
304 Seiten, gebunden
24,50 Euro
Erhältlich beim Stadtarchiv, Grünwälderstr. 15