Nein, auch Freiburgs Finanzbürgermeister Otto Neideck kennt die warum auch immer geheime wirtschaftliche Bilanz des SC Freiburg nicht. Und hat trotzdem kein Problem damit, dass sich das Rathaus bei der Finanzierung des neuen Stadions für den Bundesligisten verbürgen möchte – mit Steuergeld. „Ich habe überhaupt kein Misstrauen gegen einen Verein, der bereit ist, fürs Stadion 15 bis 20 Millionen Euro selber zu zahlen.“ Was nütze ihm eine Bilanz aus 2013 oder 2014. Es gehe um Vertrauen, „und das haben wir“. Am 1. Februar wird der Bürgerentscheid über den Stadionneubau klären, ob die Freiburger dieses Vertrauen auch haben.

Genau dort soll die neue Arena landen: Zwischen der Landebahn und der neuen Verbindungsstraße zwischen Granada- und Madisonallee liegen gerade einmal 70 Meter. Kein Problem, sagt die Flugaufsicht. Zwischen Stadion und Elsässer Straße liegen die Erweiterungsflächen für die Universität und Forschungseinrichtungen. Beim Bau der Infrastruktur hat der viel zitierte Begriff „Synergien“ eindeutig seine Berechtigung. Im Prinzip können somit VIPS direkt ans Stadion fliegen.

 

Die Kritiker gegen den Standort Wolfswinkel als neue Heimat für den Bundesligisten SC Freiburg spielen in Unterzahl gegen die Kritiker am Finanzierungskonzept für die – je nach Betrachtungsweise – 110 bis 135 Millionen Euro teure Arena am Freiburger Flugplatz. Zumindest in der kommunalen Politik. Auch beide zusammen aber sind deutlich unterlegen gegen die Befürworter von Standort und Investitionsarchitektur. Das war ein Ergebnis der zentralen Informationsveranstaltung Anfang Dezember an der Messe Freiburg. Wer dort ein volles Haus erwartet hatte, sah sich getäuscht: Die 400 Menschen, darunter rund 100 von den Pro/&Contra-Initiativen, von Stadtverwaltung und Sportclub selbst, hätten auch in eine Ringerhalle gepasst. Nur hätte das auch nicht recht gepasst, denn gerungen wurde wenig.

 

Oberbürgermeister Dieter Salomon hatte sich bei seiner Rede für ein neues SC-Stadion so sehr ins Zeug gelegt, dass er sich beim folgenden Auswärtsspiel in Paderborn einen Platz in der Stammformation von Christian Streich verdient hätte. „Der Sportclub ist erstklassig und dauerhaft nur konkurrenzfähig, wenn er ein neues, größeres Stadion bekommt. Wenn wir den SC nicht pleitegehen lassen wollen, dann müssen wir ihm jetzt helfen.“ Wozu die Stadt Freiburg, wozu er sich „in der Pflicht“ fühle.

 

Denen, die das Stadion lieber außerhalb der Stadtgrenzen bauen würden, sagte der OB: „Ein SC Hintertupfingen macht überhaupt keinen Sinn, der SC muss ein Heimspiel für Freiburg bleiben.“ Beifall aus dem spärlich besetzten Rund. Der Wolfswinkel sei kurzfristig verfügbar, mit Bussen, Bahnen, Rädern und zu Fuß gut erreichbar und auch der „kostengünstigste“ Standort. Vereinzeltes Gelächter. Der Sportclub sei der siebtgrößte Gewerbesteuerzahler in Freiburg, er unterstütze Stadt und Region seit Jahren, „und jetzt müssen wir den SC zum ersten Mal richtig unterstützen.“

 

