Sollten die im Frühjahr erwarteten Gutachten keine unüberwindbaren Hürden offenbaren, scheint an einem neuen Stadtteil auf dem Dietenbachgelände in Freiburg kein Weg mehr vorbeizuführen. Und doch bringen die FDP und die Vereinigung Freiburger Wohnungs- und Gewerbebauunternehmen (VFW) in diesen Tagen eine Option auf, die längst vom Tisch schien: Rieselfeld-West. Eigentlich das perfekte Gelände für einen neuen Stadtteil – das Grundstück gehört bereits der Stadt, der Anschluss an die Straßenbahn ist vorhanden, das Hochwasserschutz-Problem fällt weg. Doch das Gebiet steht unter Naturschutz und ist damit ein Tabu-Thema.

Soll hier ein neuer Stadtteil entstehen?

 

Wiesen, getupft mit dem Rot des Klatschmohns, ein Perlmutterfalter, der von Blüte zu Blüte flattert, eine frühe Adonislibelle, die durch die Luft saust: an dem kalten Februartag ist davon live nichts zu sehen, doch die 27 Stationen rund um das Naturschutzgebiet „Freiburger Rieselfeld“ geben einen Eindruck davon, wie das Gebiet in wenigen Monaten aufblühen wird.

 

Geht es nach der FDP-Fraktion, werden diese 257 Hektar jedoch bald nicht nur Libellen und Schmetterlingen ein Zuhause bieten. „Da die Stadtverwaltung der Mut verlassen hat, der Oberbürgermeister St. Georgen ad acta gelegt hat und im Dietenbach 300 Grundstückseigentümer wohl nicht bereit sind, die Preisvorstellungen der Stadt zu akzeptieren, ist es an der Zeit, Rieselfeld-West sofort anzupacken“, fordert Stadtrat Patrick Evers. Das findet auch VFW-Geschäftsführer Alexander Simon: Es gelte darüber nachzudenken, wie die zweifellos bestehenden, nicht geringen Hürden für eine Fortsetzung der Bebauung im Rieselfeld genommen werden können.

Hier wird bald gebaut?

 

Die rechtlichen Möglichkeiten für eine Aufhebung des Natura 2000-Gebiets (FFH) seien vorhanden, so Evers: „Wenn man in Brüssel zwingende Gründe vorträgt, dann ist das ohne Weiteres möglich.“ Und diese Gründe gebe es: Müssten die Eigentümer der Grundstücke in Dietenbach zwangsenteignet werden, könne sich das mehr als zehn Jahre ziehen – Zeit, die die aus allen Nähten platzende Stadt nicht habe. Zudem sei zu diskutieren, ob das Naturschutzgebiet Rieselfeld-West tatsächlich schützenswerter sei als das Gelände Dietenbach.

 

Die FDP sieht sich mit ihrem neuerlichen Vorstoß vom Gemeinderat insgeheim unterstützt: „Falls geheim abgestimmt würde, gäbe es für unseren Vorschlag eine Mehrheit“, glaubt Evers.

 

Grünen-Stadtrat Eckart Friebis bezweifelt das: „Ich habe da andere Signale gesehen.“ Für seine Fraktion stehe Rieselfeld-West nicht zur Diskussion – auch nicht als Standort für einen weiteren Stadtteil nach dem Bau im Dietenbachgelände. Eine Einschätzung, der sich auch die CDU- und SPD-Fraktion anschließen. „Es ist völlig unnötig, das Gelände jetzt in die Diskussion zu bringen“, empört sich die SPD-Vorsitzende Renate Buchen und verweist auf die noch in diesem Frühjahr erwarteten Gutachten.

Stadtteil_2

 

CDU-Vorsitzender Wendelin Graf von Kageneck weist hingegen auf die rechtlichen Hürden hin: Eine Möglichkeit, den Naturschutz aufzuheben, gäbe es nur dann, wenn gar keine anderen Flächen zur Verfügung stünden – was in Freiburg nicht der Fall sei. Zudem würde der Weg über die Brüsseler Behörde Jahre dauern und daher auch keine schnelle Lösung bringen.

 

Auch Friedrich Ketzschmar, stellvertretender Referatsleiter für „Naturschutz und Landschaftspflege“ beim Regierungspräsidium Freiburg, drückt sein Unverständnis über den Vorschlag der FDP aus: „Mir ist kein Fall bekannt, bei dem man ein FFH-Gebiet aufgehoben hätte.“ Die Hürden dafür seien „sehr, sehr hoch“.

Stadtteil_3

 

Abzuwarten bleibt nun, was die in Auftrag gegebenen Gutachten für die Gebiete Dietenbach und St. Georgen-West ergeben, die in diesem Frühjahr erwartet werden. Denn noch ist vor allem offen, ob sich die Hochwasserproblematik im Dietenbach lösen lässt. Die weiteren planerischen Schritte sollen dann im Herbst 2015 und Anfang nächsten Jahres beschlossen werden.

 

Sicherlich wird auch das nicht ohne Diskussionen über die Bühne gehen, denn auch bei der Ausgestaltung des neuen Stadtteils haben die Fraktionen ihre eigenen Vorstellungen. So diskutiert die Linke Liste bereits jetzt konkrete Forderungen, wie den Ausschluss von klassischen Bauträgern bei der Grundstücksvergabe, einen Mindestanteil von 80 Prozent Mietwohnungen, von denen mindestens die Hälfte öffentlich gefördert werden soll, sowie zeitlich unbegrenzte Belegungs- und Mietpreisbindungen. Zudem bringt sie einen Grünzug vom Dietenbachpark bis zum Mundenhof ins Gespräch, der durch eine breite „Grüne Brücke“ über die Besançonallee verbunden würde.

 

Text: tbr / Fotos: Laura Kopf