Volkmar Staub ist einer der besten politischen Kabarettisten der Republik. Der gebürtige Lörracher steht schon seit 35 Jahren auf den Bühnen, war einst Mitbegründer des Freiburger Anarcho-Szenekabaretts „Riebyse und Buurepunk“ und hat – für sich und andere – ungezählte Soloprogramme geschrieben. Soeben ist die zweite Auflage seines Buches „Weltanschauung – Sprengsätze aus der Grundlügenforschung“ erschienen. Am 23. November gastiert er mit „Ein Mund voll Staub“ im Freiburger Vorderhaus. chilli-Chefredakteur Lars Bargmann lud ihn zuvor zu einem Kaffee in die Redaktion ein.

Polit-Kabarettist Volkmar Staub in der chilli-Redaktion: Die Gräueltaten des IS sind nicht kabarettabel.

 

chilli: Volkmar Staub, die Welt ist aus den Fugen.
Staub: Man könnte angesichts der Häufung von Themen wie Ukraine, Ebola, IS-Terror und vielem mehr tatsächlich meinen, die Welt bricht gerade stärker über uns zusammen. Nicht zu vergessen die Flüchtlingsdramen vor Lampedusa. Frontex (europäische Agentur für die Zusammenarbeit an Außengrenzen, d. Red.) hört sich ja schon an wie ein Insektenschutzmittel und so ist es vielleicht auch gedacht.

chilli: Wäre Ihnen langweilig, wenn es den aktuell sehr rustikalen Islamismus nicht gäbe? Das Judentum ist 3700 Jahre alt, die Christen 2000, der Prophet Mohammed zog vor 1392 Jahren von Mekka nach Medina …
Staub: … der Islamismus steckt also aktuell im tiefsten Mittelalter. So eine Gleichsetzung ist ja schon eine kabarettistische Verarbeitung. Bis zur Reformation hat er also noch 125 Jahre, es ist aber weit und breit kein Luther in Sicht.

chilli: Der Westen fährt aktuell schwerere Geschütze auf. Zu Recht, angesichts von Enthauptungen, die gefilmt und ins Netz gestellt werden?
Staub: Das ist ein echtes Problem. Auch als friedfertiger Zeitgenosse kommen bei mir ab und zu mal Gefühle hoch, diese Kalifatsfaschisten müsste man abmurksen. Dass bei einem selber so was hockkommt, das nehme ich denen übel.

chilli: Was tun?
Staub: Beim Franco haben die Intellektuellen und Künstler gesagt, wir schicken mal die internationalen Brigaden hin. Heute könnten wir ja den Biermann hinschicken und der singt: Syriens Himmel breitet seine Sterne über unsere Schützengräben aus. Oder Hannes Wader, „Heute hier, morgen dort, bin kaum da, haut’s mich fort.“ Oder ich geh hin und bekämpfe den Islamismus mit scharfen Worten: Mekka hier nicht rum. Im Ernst: Das zeigt die Hilflosigkeit mit dem Thema. Die Gräueltaten sind nicht kabarettabel.

chilli: Lebt man gefährlich, wenn man sich über den Islamismus lustig macht?
Staub: Eigentlich nicht, der Islamist kommt ja nicht gern ins Kabarett.

Ein V vor der senkrechten Weiche: Ende November ist Staub wieder in Freiburg.

 

chilli: Wie sieht es hierzulande aus: Kann die Regierung froh sein um die vielen Auslandsthemen?
Staub: Klar lenkt das von inneren Problemen ab. Aber Merkel schwebt ja über allem, die macht das auch lässig. Ich habe mir aber jetzt auch ein paar Aktien von unseren Rüstungsfirmen gekauft, die sollen ja auch künftig ganz profitabel sein …

chilli: Ist Merkel Fluch oder Segen fürs Kabarett?
Staub: Für Parodisten ist sie reizvoll, für politische Kabarettisten eher nicht. Auch Kohl wirkte immer ein bisschen tumb, war aber dahinter ein knallharter Machtpolitiker.

