Eine Theke, ein Kühlschrank mit Bier und Cola, hinten an der Wand ein Kicker, an der Decke ein Beamer und unten im Keller reichlich Platz zum Schaffen. Vieles hier ist noch provisorisch. Anfang März hat das Freiburger Fanprojekt die Arbeit aufgenommen und seine Räumlichkeiten an der Schwarzwaldstraße bezogen. Das Stadion des Sportclubs ist nur ein paar hundert Meter entfernt. Am Tisch sitzen Marius, 22, und Daniel, 23, von der Anfang des Jahres neu formierten Ultra-Gruppierung Corrillo. Beide sind zugleich auch Mitglied beim SC. Neben ihnen sitzt der hauptamtliche Sozialarbeiter Dirk Grießbaum, Teamleiter des Projektträgers, des Freiburger Jugendhilfswerks. Das neue Fanprojekt, das nicht nur für die Ultras, sondern für alle Anhänger des neuen Euro-League-Teilnehmers da ist, wird jährlich mit 180.000 Euro finanziert. Je ein Drittel übernehmen das Land Baden-Württemberg, das Freiburger Rathaus und der Deutsche Fußballbund mit dem Ligaverband DFL. Was es bringen kann, muss sich erst noch zeigen.

Die Freiburger Ultras in der Mercedes-Benz Arena beim DFB-Halbfinale.

 

Es ist Sommerpause, auf dem Platz passiert nichts. Doch ein Ultra, nach dessen Selbstverständnis der Verein 24 Stunden am Tag unterstützt wird, hat immer zu tun. „Wir arbeiten gerade an einem Text, der die Saison aus unserer Sicht reflektiert. Und dann sammeln wir natürlich immer Ideen für die Choreographien der kommenden Spielzeit“, sagt Marius.

Die Ultrakultur entstand in den 70er, 80er Jahren in Italien. Ursprünglich wurde linker, politischer Protest in die Stadien getragen. Aus Italien stammt auch das Ideal, dass 90 Minuten ununterbrochen Lärm aus der Kurve kommen muss – selbst bei langweiligem Ballgeschiebe im Mittelfeld. Hooligans, die es in Freiburg inzwischen nicht mehr gibt, kommen hingegen nur zum Prügeln ins Stadion. Die Ultraszene in Deutschland ist bunt: Sie reicht von Gruppen, die rechten Schlägern nahestehen, über die Mehrzahl unpolitischer Fans bis hin zu linken Gruppen, die vegan miteinander kochen und gegen Schwulenfeindlichkeit eintreten.

„Jede einzelne Gruppe von Burghausen bis Rostock geht ihren eigenen Weg, sowohl weltanschaulich als auch beim sogenannten Support in der Kurve. Unterschiede gibt es nicht nur von Verein zu Verein. Selbst die vergleichsweise kleine Freiburger Szene mit rund 300 Ultras und Sympathisanten ist ausdifferenziert“, sagt der Karlsruher Journalist und Autor Christoph Ruf, der im September mit „Kurven-Rebellen“ ein Buch über Ultras herausbringt.

In Freiburg gibt es neben der Gruppe Corrillo, die teilweise aus den Wilden Jungs hervorgegangen ist, seit rund zehn Jahren noch die NBU, Natural Born Ultras. Beide haben einen harten Kern von je 40 Leuten, hinzu kommen die Fans aus dem Umfeld. Der Dachverband ist die Supporters Crew, der aber auch viele unorganisierte Fans angehören, die sich selbst nicht unbedingt zu den Ultras zählen. Dann gibt es noch die Fangemeinschaft, bei der sich 68 Fanclubs zusammengeschlossen haben. Von dieser wiederum hat sich die Supporters Crew 2005 abgespalten – Außenstehende blicken da kaum noch durch.

„Wir von Corrillo haben uns auf die Fahnen geschrieben, fanpolitisch mehr zu machen und protestieren etwa gegen zu hohe Eintrittspreise“, sagt Daniel. Die Fans bei Corrillo sind zwischen 17 und 30 Jahre alt, die von NBU im Schnitt etwas älter. Von Daniel, Marius und den anderen Corrillos hört man keine dämlichen, sexistischen oder gar rassistischen Schmähungen. „Wir haben keinen Bock auf stumpfe Banner und niveaulose Gesänge“, sagt Marius, „wir wollen zeigen, dass Fan-Sein etwas Positives und Progressives ist und sind gegen jede Art von Diskriminierung.“

Neuer Teamleiter im Fanprojekt: Der Sozialpädagoge Dirk Grießbaum.

 

„Es gibt Unterschiede, aber keine Rivalitäten“, sagt auch der Sozialarbeiter Grießbaum. Corrillo, NBU und die anderen Fans stehen bei Choreographien und sonstigen Aktionen zusammen. „Gegenseitiger Respekt ist wichtig, es gibt innerhalb der beiden Ultragruppierungen auch ganz unterschiedliche Menschen“, sagen Daniel und Marius. Beide haben kurze Haare, bringen grammatikalisch korrekte Sätze hervor, reflektieren ihr Tun auf und neben der Tribüne und lehnen das bei anderen Fans verbreitete Komasaufen bei Auswärtsspielen ab. Sehen so böse Jungs aus? Oder gar Monster?

