Liebe Trauergemeinde man wird über diesen Tag noch sprechen, denn eines Tages wird es heißen: Was hast du gemacht, als „Wetten, dass …?“ zu Grabe getragen wurde, an diesem Samstagabend um 22.57 Uhr? Als auch Markus Lanz, der Fleisch gewordene Thommy Gottschalk-Nachlassverwalter, die Flinte ins Korn warf und damit die Baggerindustrie gleich mit ins Verderben riss.

Das ist eine historische Zäsur, die auch uns Mittdreißigern das eigene Älterwerden knallhart vor Augen führt. Zukünftige Generationen werden bei Familienfeiern genervt stöhnen: „Papa erzählt wieder von „Wetten, dass …?“. Das letzte gesamtdeutsche Lagerfeuer war ausgebrannt, es hatte Burnout. Schon lange kokelte es nur noch so vor sich hin, immer wieder hat man neue Anzünder und Brandbeschleuniger reingeworfen, es hat nichts gebracht. Und selbst Veronica Ferres, dieses Kühlwasser der naiven Glupschäugigkeit, konnte zuletzt nur noch einen weiteren Tropfen Belanglosigkeit ins Abklingbecken der Langeweile gießen.

 

Der Tod von „Wetten, dass …?“ ist der Tod unserer Kindheit, das Ende der VaMuKi-Heimeligkeit. Erst wurde das Kind gebadet, dann mit dem Bade vor dem Fernseher ausgeschüttet und durfte sodann wach bleiben und hoffen, Gottschalk würde heftig überziehen.

 

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Heute ist diese Generation damit beschäftigt, die Reste der Patchwork-Family zusammenzukratzen und Kind 1 wieder rechtzeitig bei Mama 1 abzuliefern, um anschließend, wenn wieder mal völlig überraschend Udo Jürgens, Peter Maffay oder Joe Cocker aufspielen, mit Kind 2 bis 4 und Mama 5 gemeinsam den Rest der Sendung zu gucken. Neulich schon trugen alle Sendungsgäste schwarz, es war, liebe Trauergemeinde, die vorgezogene Bestattung eines hirntoten Patienten.

 

Das ZDF aber behält die Rechte, man kann sich offenbar vorstellen, das eine oder andere Organ doch noch einmal einem anderen kranken Patienten zu verpflanzen. Wahrscheinlich irgendeiner Kernerpilawapflaume-Wegmoderiermaschine, die es gar nicht merkt, wenn ihm ein paar alte „Wetten, dass-Floskeln“ ins Moderationsbuch geschummelt werden.

 

Und darum, liebe Trauergemeinde, sage ich: Das Lagerfeuer ist aus, es lebe das Feuerwerk! Zeit, neues Fernsehen zu machen. Dieses Medium mit Liebe, Mut und Ideen zu füllen und nicht mit Angst und verkrampftem Festhalten an Konzepten aus den Achtzigern. Schluss mit Zaudern und Angst auf den Fluren der festangestellten Hoffnungslosigkeit. Mut zum Experiment, Mut zum Fehler und Mut zum Zuschauer.

 

Florian Schroeder, Kabarettist, studierte in Freiburg, lebt in Berlin und vergibt die chilli-Schote am goldenen Band.

 

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