Freie Christliche Schule erzürnt Wissenschaftler

Gottesfürchtige Lehrer, Gebete und verpflichtender Religionsunterricht: An der Freien Christlichen Schule in Freiburg steht der Glaube im Mittelpunkt – auch in den Naturwissenschaften. Hier stellen Lehrer die Evolutionstheorie der biblischen Schöpfung gegenüber. „Der Mensch stammt doch nicht vom Affen ab“, betont ein Schüler – und niemand widerspricht. Religionskritiker wie der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera sind alarmiert und warnen vor einer „Vermischung von Hokuspokus und Wissenschaft“.

Chemielehrer Thomas Mengel: Darwins Evolutionstheorie ist eine Theorie, die man nicht im Reagenzglas beweisen kann.

 

 

Es ist 7.55 Uhr, als an der Freien Christlichen Schule (FCS) in Freiburg das erste Gebet gesprochen wird. „Vater, wir danken dir für den Morgen“, sagt Andreas Wild, der die erste Stunde in der 9. Klasse unterrichtet. Eigentlich steht Geschichte auf dem Stundenplan, doch wie immer geht dem Unterricht eine Morgenandacht voraus. Wild erzählt von einem Sohn, der seine Mutter verloren hat, sie aber mit Gottes Hilfe wiederfindet. „Auch ihr werdet geliebt“, betont der Lehrer, „und es ist ganz klar, dass Gott euch liebt.“ In der Klasse ist nun Stille eingekehrt. Einige sitzen mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen auf ihren Stühlen, tief versunken ins Gebet. Andere grinsen, als Andreas Wild „Amen“ sagt. Dann widmen sich die Schüler wieder dem Deutschen Kaiserreich.

Wer die FCS besucht, kennt diese Rituale. Sie gehören hier genauso dazu wie der verpflichtende evangelische Religionsunterricht und die Gottesfürchtigkeit der Pädagogen. Rund 570 Schüler aller Altersstufen werden an der FCS unterrichtet – von der Grundschule über den Realschulzweig bis hin zum Abitur. Die Privatschule finanziert sich durch öffentliche Mittel (rund zwei Millionen Euro 2011) und Schulgeld (abhängig vom Einkommen der Eltern), muss sich aber komplett an den staatlichen Lehrplan halten. „Das tun wir natürlich so wie jede andere Schule auch“, beteuert Friedemann Pfaff, Schulleiter des Technischen Gymnasiums an der FCS. Gleichzeitig räumt er ein, dass das Kollegium ausschließlich aus frommen Christen bestehe. „Wir haben hier auch einen orthodoxen Priester, der Sport unterrichtet. Atheisten würden sich an unserer Schule gar nicht bewerben.“

Genau darin sehen Kritiker wie Ulrich Kutschera das Problem. Der in Freiburg geborene Professor für Pflanzenphysiologie und Evolutionsbiologie (Uni Kassel und Stanford) zählt zu den bundesweit schärfsten Gegnern von religiöser Einflussnahme an Schulen.

„Ein christlich-religiös indoktrinierter Lehrer gerät in einen Konflikt, sobald er die gottlosen Erkenntnisse der Evolutionsbiologie zu unterrichten hat“, sagt Kutschera. Das führe zur Vermischung von „religiösem Hokuspokus“ und Wissenschaft – mit fatalen Folgen für den Technologiestandort Deutschland. „Der Realitätsverlust verhindert bei den Schülern ein objektives, logisches, kritisches Denkvermögen.“

Spricht man mit Schülern über den Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion, zeigen sich die meisten unbeeindruckt. „Viele von uns sind überhaupt nicht gläubig“, erzählt die 14-jährige Tanja (Name von der Redaktion geändert). Ob ihre Schule anders ist als eine staatliche? „Keine Ahnung, ich war ja noch nie auf einer anderen.“ Ein 18-jähriger Gymnasiast findet es dagegen „viel sozialer“ auf der FCS. Mit der Evolutionstheorie kann er nicht viel anfangen: „Ich glaube, dass Gott die Welt geschaffen hat, denn so viele Zufälle kann es nicht geben. Der Mensch stammt doch nicht vom Affen ab, einem wilden Tier.“

Gefaltete Hände: Vor der ersten Stunde gibt es die Morgenandacht.

