Hildegard Wohlgemuth hörte Stimmen und hatte Halluzinationen. Sie lebte abwechselnd in der Psychiatrie und auf der Straße, und sie malte, um ihre traumatische Kindheit zu verarbeiten: mit Filzstift. Würde sie heute noch leben, könnte sie miterleben, wie ihre „Outsider-Kunst“ boomt. In Bayreuth haben es ihre Werke mittlerweile ins Kunstmuseum geschafft, im Finanzzentrum der Sparkasse an der Kaiser-Joseph-Straße sind noch bis zum 3. Januar exakt 63 davon zu bestaunen. Und sie sehen ganz anders aus, als es vielleicht aus Wohlgemuths Lebenslauf zu schließen wäre: farbenfroh und fröhlich.

 

Eine Frau in Rüschenkleid und einem selbst gehäkelten Mantel steht auf dem Hamburger Gänsemarkt. Um den Hals trägt sie ein Schild, bunt bemalt, auf dem steht: „ARME. OMA. 60J.: Bittet Sie um eine Spende DANKE.“ Drückt ihr jemand einen Euro in die Hand, freut sie sich: „Ach Schnuckelchen, was bist du für ein netter Mensch.“

Warmherzig, faszinierend, herzlich. Mit diesen Worten beschreiben Heike Schulz und Renate Lepach die Frau, die sie einst gut gekannt haben. Schulz, die die Bilder gesammelt und dem Kunstmuseum Bayreuth gestiftet hat, Lepach, die die Freiburger Ausstellung zum 15-jährigen Bestehen des Vereins Obdach für Frauen (OFF) organisiert hat.

 

Fans der Künstlerin: Die Organisatorinnen Heike Schulz (li.) und Renate Lepach. Bild: Tanja Bruckert.

Fans der Künstlerin: Die Organisatorinnen Heike Schulz (li.) und Renate Lepach. Bild: Tanja Bruckert.

 

Sie hätten auch andere Worte wählen können: traumatisiert, krank, gezeichnet. Denn Hildegard Wohlgemuth hat bereits in jungen Jahren mehr erlitten, als andere in ihrem ganzen Leben: Im Jahr 1942 reist sie im Alter von elf Jahren mit einer Kindergruppe von ihrer ostpreußischen Heimat nach Leipzig. In dieser Nacht wird die Stadt bombardiert. Wohlgemuth ist die einzige der Gruppe, die überlebt – drei Tage später wird sie aus den Trümmern gerettet.

Seitdem hört und sieht sie immer wieder die anderen Kinder und die Erzieherin. Die Erzieherin sagt ihr, sie müsse für die Schuld büßen, als einzige überlebt zu haben; die Kinder wollen, dass sie um ihr Leben kämpft. Mit 16 Jahren wird Wohlgemuth in die Psychiatrie eingewiesen, aus der sie immer wieder abhaut: Die traumatisierte Frau hält sich nicht gerne in geschlossenen Räumen auf, die Erinnerung an die über ihr einstürzende Decke ist zu intensiv.

 

Mit dem Malen fängt Wohlgemuth erst 26 Jahre später an. Sie hat mittlerweile ein Kind, dem zuliebe sie versucht, die Stimmen zu ignorieren, die sie immer noch hört. „Ich war nun Mutter“, schreibt sie in ihrem Tagebuch, aus dem Auszüge in der Ausstellung zu sehen sind, „alles andere, auch meine Krankheit, war nun unwichtig.“ Sie hat gelernt, sich selbst zu versorgen, lebt in einer kleinen Wohnung im Haus einer Ärztin. Zur Malerei kommt sie durch eine befreundete Künstlerin. Die ersten Bilder gehen ihr mühsam von der Hand, sie sind düster und dunkel. Wohlgemuth verarbeitet ihre frühen Erinnerungen, lässt die schmerzhaften Gefühle wieder aufkommen.

 

1990 zieht die Künstlerin weg, und der Zugang zu Leinwand und Farbe wird schwieriger für die 57-Jährige. Sie fängt an, mit Filzstift zu malen, zeichnet zuerst die Konturen und koloriert dann die Flächen. Der Filzstift befriedigt ihr Bedürfnis nach Halt und Struktur – und nach Farbe. Denn sie beginnt schnell, ihre inneren Bilder, die sie auf Papier bannt, mit Licht und Leben zu füllen – ein Befreiungsschlag. Und ein Erfolg, denn die Bilder, die sie einst für zehn Mark auf der Straße verkauft hat, sind jetzt 1000 bis 2000 Euro wert. Ein Erfolg, von dem die 2003 gestorbene Künstlerin leider nichts mehr hat. Ihre Bilder werden wohl noch im Wert steigen – schließlich greifen sie einen Trend auf, der bei der diesjährigen Biennale nochmals betont wurde: die Outsider-Kunst. Gemälde von psychisch Kranken, die ihre Wahrnehmung und Gefühle in Kunst umwandeln. Wohlgemuth ist dennoch eine der wenigen Outsider, die den Schritt zur eigenen Ausstellung in einem Kunstmuseum geschafft haben. „Sie konnte die Herzen warm und weich machen“ sagt Schulz über sie – und vielleicht ist eben das das Geheimnis ihrer Kunst.

 

Text: Tanja Bruckert