Exakt 45.629 Freiburger haben beim fünften Bürgerentscheid in der Geschichte der Stadt Freiburg für eine neue Fußballarena am Wolfswinkel gestimmt. Damit war das nötige Quorum erreicht und der Planungsauftrag an die Politik vergeben. Insgesamt wanderten knapp 78.500 Menschen an die Wahlurnen. 58:42 gewann am Ende der Sportclub ein nicht immer faires Spiel. Damit steht dem Bau eigentlich nichts mehr im Wege. Oder doch? Die Wogen sind längst nicht geglättet zwischen Pro- und Contra-Fraktion. Die Gegner eines 110 Millionen Euro teuren Stadions erwägen zu klagen.

So sieht’s aus? Nein, das ist kein realer Plan für die Arena, sondern der Entwurf des Lahmer Architekten Daniel Löprich.

 

Leise bläst der eisige Wind über die weite grüne Fläche. Im Schatten des mannshohen Maschendrahtzauns, der den Flugplatz am Wolfswinkel eingrenzt, wiegen sich Grashalme. Krähen picken geruhsam mit ihren Schnäbeln in die Wiese. Nichts lässt an diesem sonnigen Februartag erahnen, dass hier in etwa vier Jahren 35.000 Herzen rasen könnten. In der neuen Spielstätte des SC – heißersehnt und verteufelt zugleich.

 

Wenige Meter weiter spiegelt die Szenerie viel eher die Stimmungslage der vergangenen Wochen in Freiburg wieder. Ein Presslufthammer malträtiert den Boden der Berliner Allee. Laut und schmutzig geht es zu auf der Baustelle für die Verlängerung der Straßenbahn an die Messe – und damit auch an die neue Arena. Laut und zuweilen schmutzig, so könnte man auch den Wahlkampf beschreiben.

So könnte es im Stadion aussehen.

 

Die Standortgegner arbeiteten mit Methoden, die als Verschwörungstheorien gescholten wurden. So hatte die Bürgerinitiative (BI) Pro Flugplatz kurz vor dem Entscheid Flugblätter an Mieter von Stadtbauwohnungen verteilt. Darin prophezeite sie im Falle eines Stadionbaus steigende Mieten. Es ginge sogar um Leben und Tod, hieß es. Denn durch Luftverwirbelungen könnten Rettungshubschrauber nicht mehr im Wolfswinkel landen. „Ein zynisches Spiel mit Ängsten der Leute“, schimpfte Maria Viethen, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Rathaus. „Infam und geschmacklos“, fand Oberbürgermeister Dieter Salomon das Vorgehen.

 

Doch auch die Pro-Fraktion ließ sich nicht lumpen. Salomon geißelte in der „Süddeutschen Zeitung“ die Verschwörungstheorien der Gegner als „Pegida ohne Islamophobie“. Das ist „Polemik ohne Intellekt“, konterte Stadtrat Klaus-Dieter Rückauer (Fraktionsgemeinschaft Freiburg-Lebenswert/Für Freiburg) in einer hitzigen Gemeinderatsdebatte zwei Tage nach dem Bürgerentscheid. Seine Fraktion wehrte sich vehement dagegen, als Verschwörungstheoretiker, Rechtspopulisten und Wutbürger dargestellt zu werden. Das sei eine dreiste Diffamierung engagierter Bürger. Rückauer forderte gar eine Entschuldigung vom OB. Dieser lehnte ab. „Ich hoffe, dass bei den Gegnern die Einsicht reift, dass sie das Gegenteil dessen erreicht haben, was sie eigentlich wollten“, sagte Salomon.

Klare Ansage: Vor dem wichtigen 4:1 Sieg über Frankfurt war die Botschaft an die SC-Fans schon klar.

 

Längst sind nicht alle Gemüter abgekühlt nach dem „wichtigsten Sieg der letzten 20 Jahre“, wie Sportclub-Präsident Fritz Keller am Wahlabend jubelte. So lässt Udo Harter, Flugschulleiter und Teil der Bürgerinitiative Pro Flugplatz, offen, ob er gegen das Stadion klagt: „Das Ergebnis des Bürgerentscheids ist rechtens. Aber es kann unsere Flugsicherheitsbedenken nicht aus dem Weg räumen.“ Eine Landebahn in 180 Meter Entfernung zum Stadion findet er gefährlich. „Ruhig schlafen könnte ich, wenn es 400 Meter wären.“ Wobei er weiß, dass das wieder andere Probleme bringen könnte. Denn will man weiter weg vom Stadion, muss dieses näher Richtung Wohngebiet oder Wald. Ein Standort an der Autobahn wäre für Harter immer noch die deutlich bessere Lösung. Nun will der Flugschulleiter die Untersuchung der Flugsicherheitsbehörde abwarten, der die BI auch ein eigenes Gutachten zugeschickt hat. Bestätigt diese die Gefahr fürs Fliegen, erwägt er eine Klage. Seine Hoffnung, das Stadion am Wolfswinkel noch verhindern zu können, ist „sehr groß“. Der Dialog sei ihm weiter wichtig.