 

Was empfinden Naturwissenschaftler, wenn sie solche Aussagen hören? „Ich sehe da kein Problem“, sagt Thomas Mengel, Chemielehrer an der FCS. Hinter ihm hängt das Periodensystem der Elemente, daneben ein Kreuz. „Als Naturwissenschaftler halte ich mich streng an die Definitionen“, beschreibt Mengel seine Herangehensweise. So sei auch die Darwin’sche Evolutionstheorie eben nur eine Theorie, die man nicht im Reagenzglas beweisen könne. „Man kann aber beides nebeneinanderstellen: Da haben wir einmal den Mann, aus Lehm gebastelt, und auf der anderen Seite Darwins Modell.“

Für Kreationismus-Kritiker Kutschera sind derartige Vergleiche inakzeptabel. „Sie belegen, dass weder den Schülern noch den Lehrern eine eindeutige Trennung zwischen der Realität und biblischen Wundern bewusst ist.“ Göttliche Schöpfungsakte, die geglaubt, aber nicht bewiesen werden können, würden mit der Evolution verglichen – und diese irrtümlicherweise als Theorie abgetan. „Das ist die Konsequenz einer frühkindlichen christlich-religiösen Indoktrinierung.“

Die FCS sieht sich laut Schulleiter Pfaff als „undogmatische Schule, in der alle Schüler gleich sind“. Andererseits gehört sie zum Verband evangelischer Bekenntnisschulen (VEBS), auf dessen Homepage die umstrittenen Thesen verbreitet werden. In einem Leitfaden zu Evolution und Schöpfungslehre an Bekenntnisschulen heißt es, die Evolution werde „nicht als unumstößliche Wahrheit vermittelt. Alternative Herangehensweisen, die von einer Schöpfung ausgehen, werden angesprochen.“

Der Verfasser des Leitfadens ist Reinhard Junker, Absolvent der Uni Freiburg und Geschäftsführer der Studiengemeinschaft „Wort und Wissen“. Der evangelikale Verein ist dafür bekannt, die Schöpfungslehre zu propagieren und evolutionskritische Publikationen herauszugeben. Derartige Lehrbücher kämen an der FCS Freiburg allerdings nicht zum Einsatz, betont die zuständige Pressesprecherin: „In unserem Unterricht wird mit den regulären Lehrbüchern gearbeitet, die auch an staatlichen Schulen benutzt werden.“ Für Kutschera besteht trotzdem kein Grund zur Entwarnung: „Die Freie Christliche Schule ist insgesamt biblisch-dogmatisch durchsetzt, wodurch eine naturwissenschaftliche Ausbildung massiv beeinträchtigt wird.“

Bibel oder Biologie? Wie damit in der Praxis umgegangen wird, scheint von staatlicher Seite aus niemanden zu interessieren. „Eine punktuelle Überprüfung (ob die Lehrpläne eingehalten werden, d. Red.) findet nicht statt“, erklärt Alfons Bank, Referent beim Regierungspräsidium Freiburg. Dies geschehe an öffentlichen Schulen aber genauso wenig. Ob Religion und Wissenschaft im Unterricht vermischt werden, kann bei der Behörde folglich niemand beantworten: „Derartiges ist uns von der Freien Christlichen Schule in Freiburg nicht bekannt.“

Text & Fotos: Steve Przybilla

Info
Kreationisten vertreten die Ansicht, dass die Bibel die Grundlage jeder Wissenschaft liefert. Sie nehmen den Schöpfungsbericht im Alten Testament wörtlich, sind also davon überzeugt, dass Gott die Welt, das Leben und den Menschen geschaffen hat. Die Evolutionstheorie Darwins lehnen sie vehement ab, da sie den Kreationismus für die „bessere“ Wissenschaft halten.
In Deutschland oft als amerikanisches Phänomen belächelt, gehört der Kreationismus hierzulande doch in einem Teil der evangelikalen Bewegung und in den meisten Freikirchen zur Weltdeutung.