“Freiheit, was ist das? Wieviel Liebe, wieviel Schmerz?“ Das sind die Gedanken Fettahs, als er sich, völlig erschöpft, mit letzter Kraft an sein schmales Surfbrett klammert, das in einer Windstille auf dem offenen Meer treibt. Umgeben von Wasser und Himmel. Seit Tagen ist er schon unterwegs: Von seinem kleinen, an der marokkanischen Atlantikküste gelegenen Dorf versucht er, nach Europa zu gelangen, nach Portugal. Allein, mit Rucksack, Neoprenanzug und Surfbrett. Und Gaffer-Tape, das er bei Bedarf um die vom Festhalten des Segels wunden Fingerknöchel wickelt.

 

Ob Fettah sein Ziel erreicht, ist ungewiss – und bleibt auch am Ende des Films offen. Zwar rettet er sich gerade noch in ein verlassenes Ruderboot, doch wir erfahren nicht, an welches Ufer dieses treibt.

 

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Jan Willem van Ewijks Film ist indessen kein Flüchtlingsdrama: Fettah, der als Fischer in der Bucht von Essaouira arbeitet, ist nicht zu seiner lebensgefährlichen Unternehmung gezwungen. Es ist eher die Geschichte von einem, der auszog, das Glück zu finden. Das er in Europa vermutet: Seit Jahren hat er Kontakt zu europäischen Windsurfern, die sein Dorf wegen der idealen Wellen zu ihrem Mekka erkoren haben und in den Ferien regelmäßig dorthin pilgern. Durch ihr unkonventionelles Leben und ihren großzügigen Umgang mit leicht beschädigtem, doch noch gut brauchbarem Surfmaterial hat sich in Fettahs Kopf die Vorstellung eingenistet, dass im Norden, jenseits des Atlantiks, eine Art Paradies existiert.

 

Und das will er kennen lernen. Doch mittellos, wie er ist, könnte er sich eine Reise dorthin nicht leisten. Und er würde auch kein Visum bekommen. Und so reift allmählich die Idee, von Casablanca die 300 Kilometer nach Portugal auf dem Surfbrett zurückzulegen. Denn Surfen kann er. Das hat er von den Feriengästen gelernt – und es in deren Abwesenheit mit der von ihnen aussortierten und zurückgelassenen Ausrüstung autodidaktisch zur Perfektion gebracht.

 

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Inzwischen treiben ihn aber auch noch andere Gründe übers Wasser, auf dem er seit seiner Kindheit zu Hause ist: Er hat sich in die Freundin seines holländischen Gasts und Surf-Freunds verliebt und spürt die Leere nach der Abreise der Touristen stärker und hoffnungsloser als je zuvor. Er kann sich nicht mehr in die traditionelle Dorfgemeinschaft einfügen, der er sich bei aller Vertrautheit zunehmend entfremdet fühlt. Und so zieht er aus – und lernt das Fürchten.

 

Ein poetischer Film über allmähliche Entwurzelung und die Sehnsucht nach Weite, nach dem Unerreichbaren. Eine persönliche Meditation über die Pracht des Ozeans, die zugleich schön und schrecklich ist, über seine unbändige, von Menschen nicht zu bezwingende Kraft. In wunderschönen Farben und Perspektiven. Mit einem großartigen Hauptdarsteller, der zwar mehrfacher marokkanischer Meister im Windsurfen ist, aber noch nie vor der Kamera stand: Fettah Lamara.

 

Atlantic.

Niederlande/Marokko 2014

Regie: Jan-Willem van Ewijk

Mit. Fettah Lamara, Driss Hakimi, Thekla Reuten, Jan-Willem van Ewijk

Verleih: Neue Visionen

Laufzeit: 94 min.

Kinostart: 25. Juni 2015, im Kino Friedrichsbau