Es wird so oder so eine denkwürdige Spielzeit am Freiburger Theater, die achte unter der Regie von Intendantin Barbara Mundel und dem kaufmännischen Direktor Klaus Engert. Denn ob der rund 13 Millionen Euro teuren Sanierung der Bühnentechnik – die Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach schon mal als das „sechste Museum der Stadt“ bezeichnet – muss das Theater im kommenden März für vier Monate vom Rotteckring an die Schwarzwaldstraße umziehen. Lars Bargmann hat sich nach der Premiere von Dantons Tod mit Mundel und Engert getroffen.

Mit Büchners Dantons Tod ist das Theater in eine Spielzeit gestartet, in der die Bühnentechnik im eigenen Haus für 13 Millionen Euro saniert wird.

 

cultur.zeit:Die neue Spielzeit ist jetzt gestartet, eine der großen Aufgaben ist im kommenden März der Umzug aufs Ganter-Gelände, wo bis zum 27. Juli dann unter einem Zeltdach gespielt wird. Was kommt künstlerisch, was organisatorisch auf Sie zu?
Mundel: Ich merke bei der Vorbereitung mit den Teams hier im Haus, dass das als künstlerisch und organisatorisch spannende Herausforderung begriffen wird, weil wir bei Ganter ja kein klassisches Theater haben, sondern ein Zelt oder besser eine Theaterhalle. Aber es gibt dort auch eine sehr schöne Nähe zwischen Bühne und Tribüne. Wir müssen und dürfen lustvoll improvisieren.

 

cultur.zeit: Man könnte das Gastspiel inhaltlich als Chance sehen. Das Freiburger Theater ist nicht zuletzt durch Ihre Intendanz in der Stadt stark dialogisch orientiert, ist in die Stadtteile wie nach Haslach gegangen. Nun können Sie diesen Prozess in der Oberwiehre ausprobieren …
Mundel: … genau das wollen wir tun. Wir stoßen bei Ganter auf kulturaffine Eigentümer, der Bürgerverein Oberwiehre-Waldsee ist in gutem Kontakt mit uns. Wir machen ein Projekt Schwarzwaldstraße, uns interessiert die Geschichte der Stadtteile an dieser Straße, wir machen ein Projekt im Senioren-Wohnstift, wir wollen das Viertel einbeziehen.
Engert: In den 90er Jahren musste das
Theater ja schon einmal in ein Zelt im Eschholzpark ausweichen. Damals wurde das vom Publikum sehr gut angenommen und deswegen sind wir auch optimistisch. Die Theaterhalle bei Ganter kann auch Kult werden. Vielleicht bekommen wir da Publikum, das sonst nicht ins Große Haus gehen würde. Wir denken, dass wir über die gesamte Spielzeit die gleiche Gesamtbesucherzahl erreichen werden, weil wir ein sehr interessantes Programm haben und beim Übergang vom Theater in die Zelthalle mit einer Premiere am 29. März fast nahtlos weitermachen.

 

cultur.zeit: Wie bewerten Sie die abgelaufene Spielzeit? Es gab nach 218.000 Zuschauern in der Spielzeit 2011/12 einen Zuschauerrückgang um 2,9 Prozent oder 6000 …
Engert: In der Zielvereinbarung mit dem Rathaus sind 210.000 als Zielmarke definiert. Das haben wir erreicht und insofern können wir damit auch zufrieden sein.

Blicken – für ungewöhnlich überzeugende Theaterarbeit frisch ausgezeichnet – optimistisch auf die neue Spielzeit: Barbara Mundel ...

 

cultur.zeit: Ihr Etat liegt bei knapp 27 Millionen Euro. 8 kommen vom Land, 15 von der Stadt, für die restlichen 4 Millionen Euro müssen Sie selber sorgen. Wenn Sie den finanziellen Rahmenbedingungen in Freiburg einen Schulnote geben müssten …
Mundel: … hm, das ist eine schwierige Frage. Der Großteil meines Jobs besteht ja darin, Künstlern zu sagen, warum sie das alles nicht machen können, was sie gerne machen möchten (lacht). Man kann sagen, dass die Stadt, das Rathaus und der Gemeinderat, sich in den vergangenen Jahren sehr angestrengt haben, um zu zeigen, dass sie dieses Theater unterstützen wollen. Das verdient eine tolle Note.
Engert: Obwohl wir schon in der Spielzeit 11/12 Rekorderlöse geschafft haben, haben wir diese in 12/13 noch einmal leicht gesteigert. Wir machen also gute Arbeit.
Mundel: Es ist wichtig, dass Sponsoren, unsere Theaterfreunde und Stiftungen einzelne Projekte fördern. Und da haben wir stark zugelegt.

 

cultur.zeit: Das Theater wurde von der Fachzeitschrift „Deutsche Bühne“ erneut für seine „ungewöhnlich überzeugende Theaterarbeit abseits großer Theaterzentren“ ausgezeichnet.
Mundel: Wir freuen uns darüber wirklich sehr. Ich glaube, dass wir uns auf verschiedenen Ebenen mit sehr ungewöhnlichen Projekten, nicht nur im Bereich kulturelle Bildung, einen guten Ruf erworben haben. Frau Bauer (Theresia Bauer, baden-württembergische Ministerin für Forschung, Wissenschaft und Kunst, d. Red.) hat uns zu der Auszeichnung sehr gratuliert, das wird auch in Stuttgart wahrgenommen.