Finanzbürgermeister Otto Neideck erklärte hernach die Eckdaten der Finanzierung: Die Infrastruktur koste das Rathaus „netto“ 38 Millionen Euro. Gemeint hatte er saldiert, denn die Infrastruktur kostet voraussichtlich 47 Millionen Euro. Aber durch Zuschüsse und Einnahmen (1,6 Millionen Euro Erschließungsbeiträge, 4,9 Millionen durch Straßenbaumittel und 3 Millionen Euro für 1200 Stellplätze, die die Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe GmbH (FWTM) finanzieren soll) bleiben dann rund 38 Millionen Euro übrig. Wie die ohnehin jedes Jahr von der Stadt bezuschusste FWTM die 3 Millionen Euro finanzieren will, blieb bislang offen. Über die Bewirtschaftung der Plätze soll das Geld wieder eingespielt werden. Der 38-Millionen-Brocken sei, so Salomon, zu stemmen, ohne dass andere Projekte gestrichen werden müssten. Neideck sagte in einem Nebensatz aber auch: „Wenn es gar nicht anders geht, müssen wir die Infrastruktur über Kredite finanzieren.“

 

Das Stadion selbst kostet netto 70 Millionen, brutto mithin 83,3 Millionen Euro. Weil die noch zu gründende Bauherrin, die SC Stadion Freiburg GmbH & Co. KG, vorsteuerabzugsberechtigt sein wird, egalisiert sich vermutlich die komplette Mehrwertsteuer für den Bau. Der SC schießt als stille Beteiligung mindestens 15 Millionen Euro in diese neue Objektgesellschaft (plus ab 2016 maximal 5 weitere für 5 Jahre erste Liga), die Staatsbrauerei Rothaus 12,78 Millionen, die sie dafür aber aus der Objektträgergesellschaft Messe Freiburg rausholt. Wie die Kapitaleinlagen verzinst werden, steht nicht in den öffentlichen Verlautbarungen. Die Rothaus-Einlage soll so verzinst werden als wäre es eine Staatsanleihe. Die Landesegierung hat elf Millionen Euro zugesagt, die Stadt schiebt zudem das Grundstück in die Stadion GmbH. Da aber dem Land noch ein Drittel der Fläche gehört, will Freiburg mit Stuttgart dieses Drittel mit einer Fläche tauschen, die direkt nebenan liegt und auf der dann die Uni erweitern könnte.

 

Der Fremdkapitalbedarf liegt demnach zwischen 26 und 31 Millionen Euro, je nachdem, in welcher Liga der SC kickt. Die Refinanzierung läuft nahezu allein über den Verein, der in der ersten Liga 3,8 Millionen Euro Pacht zahlt, in der zweiten noch 2,5. Nur wenn der SC wieder drittklassig wird (die Älteren erinnern sich, das war zuletzt 1978), muss der Steuerzahler in die Bresche springen. Denn dieses Risiko will die – kommunale – Stadt mit einer Bürgschaft für den – privaten – Club absichern – ohne dessen Bilanz zu kennen. Ob das ein Vorgang ist, für den sich die Aufsichtsbehörde interessiert, kann man im zuständigen Regierungspräsidium noch nicht sagen. „Solange wir nichts Schriftliches haben, können wir das nicht prüfen“, sagt RP-Sprecher Markus Adler. Neideck räumte gegenüber dem chilli ein, die Bilanz des Sportclubs nicht gesehen zu haben. Er habe aber überhaupt keinen Grund, an der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit eines Vereins zu zweifeln, der bis zu 20 Millionen Euro selber mitbringt.

 

Wie Streich sich nicht in die Karten für seine Aufstellung, wollen sich der scheidende Schatzmeister Heinrich Breit und Geschäftsführer Oliver Leki nicht tief in ihre Bilanzen schauen lassen. Breit hatte allerdings bei der jüngsten Mitgliederversammlung für seine Verhältnisse relativ offen über ein Rekordergebnis in der Saison 2013/2014 berichtet: Der Umsatz stieg binnen Jahresfrist um 40 Prozent auf 70 Millionen Euro, der Jahresüberschuss verdoppelte sich im Vergleich zur Saison 2012/2013 auf 12,8 Millionen Euro. „Das ist ein sensationelles, vorher nie erreichtes Ergebnis“, so Breit. Die bärenstarken Zahlen sind dem Erreichen der Euro-League, Transfererlösen und gestiegenen Einnahmen aus der Bundesliga-Vermarktung zu verdanken. Vom Gewinn wandern fünf Millionen in die Rücklage fürs Stadion. Die gleiche Summe hatte Breit auch vor einem Jahr beiseitegelegt. Ein Insider berichtet dem chilli, dass Ratingagenturen dem SC ein triple A geben würden – das Zeichen für höchste Bonität.