Ein Blick zurück: 2012 war nach einigen Fanausschreitungen die Rede von Krieg in deutschen Stadien. Sandra Maischberger bezeichnete die Ultras in ihrer Talkshow als „Taliban der Fußballfans“ und TV-Moderator Johannes B. Kerner entblödete sich nicht, mit besorgter Miene ein Bengalo in seiner Fernsehshow abzufackeln und eine Kinderpuppe in Brand zu setzen. Ein wohliger Schauer machte sich breit im bequemen Fernsehsessel – hier geht es noch härter zu als in Syrien. Daniel sagt, die Hetze damals habe bei einigen Ultras Trotzreaktionen hervorgerufen. Mittlerweile sind Ruhe und ein bisschen mehr Vernunft eingekehrt, auch dank der Initiativen von Fans wie „Ich fühl’ mich sicher“.

Der SC Freiburg hat ebenfalls dazugelernt, das Fanprojekt ist nur durch eine Anschubfinanzierung des Clubs schon im März aufs Gleis gebracht worden. Grießbaum sagt: „Die Wahrnehmung beim Verein hat sich geändert. Es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Fankultur und die der Ultras mehr positive als negative oder gar bedrohliche Seiten hat.“

Sind die Ultras Fluch oder Segen? Der Verein ist auf sie angewiesen, denn Stimmung kommt anders als früher fast nur aus der Ultra-Kurve. SC-Sprecher Rudi Raschke stöhnt etwas. Sicher, die Unterstützung sei ein „nicht wegzudenkender Teil unserer Fanszene“. Auch wenn sie ihre Ideen zuweilen „einen Tick zu brutal“ durchsetzen. Aber auf Teile der NBU, die Aufkleber mit dem Tenor „Wir ficken euch alle“ in der Stadt anbringen, sei der Verein nicht besonders stolz.

Und die Gewalt? Manche Ultras prügeln sich, aber das ist die Ausnahme. Für die Jungs von Corrillo ist Gewalt das allerletzte Mittel. Dann etwa, wenn es gilt, die Nordtribüne gegen Neonazis aus dem Dreisamtal zu verteidigen, die bislang erfolglos versucht haben, Fuß zu fassen. Was alle Ultras bundesweit eint, ist ein schwieriges Verhältnis zur Polizei. „Für einige Ultras ist sie Feindbild Nummer Eins, sie definieren sich darüber. Auf der anderen Seite tritt die Polizei oft nicht deeskalierend genug auf, sondern zu martialisch – auch in Freiburg. Das wiederum provoziert“, sagt Christoph Ruf.

Der SC bedankt sich nach dem letzten Heimspiel bei seinen treuen Fans.

 

Bei der Polizei heißt es: „In Freiburg sind im Vergleich zu den meisten Spielorten viel weniger Beamte eingesetzt. Nicht zuletzt der Standort und die mangelhaften baulichen Gegebenheiten für die Fantrennung machen jedoch einen Polizeieinsatz im aktuellen Ausmaß zur Sicherheit aller Besucher notwendig.“ In der Saisonbilanz tauchen zwar reichlich Alkoholleichen, Pöbeleien, Beleidigungen und die eine oder andere Rauferei auf. Und es gebe auch „Auseinandersetzungen, die im Falle eines Aufeinandertreffens mit Gleichgesinnten in handfesten Körperverletzungen enden“.

Doch die Anhänger der dritten Halbzeit seien in der absoluten Minderheit. Mit knapp 70 Straftaten und zwei Dutzend Gewahrsamnahmen sind die Freiburger in der Bundesliga in dieser Statistik weit abgeschlagen. Die Polizei hat drei szenekundige Beamte im Einsatz, es gibt vor Heimspielen regelmäßig „Kurvengespräche“, derzeit werden Kontakte zum neuen Fanprojekt aufgebaut.

Eigentlich klingt das so friedlich wie ein Sommertag an der Dreisam – wäre da nicht die Pyrotechnik. Für die Polizei ist sie immer noch ein „brandaktuelles“ Thema, für die Ultras hingegen Bestandteil ihrer Fankultur. Die Fans haben mit ihrer Zündelei dem SC allein seit 2012 mehr als 30.000 Euro an Geldstrafen eingebracht. „Hier gibt es unterschiedliche Positionen in der Szene. Einige Ultras meinen, es ginge nicht ohne. Andere finden Leuchtkörper zwar gut, sind aber pragmatisch und verzichten wegen des Verbots darauf, weil sie ihrem Verein nicht schaden wollen“, sagt Ruf.

„Das ist ein schwieriges Thema“, meint Marius. „Pyrotechnik steht nicht für Randale. Sie ist Ausdruck von Freude, sie ist schön.“ Daniel ist für einen verantwortungsbewussten Umgang, etwa das kontrollierte Abbrennen in einer Sicherheitszone. Beide schütteln nach wie vor den Kopf, wenn sie an das Pokal-Halbfinale in Stuttgart denken. Damals zündelten auf der Sitzplatztribüne einige Krawalltouristen, die sonst nie ins Stadion gehen: Gefahr für die anderen Fans, Strafe für den Verein. Mal wieder. Und wohl nicht das letzte Mal.

Text: Dominik Bloedner / Fotos: Neithard Schleier, Dominik Bloedner