 

cultur.zeit: Inwiefern sind die Schwerpunkte der Spielzeit in Tanz, Schauspiel und Musiktheater auf die Zelthalle bei Ganter ausgerichtet?
Mundel: Wir haben versucht, für diese vier Monate in der besonderen Spielstätte zu denken, uns Inhalte zu überlegen, die da besonders interessant werden. Wir bleiben uns im großen Haus aber auch treu und setzen unsere Beschäftigung mit Wagner fort. Die Regisseurin Eva-Maria Höckmayr, die hier schon erfolgreich gearbeitet hat, wird Tannhäuser in Szene setzen.

 

cultur.zeit: Gänzlich neu hingegen ist die Beschäftigung mit der Operette …
Mundel: … mit diesem Genre haben wir uns bisher tatsächlich stark zurückgehalten. Aber nun kommt Frank Hilbrich und bringt Kálmáns „Csárdásfürstin“. Aber auch auf Verdis „Sizilianische Vesper“ darf man gespannt sein. Neu ist übrigens auch, dass wir erstmals eine Uraufführung, „Oskar und die Dame in Rosa“, im Musiktheater zeigen, die unser Generalmusikdirektor Fabrice Bollon komponiert hat.

... und Klaus Engert. Der erwartet durch das viermonatige Gastspiel bei Ganter auch keinen Einbruch in den Zuschauerzahlen.

 

cultur.zeit:Wie wird sich der Tanz zeigen?
Mundel: Der trägt in dieser Spielzeit stärker die Handschrift von Anna Wagner, die sehr spürbar die Vernetzung des Tanzes weitertreibt. Wir sind bei Triptic dabei, ein neues Projekt zum Kulturaustausch am Oberrhein, wo wir mit der Kaserne in Basel und den Theatern Le Maillon & Pôle Sud in Strasbourg gemeinsam was auf die Bühnen bringen werden. Und wir machen weiter mit dem sehr spannenden Schulprojekt Learning by moving, das von der Bundeskulturstiftung gefördert wird. Der Tanz wird sich auch drei Monate lang im Winterer-Foyer mit einem Tanzarchiv festsetzen, in dem sich Choreografen aus Indonesien, Algerien und Südafrika mit der deutschen Tanzgeschichte auseinandersetzen. Das gab es auch noch nie.

 

cultur.zeit: Wie baut sich das Programm für eine Spielzeit auf? Läuft der Mailkasten mit Gastspiel-Anfragen über oder passiert das mehr aus dem Team heraus?
Mundel: Der Schwerpunkt liegt klar auf dem Team. Dieses Theater zeichnet eine starke inhaltliche Arbeit aus, die in so scheinbar seltsamen Projekten wie dem Finkenschlag Ausdruck findet, das man nicht mit drei Stichworten erklären kann. Wir denken sehr intensiv über die Ensembles und die sogenannte kulturelle Bildung nach. Wir entwickeln Ideen für Regisseure, das sind sehr komplexe Prozesse. Und wenn wir das Programm dann im Mai veröffentlichen, dann wissen wir zwar ziemlich genau, wie etwa die Opern besetzt sind. Aber beim Tanz oder auch beim Schauspiel gibt es dann noch sehr viele Unwägbarkeiten: Bühnenbilder, Kostüme, die endgültigen Fassungen …

 

cultur.zeit: Haben Sie beide persönliche Lieblingsvorstellungen?
Mundel (denkt lange nach): Hm, das ist sehr schwer zu beantworten. Nicht, weil dann jemand beleidigt sein könnte, sondern weil es einfach heute noch nicht ganz klar ist, wie die Stücke wirklich werden, weil man noch zu wenig weiß. Ich freue mich total auf die Premiere der Csárdásfürstin, eben weil wir uns an dieses Genre noch nicht gewagt haben, es eine tolle Fassung gibt und ein ungewöhnliches Raumkonzept.
Engert: Konkrete Lieblinge habe ich auch nicht. Aber ich finde es sehr bemerkenswert, dass wir zum Ende der Spielzeit mit Tannhäuser und Parsifal vier Vorstellungen im Royal Opera House in Norwich in England spielen, mit 1800 Plätzen. Das ist eine Bestätigung für das, was wir hier machen, Freiburg wird international wahrgenommen.

Reif für den Export: Mit Parsifal gastiert das Freiburger Theater Ende Juli im Royal Opera House im englischen Norwich – vor vielleicht 1800 Zuschauern.

 

cultur.zeit: Wie kam das zustande?
Mundel: Über einen Kritiker, der das hier gesehen hat. Die Freude ist sicher groß, aber es ist eine große Herausforderung. Wir sind auch mit unserer Produktion „Gottes kleiner Krieger“ zum Lessing-Festival nach Hamburg eingeladen. Die Volksbühne (Berlin, wo Mundel früher arbeitete, d. Red.) hatte nie Probleme, auf Gastspiel-Reise zu gehen und gleichzeitig zu proben und das Haus zu bespielen. Das schaffen wir mit unserer Personalstärke aber nicht – leider nicht. Aber wir spielen ja auch in erster Linie für die Menschen hier.

 

cultur.zeit: Frau Mundel, Herr Engert, vielen Dank für dieses Gespräch.

 

 

Infos
· Im Freiburger Theater arbeiten derzeit 400 Menschen auf 325 Vollzeitstellen.
· Der Jahresetat liegt bei 27 Millionen Euro.
· Die wirtschaftlichen Eckdaten sind in einer Zielvereinbarung mit der Stadtverwaltung festgeschrieben, die noch bis einschließlich 2018 gilt. Tariferhöhungen trägt die Kommune.
· Der Vertrag mit der Intendantin Barbara Mundel läuft noch bis 2016, der von Klaus Engert endet ein Jahr früher. Ob sie darüber hinaus in Freiburg bleiben wollen, wollten/konnten sie im Interview nicht beantworten.
www.theater.freiburg.de

 

Text: Lars Bargmann / Fotos: Theater Freiburg, Maurice Korbel