chilli: Wie geschickt ist eine Ministerin wie von der Leyen, die ein Gutachten in Auftrag gibt und dann öffentlich verkündet, dass ihr ganzer Laden in Schutt und Asche liegt?
Staub: Das ist doch wunderbar fürs Kabarett. Uns Badenern geht aber ihre manierierte Art auf den Sack. Ich wollte aber ihren Job auch nicht machen.

chilli: Sondern lieber drüber sprechen.
Staub: Kabarett ist öffentliches Nachdenken mit unterhaltenden Mitteln. Das ist die Aufgabe. Im Kabarett musst Du die Grausamkeiten der Welt im Subtext spüren, auch wenn der Abend günstigenfalls ein sehr heiterer ist. Ich habe nichts gegen gute Comedy, muss dabei aber auch oft gähnen. Manche Komödianten kannst du in der Pfeife rauchen – wobei das Rauchverbot wieder dagegen spricht.

chilli: Im Freiburger Gemeinderat ist die Satirepartei eingezogen. Die Partei, die mit Simon Waldenspuhl einen Sitz ergattert hatte, hat unlängst ein Bild ins Netz gestellt, auf der die Neustadträtin der Wählervereinigung Freiburg Lebenswert, Gerlinde Schrempp, verhüllt zu sehen ist und Hoheitsrechte für den Islamischen Staat fordert. Schrempp drohte mit einer Klage …
Staub: Das ist doch lächerlich. Satire darf alles. Es gibt eigentlich keine Grenzen, allenfalls Geschmacksgrenzen. Das muss dann jeder selber wissen. Ob das gelungene Satire ist, überlasse ich dem Betrachter.

Scharfzüngiger unter Waffen: Staubs Kampfmittel sind indes geschliffene Worte.

 

chilli: Am 23. November gastieren Sie mit ihrem Soloproramm „Ein Mund voll Staub“ im Freiburger Vorderhaus, ein besonderer Spielort …
Staub: … das ist meine Heimat. Ich mag die ganze Kulturgruppe dort sehr. Habe ja lange in Freiburg gelebt und seit 25 Jahren spiele ich da. Da bin ich zu Hause.

chilli: Was erwartet das Publikum?
Staub: Ich hoffe, ein hochaktuelles, politisches Programm. Es gibt einen Rahmen, der auch in Ingolstadt gespielt werden würde, aber immer auch lokale Geschichten.
chilli: Wie groß ist die Verbundenheit mit der Region?
Staub: Je älter ich werde, umso lieber bin ich hier. Umso lieber spreche ich auch wieder Mundart. Früher bin ich der Enge des Wiesentals entflohen, um die große weite Welt zu finden. Aber die große Welt spielt sich auch im Wiesental ab.

chilli: Am 8. und 9. Januar sind Sie wieder in Freiburg, stehen mit Florian Schroeder (der schreibt wie Staub als Kolumnist fürs chilli) im Paulussaal auf der Bühne und geben die Zugabe.
Staub: Das ist ein liebgewonnener Jahresrückblick. Wir spielen da sieben Wochen am Stück, haben nur eine Woche Vorarbeit. Vier Tage lesen wir uns unsere Texte vor, dann spielen wir die zwei Tage ein, und am Vorabend der Vorpremiere bei den Stromrebellen in Schönau sagt unser Regisseur immer: „Jetzt könnten wir anfangen mit Proben.“

chilli: Sie sind eben, Verzeihung, eine Rampensau. Das Fernsehen scheuen Sie oder scheut das Fernsehen Sie?
Staub: Die nehmen mich glaube ich nicht wahr. Es ist auch nicht mein liebstes Medium, weil für mich Kabarett die direkte Auseinandersetzung mit denen ist, die da sind. Ich habe auch keine Lust, mich auf alle Bedingungen einzulassen. Bei Ottis Schlachthof (Kabarett-Reihe des Bayrischen Fernsehens, d. Red.) wollten sie meine Winnetounummer haben. Ich sollte eine siebenminütige DVD schicken. Okay, habe ich. Dann sollte ich noch eine dreiminütige schicken. Ich habe gesagt, ich mach euch das in drei Minuten. Aber sie wollten eine DVD. Das war mir zu blöd. Ich biedere mich da nicht an.

chilli: Herr Staub, vielen Dank für dieses Gespräch.

 

Fotos: ns