 

Wie auch Horst Bergamelli, Vorsitzender des Bürgervereins Freiburg-Mooswald. Der zeigte sich nach dem Ja zum Wolfswinkel enttäuscht, aber einsichtig: „Das Ergebnis ist eindeutig, da kann man nichts ändern.“ Er sucht nun das Gespräch mit Stadt und Sportclub. Die Stadion-Planung will er kritisch begleiten, um „Auswüchse zu verhindern“. Klappt das, ist er überzeugt, dass die neue Arena die Lebensqualität in seinem Viertel „nicht wesentlich verschlechtert“.

 

Auch in einer Stellungnahme der BI Pro Wolfswinkel heißt es, man wolle den Planungsprozess „aufmerksam verfolgen“. Die BI kritisiert, dass die Stadtteile nach dem St.-Floriansprinzip entschieden hätten. Soll heißen: Je weiter weg vom Stadion, desto mehr Ja-Stimmen.

Matchwinner: Nils Petersen mit Hattrick.

 

Der fünfte Bürgerentscheid in der Geschichte Freiburgs hat die Stadt in zwei Lager geteilt. OB-Sprecher Walter Preker findet das normal. Es brauche nun Zeit, bis die Gräben wieder zugeschüttet sind. Die Ängste der Gegner, wegen des millionenschweren Neubaus würde etwa Geld für Bildung fehlen, oder die Anwohner würden unter Lärm zu leiden haben, kann er nachvollziehen. Es gelte zu beweisen, dass die Befürchtungen unberechtigt sind. Auch Preker schließt Klagen nicht aus.

 

Baubürgermeister Martin Haag ist überzeugt, dass das Projekt durch den „intensiven Planungsvorlauf“ auf festen Füßen steht. Er hofft aber, dass „nichts Unvorhergesehenes passiert“. In den vergangenen Jahren sei in Deutschland nicht ein großes Stadion gebaut worden, ohne dass geklagt worden sei. Ein Runder Tisch ist für Haag der richtige Weg. Er will dafür auch Stadion-Gegner und SC-Fans ins Boot holen. Alle könnten aber nicht mitmachen. „Der Arbeitskreis muss arbeitsfähig bleiben.“ Mit 200 Leuten gehe das nicht.

 

Salomon ist „sehr zuversichtlich“, dass das Stadion gebaut wird. Noch nie in seiner Amtszeit habe es eine Vorlage an den Gemeinderat gegeben, die so gewissenhaft erstellt worden sei wie die Drucksache G 14/183 zum Stadion. Und über eben diese sei nun klar entschieden worden. Das Volk gefragt zu haben hält er für richtig: „Mehr als ein Votum der Bürgerschaft kann es nicht geben.“ Wie die Arena letztlich aussehen werde, sei noch völlig offen, sagt Haag. „Wir wollen ein schönes Stadion, das nach Freiburg passt.“ Funktional, auch in energetischer Hinsicht. Fantasieren will er nicht. Das hat dafür Daniel Löprich gemacht.

So könnte es vielleicht aussehen?

 

Der 33 Jahre alte Architekt aus Lahr hat als Masterarbeit eine futuristische SC-Arena für den Wolfswinkel entworfen. Sein Modell soll an einen fliegenden Fußball erinnern und die Form des SC-Wappens aufnehmen. Die Multifunktionalität, die für das neue Stadion geplant ist, hatte Löprich schon 2011 im Auge: Seine Arena mit Photovoltaikdach dient auch als Konzertstätte und beherbergt Hotelzimmer und Büroräume. Was reizvoll klingt, kostet aber „eher in Richtung Allianz-Arena“, also etwa 340 Millionen Euro. Das ist das Dreifache dessen, was Freiburg derzeit als Gesamtkosten für Stadion und Infrastruktur veranschlagt hat.

 

Und wer baut das Stadion? Klar ist bisher nur, dass die SC Stadion Freiburg GmbH & Co. KG für das neue Rund als Bauherrin auftreten soll. Gerüchten, nach denen es bereits Absprachen zwischen Rathaus und dem Freiburger Bauunternehmer Peter Unmüssig gegeben haben soll, tritt Preker energisch entgegen: „Das ist Quatsch!“

 

Wer auch immer das Stadion planen und bauen wird, ein Restrisiko gibt es in jedem Fall. Das weiß auch Salomon. Wenn der SC in die 3. Liga absteigt, „stimmen die Eckpunkte des Finanzierungskonzepts nicht mehr“. Trotz des derzeitigen Abstiegskampfes rechnet damit aber wohl keiner.

 

Auch nicht die Krähen auf der Wiese am Wolfswinkel. Sie wühlen lieber gemächlich mit ihren Schnäbeln im kalten Gras. Nur wenn man auf sie zuläuft, flattern sie geschwind davon – als hätten sie doch vom Zoff um ihren Nahrungsplatz Wind bekommen. Doch die Aufregung legt sich rasch. Ein paar Meter weiter landen sie und picken weiter. Ein paar Jahre geht das dort noch. Dann rollen die Bagger an. Vorausgesetzt, es geht alles glatt.

 

Text: Till Neumann / Fotos: Daniel Löprich