 

Der SC hat seit dem Aufstieg in die erste Liga (1993) 110 Millionen Euro Umsatzsteuer, 80 Millionen Lohn-, 18 Millionen Körperschafts- sowie 14 Millionen Gewerbe- und Grundsteuer bezahlt. Wenn Salomon fordert, dass die Stadt den SC „zum ersten Mal richtig unterstützen“ muss, sind das gute Argumente dafür.

 

Text: Lars Bartmann / Visualisierung: © Luftbild Patrick Seeger, Darstellung HH



Positionen der Fraktionen
Zitate von der Infoveranstaltung an der Messe

Grünen-Fraktionschefin Maria Viethen: „Uns wäre ein Umbau an der Schwarzwaldstraße lieber gewesen, aber nachdem klar war, dass das nicht geht, sind wir für den Wolfswinkel, der ökologisch einigermaßen vertretbar ist. In Freiburg muss jeder Stadtteil, auch der Mooswald, Aufgaben tragen.“

 

CDU-Fraktionschef Wendelin von Kageneck: „Der SC muss in Freiburg bleiben. Für den Wolfswinkel sprechen die Erreichbarkeit und viele Synergien. Das ist nachhaltige Infrastrukturpolitik. “

 

Für das Pro-Lager in der SPD Julia Söhne: „Für den SC muss eine wirtschaftliche Basis her, und ein Neubau ist eine sinnvolle Investition in die Zukunft.“

 

Für das Contra-Lager der SPD Stefan Schillinger: „Wir sagen Nein, weil die 38 Millionen Euro für die Infrastruktur, die haben wir einfach nicht.“

 

Unabhängige-Listen-Fraktionschef Michael Moos: „Wir haben es uns nicht leicht gemacht. Die Frage ist, was uns der SC wert ist. Ein neues Stadion ist in der Gesamtentwicklung positiv, auch für den Freiburger Westen.“

 

Für die JPG Sergio Schmidt: „Der SC hat in den letzten vier Jahren 2,4 Millionen Euro Steuern direkt an die Stadt gezahlt. Es ist ein deutlich größeres finanzielles Risiko, kein neues Stadion zu bauen. Die Position ‚Ja, aber nicht in meinem Vorgarten’ gehört an den Stammtisch und nicht in die Politik.“

 

Für Lebenswertes Freiburg Gerlinde Schrempp: „Es ist schon erstaunlich, wie viele weiße Kaninchen der OB in den letzten Tagen aus dem Hut gezaubert hat. Noch haben wir über den Landeszuschuss keine Abstimmung im Landtag. Es fließen 103 Millionen Euro öffentliche Mittel ins Stadion und weitere, nicht kalkulierbare Risiken. Die fünf Millionen, die für die Beseitigung der Deponie stehen, widersprechen allen Realitäten.“
Freie-Wähler-Fraktionschef Johannes Gröger: „Frau Schrempp. Eine Rede, die auf falschen Tatsachen fußt, ist nichts wert. Das Stadion muss in Freiburg gebaut werden. Der Standort ist ein Glücksfall. Der SC bezahlt das Stadion selber. Wir können gar nicht mit Geld bewerten, was der SC weltweit an Werbung für Freiburg macht.“

 

Für die FDP Patrick Evers: „Das vorgelegte Finanzierungskonzept ist unzureichend. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 130 Millionen Euro. Wird hier seriös gerechnet? In einer Drucksache standen elf Millionen Euro vom Land. Wusste der OB nicht, dass es den entsprechenden Topf dafür gar nicht mehr gibt? Warum fordert Freiburg nicht mehr vom Land als das, was der KSC bekommt? Ist der Anteil des SC überhaupt ausreichend? Bedauerlicherweise hält der SC seine finanziellen Verhältnisse geheim. Die Stadt will hier eine Millionenbürgschaft für einen Verein geben und kennt nicht einmal dessen Bilanz. Das geht nicht.“