Unterwegs mit der „Liefereule“: Bier, Cola, Kondome

Die Party brummt, doch die Getränke gehen zur Neige? Da kann nicht mal die Tankstelle helfen, denn seit zwei Jahren gilt in Baden-Württemberg ein nächtliches Alkoholverkaufsverbot. Dem Freiburger Alex Schleining kommt dieses Gesetz zugute: Als „Liefereule“ bringt er Nachtschwärmern alles, was sie zur späten Stunde nirgendwo mehr kaufen können – und wird dabei auch mal ins Bordell gerufen.

 

Nachts liegt Freiburg auf dem Trockenen. Mit jeder Minute, die verrinnt, mit jedem Anruf verfestigt sich der Eindruck. Und das ist gut für Alex Schleining. Der 28-Jährige braust mit seinem weißen Renault Kangoo durch die orange beleuchteten Straßen der Stadt. Bei jedem Schlagloch klirren die Flaschen, die der Jungunternehmer durch die Gegend fährt – sechs Mal pro Woche, immer auf Abruf. „Mein Job ist nicht viel anders als der eines Taxifahrers“, sagt Schleining, der keine Personen, sondern ausschließlich Getränke und Knabbereien befördert. Als „Liefereule“ trägt er alles aus, was zu später Stunde zur Neige geht – vom Whisky bis zur Kondom-Packung.

Es ist kurz nach halb zehn, als das Handy zum ersten Mal klingelt: „Liefereule, hallo?“ Ein junger Mann meldet sich, er hat Durst. Zwei Flaschen Cola und einen Kasten Bier soll die Liefereule zu einer Wohnung im Stadtteil Stühlinger bringen. „Viele Leute haben einfach keine Lust, Kästen zu schleppen. Die freuen sich umso mehr, wenn ich ihre leeren Pfandflaschen gleich wieder mitnehme.“ So wird die Bequemlichkeit der einen zum Geschäftsmodell des anderen.

Ankunft beim Stammkunden: Manuel Lüpertz empfängt die Eule mit Katze.

 

Als Schleining am Ziel ankommt, dröhnt die Hip-Hop-Musik schon durch die Wohnungstür. „Kennst du die hier? Die heißt auch Eule“, sagt Stammkunde Manuel Lüpertz (30) und hält dem Boten eine Katze entgegen. Lüpertz, der sein Geld als Hip-Hopper verdient, will zusammen mit seiner Freundin und einigen Kumpels die Einweihung seines neuen PCs feiern. „Bier gehört da einfach dazu.“ Zum Dank für die schnelle Lieferung improvisiert er einen spontanen Rap im Treppenhaus. Schleining lacht: „Echt cool, aber ich muss leider weiter.“ Der Bierkasten und die beiden Colaflaschen kosten zusammen rund 25 Euro – ab einem Bestellwert von 15 Euro ist die Anfahrt umsonst.

Zurück im Auto: Obwohl schon zwei neue Kunden angerufen haben, muss Alex Schleining zuerst die Buchhaltung erledigen: Auf einem Klemmbrett hält er fest, was der Rapper soeben gekauft hat. Neben dem Handy und dem Navi gehört auch ein Taschenrechner zur persönlichen Serienausstattung. Und Durchhaltevermögen: Bei einem Jahresumsatz von 60.000 Euro rechnet sich die alltägliche Nachtschicht nämlich noch nicht, weshalb Schleining und seine zwei Mitarbeiter – beides gute Freunde – zusätzlich regulären Jobs nachgehen. Tagsüber arbeitet Schleining in einer Autoglaserei, nachts wird er zur Liefereule.

Ankunft am nächsten Ziel. Vor der Tür eines Haslacher Mehrfamilienhauses trifft Schleining einen Kollegen, der gerade Pizza ausliefert – für denselben Kunden, der auch die Nummer der Liefereule gewählt hat. „Das ist oft so“, sagt der Bote, „bei mir kaufen die Kunden ihre Getränke, in der Pizzeria das Abendessen.“ Im 6. Stock öffnet ein etwa 50 Jahre alter Mann: „Mir gefällt die Zuverlässigkeit“, sagt er und blickt auf die gelieferten Schnapsflaschen, „und das Material stimmt auch.“ Gerne würde er mit Schleining noch einen trinken, doch Alkohol im Dienst ist tabu: „Viele wollen, dass ich bleibe, aber dann käme ich beim nächsten zum spät.“

Am nächsten Einsatzort, einem Wettbüro in der Ferdinand-Weiß-Straße, ist niemand da – auch Liefereulen werden mal versetzt. Schleining lehnt sich zurück, im Radio läuft Seeed. Als das Lied vorbei ist und noch immer keiner erscheint, greift er zum Handy: „Ihr habt Cola-Whisky bestellt, wo seid ihr denn?“ Nun soll die Ware an einen anderen Ort gebracht werden, einen Hinterhof in der Tellstraße. Schleining seufzt, Sonderwünsche gehören bei seiner Kundschaft dazu – gerade wenn Alkohol im Spiel ist. „Manche wollen nicht, dass Nachbarn die Lieferung sehen. Dann darf ich überhaupt nicht klingeln.“

Multitasker: Alex Schleining hat mit der Liefereule momentan eine Monopolstellung in Freiburg.

 

Zehn Minuten später holen tatsächlich zwei junge Männer in Lederjacken den harten Stoff ab. Damit sie ihren Longdrink direkt zusammenmischen können, verteilt Schleining ein paar Plastikbecher – und kassiert direkt den nächsten Auftrag. „Könnt ihr noch mal zur Ferdi-Weiß fahren? Unsere Kumpels wollen jetzt doch was.“ Seelenruhig notiert Schleining die Bestellung, der Kunde ist König. Im besagten Wettbüro erwarten ihn die nächsten durstigen Kehlen. Aus dem Etablissement dringt Wasserpfeifen- und Tabakrauch, orientalische Musik läuft im Hintergrund, erneut wechseln Geldscheine den Besitzer. Nur betreten darf Schleining das Lokal nicht – manche Kunden bleiben lieber unter sich.

Vom Studenten bis zum Professor, vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Unternehmer, die Zielgruppe der Liefereule ist weit gefächert, Hauptsache volljährig. Zu Stoßzeiten kann es passieren, dass auch mal einem Bordell die Getränke ausgehen. „Da fahren wir dann immer besonders gerne hin“, sagt Schleining mit einem Augenzwinkern. Einmal, glaubt er, habe er es sogar mit der Mafia zu tun gehabt. „Die wollten mir Geld abknöpfen, weil ich in ihrem Bezirk auslieferte.“ Schleining blieb hart, durfte trotzdem regelmäßig Getränke zu den Pokernächten der vornehm gekleideten Herren liefern. „Leider haben sie irgendwann von einem Tag auf den anderen nichts mehr bestellt, wahrscheinlich wurden alle eingebuchtet.“

Mit seinem Nachtlieferservice hat der junge Unternehmer eine Monopolstellung in Freiburg. Der frühere Mitbewerber „Alkopone“ hat sich inzwischen zurückgezogen. „Den kenne ich gut, er gehört sogar zu meinen Kunden“, sagt Schleining. Langfristig will er expandieren: ein zweites Auto, ein weiterer Fahrer. Doch dahin ist es noch ein weiter Weg: Allein der Benzinpreis macht der Liefereule, die jede Woche bis zu 800 Kilometer verfährt, mächtig zu schaffen. „Das ist ein harter Kampf, aber ich bin zuversichtlich. In Freiburg gibt es unheimlich viel Potenzial.“

Text & Fotos: Steve Przybilla

www.liefereule.de