Der Bauantrag ist noch nicht eingereicht, die Pläne sind aber schon fast fertig: Berthold „Bobby“ Lorenz, der im Oktober 2011 den orientalisch inszenierten FKK-Palast an der Tullastraße eröffnete, plant die Ausweitung des horizontalen Gewerbes in Freiburg. Lorenz hat jetzt das rund 1200 Quadratmeter große Grundstück an der Ecke Schildackerweg und Wiesentalstraße erworben. Er bestätigt zudem – wenn auch zögerlich – die chilli-Informationen, wonach auf dem Grundstück mit der Adresse Wiesentalstraße 1 das bestehende Gebäude samt Halle abgerissen und einem Neubau für einen „Hühnerstadl“ weichen soll. Das wäre Freiburgs erstes Laufhaus. Von wem er für welchen Preis das Areal erworben hat, will er nicht sagen: „Keine Ahnung.“ Im Haus arbeiten aktuell sechs, sieben Frauen für sich. Nicht für ihn: „Ich vermiete ja nur die Räume.“

Die Hülle ist nicht ganz so sexy: Hier soll bald ein neuer Puff gebaut werden.

 

Im Rathaus weiß Sprecherin Edith Lamersdorf von den Plänen noch nichts. Der Standort im Gewerbegebiet Süd wäre baurechtlich mit einem Laufhaus wohl vereinbar. Denn nach vielstimmiger Kritik an Freiburgs antiquierter „Bordellkonzeption“ hatte die Stadtspitze unter Federführung des Baudezernenten Martin Haag im November 2012 in einer Pressekonferenz erklärt, dass sie neben den drei genehmigten Bordellstandorten (House of Love an der Wiesentalstraße 15, FKK-Palast an der Tullastraße 79 und Moser-Areal Ecke Basler und Heinrich-von-Stephan-Straße) sieben weitere legalisiert. Das betrifft die bordellartigen Betriebe Studio Fantasy (Auf der Haid 1), das Erotikstudio Münzer (Bettackerstraße 25), Noblesse Freiburg (Todtnauer Straße 1), die Villa Haslach (Haslacher Straße 21 a) und das Studio 79 (Robert-Bunsen-Straße 11a), das als Bordell nach dem durch Lorenz erzwungenen Umzug aus der Tullastraße bis dahin baurechtlich nicht zulässig war. Und zudem eben das Hexenhäusle (Schildackerweg 30) sowie das Passion Palace, das heute an der Wiesentalstraße 1 steht.

 

Dem Freiburger Stadtmagazin chilli war damals die entsprechende Gemeinderatsdrucksache G-12/229 weit vor der Pressekonferenz und der Sitzung des Gremiums zugespielt worden und hatte über eine neue Sexsteuer, mit der die Verwaltung eine viertel Million Euro kassieren will, und die Legalisierung der Rotlichtszene berichtet.

 

Der Hühnerstadl würde in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hexenhäusle entstehen. Von den Hexen war trotz mehrfacher Anfrage keine Stellungnahme zu bekommen. Lorenz will das Laufhaus im Stile eines mittelalterlichen Bauernguts bauen: „Das wird was Sensationelles, das wird das schönste Puff in Freiburg.“ Hatte er das nicht schon über den FKK-Palast gesagt? Der Palast habe die Latte hochgelegt, aber das Laufhaus werde sicher mindestens so beeindruckend. In dem geplanten zweieinhalbgeschossigen Gebäude werde es im Erdgeschoss eine Kontakt-Bar im Après-Ski-Stil geben. Ein Laufhaus funktioniert etwa so wie die berüchtigte Herbertstraße auf dem Kiez in Hamburg. Die Kundschaft kann sich in aller Ruhe in den offenen Zimmern anschauen, was anmacht – und dann die Tür zumachen. In einem Laufhaus kostet – anders als im FKK-Palast – nicht das Eintreten, nur das Eindringen.

 

Bis zu 20 Frauen könnten im Hühnerstadl ihre Vorzüge anbieten. Für ganz Freiburg geht das Rathaus von einem Bedarf von 120 Liebesdienerinnen aus. Auch SPD-Stadtrat Walter Krögner hatte seinerzeit überrascht auf die chilli-Informationen reagiert: „Das ist aber das offizielle Anerkenntnis eines Bedarfs, der bisher gerne kleingehalten wurde. Die Stadtverwaltung sieht der Realität ins Auge, muss ins Konzept aber auch noch den Schutz der Prostituierten an ihren Arbeitsplätzen einarbeiten.“

 

Ein weiteres Motiv der Verwaltung war, mit der Liberalisierung der Blowjob-Branche an anderen Stellen weitere Auswüchse des ältesten Gewerbes der Welt zu verunmöglichen. Die Branche boomt: Bundesweit werden Milliarden mit der käuflichen Liebe umgesetzt, in Freiburg gibt es derzeit rund 80 Bordelle und Terminwohnungen – etwa am Rankackerweg, an der Kronenstraße, am Werderring oder auch südlich des Schwabentors.

FKK-Palast an der Tullastraße: Für Betreiber Berthold Lorenz das schönste Bordell Freiburgs.

 

In der Regel läuft das hin und wieder durchaus laute Geschäft nach außen still und ruhig ab. Hinweise über Revierkämpfe oder Buttersäurenattacken hat die Polizei derzeit nicht. „Die Szene ist total ruhig, es gibt keinerlei Vorfälle in jüngster Zeit“, sagt Polizeisprecher Walter Roth. Zuletzt war das Milieu im Juni 2012 in die Schlagzeilen geraten, als der Freiburger Amtsgerichtsrichter Lars Petersen und Schöffen in einem Gnadenurteil milde Strafen gegen zwei Angeklagte mit seitenlangen Vorstrafenregistern aus dem Umfeld der Hells Angels verhängten. Ein damals 48-jähriger Koch, der zwei Gaststätten in Freiburg und Lahr betrieben hatte und zuvor mal Vizepräsident der Lahrer Hells Angels war, hatte im November 2010 versucht, das Massagehaus in der Mattenstraße und das Hexenhäusle in seine Finger zu kriegen. Beide wurden von einem in Thailand ansässigen Vermieter betrieben. Um seinem Ansinnen die nötige Ernsthaftigkeit zu verleihen, war der Koch mit einer Gruppe von acht Hells Angels aufgetreten – was nicht nur die Prostituierten, sondern auch deren Kundschaft einschüchterte. Direkte Folge: Der Umsatz sackte ab. Der Mann drohte weitere „Stubenrundgänge“ an. Er bekam sieben Monate, ausgesetzt zu einer vierjährigen Bewährung.

 

2003 hatten Richter des Freiburger Landgerichts einen 32-jährigen Deutschen wegen bandenmäßigen Menschenhandels und Zuhälterei für fünfeinhalb Jahre hinter Gitter geschickt. Die aus dem russischen Raum importierten Frauen mussten in Freiburg erst einmal die Reisekosten abarbeiten. Das ist lange her. Als Lorenz vor zweieinhalb Jahren die Türen seines Palasts öffnete, meinte er im Gespräch mit dem chilli: „Mit dem Palast ist der Bedarf in Freiburg jetzt eigentlich gedeckt.“ Die Zeiten haben sich offenbar geändert. Das Laufhaus scharrt mit den High Heels.

 

Text: Lars Bargmann / Fotos: © bar