Seit Jahren fehlen in Freiburg bezahlbare Proberäume. Der Abriss nahezu aller alten Gebäude auf dem Güterbahnhof hat die Lage massiv verschärft. Verzweiflung und Ärger sind groß, Bands retten sich ins Umland. Jetzt soll ein Popbeauftragter helfen.

Eingeengt: Die Band Khandroma probt mit bis zu sieben Mann in dem Raum im Industriegebiet Nord.

 

Dicht an dicht drängen sich Christian Haber und seine drei Bandkollegen in dem kleinen Raum. Auf rund zwölf Quadratmetern proben sie an diesem Mittwochabend mit Bass, Schlagzeug, Piano und Saxofon. Der Proberaum im Industriegebiet Nord ist heute verhältnismäßig leer. Bis zu sieben Mann packt die Band Khandroma an manchen Tagen in das Kämmerchen, das sie 250 Euro im Monat kostet. „Eigentlich ist das Ding viel zu klein“, klagt Haber. Dennoch kann er sich glücklich schätzen. Andere Freiburger Musiker stehen auf der Straße.

 

„Viele Bands suchen. Die Lage ist sehr schwierig“, sagt Grischka Brand, Vorsitzender der Freiburger Musikerinitiative Multicore. Neun Proberäume bietet sein Verein im Künstlerhaus L6 an. Dort üben 30 Bands. „Mehr geht nicht.“ Multicore führt eine Warteliste mit 50 bis 60 „obdachlosen“ Bands. „Jede Woche kommen neue Anfragen“, berichtet Brand. Viele Flächen seien in den vergangenen Jahren weggefallen. Proberäume gingen verloren. Größter Brocken war der Güterbahnhof.

 

Markus Schillberg ist empört über dessen Abriss im vergangenen Jahr. „Das ist eine Riesensauerei. Der Exodus der musikalischen Subkultur“, wettert der Geschäftsführer der Fraktion JPG (Junges Freiburg / Die Partei / Grüne Alternative Freiburg). Freiburg werde so zur stillen Stadt. Der 28-jährige Bassist der Irish Folk Band Restless Feet ist sich sicher: „Es braucht politischen Willen“, um das Problem zu lösen. Doch der sei nicht zu sehen. Man könne sich glücklich schätzen, wenn das Problem bis 2019 gelöst werde.

 

Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach ist optimistischer. Die Lage sei zwar wegen der Wohnraumproblematik und der Flüchtlingsunterbringung unheimlich schwierig. Die Stadt will aber bis Ende 2015 eine Lösung gefunden haben. „Bis dahin wollen wir etwas anbieten können“, sagt von Kirchbach. Wo, weiß er noch nicht. Er sei dankbar für jeden Hinweis.

 

Engagiert: Christian Pertschy macht sich für Bands stark.
Multicore-Chef Brand ist überzeugt, dass es in Freiburg passende leerstehende Räume gibt. Christian Pertschy, Geschäftsführer der Jazz- und Rockschulen Freiburg und Vorsitzender des Vereins Pop-Frequenz, würde sogar „wetten, dass es einige gibt. Das kann gar nicht anders sein.“ Um auf den Notstand hinzuweisen, ließ er Anfang Februar einen Infostand und Container vor dem Rathaus aufstellen. Während der Kulturausschuss tagte, quetschten sich die vier Musiker von The Heron Theme in diesen und spielten.

 

„Das war ziemlich beengend“, sagt Gitarrist Claudio Galvano. Mit der Aktion wollte er ein Zeichen setzen. Er selbst könne als Schüler der Jazz & Rock Schulen zwar in deren Räumlichkeiten proben. Er kenne aber keine Band, die einen festen bezahlbaren Proberaum habe, in dem sie länger bleiben könne. „Für 300 oder 400 Euro im Monat bekommt man etwas. Aber 100 Euro per Person sind für Schüler oder Studenten einfach zu viel.“ Für den 23-Jährigen ist klar: Ohne geeignete Räume blutet die Szene auf lange Sicht aus. „Ohne Proben keine Songs – ohne Songs keine Gigs.“

 

Einen Lösungsansatz hatte der Freiburger Jungunternehmer Richard Gottschalk. Wegen eines Auslandsaufenthaltes war er für die Redaktion nicht zu erreichen, doch Schillinger und Pertschy berichten von seiner Idee: Demnach hatte Gottschalk geplant, im Industriegebiet Haid bei einem Reifenhändler Proberäume einzurichten und stundenweise anzubieten. Schillberg, der sich persönlich mit Gottschalk getroffen hat, spricht von einem „coolen Konzept“. Das aber an zu hohen Mietkosten gescheitert sei.

 

Laut: The Heron Theme haben Anfang Februar vor dem Rathaus ein musikalisches Ausrufezeichen gesetzt.

Eine Mieterin von Gottschalks Räumen hätte Lisa Oster sein können. Die Frontfrau der Band Crayven probte früher im Güterbahnhof. Etwa 100 Euro für rund zehn Quadratmeter. Schlechte Luft, die Sicherung flog regelmäßig raus. Die 30-jährige angehende Lehrerin fährt nun ein bis zwei Mal die Woche mit Sack und Pack nach Waldkirch. Dort zahlt ihre Band in einem Proberaumkomplex 70 Euro im Monat für rund 40 Quadratmeter. „Sehr gut ausgestattet. Besser als alles, was uns in Freiburg angeboten wurde“, schwärmt Oster. Die Fahrt dorthin koste aber viel Zeit und Geld. Freunde von ihr proben indes im Untergeschoss einer Tiefgarage in der Sundgauallee. „Es gibt dort keine Toilette. Stattdessen steht im Proberaum ein Kanister. Wählerisch darf man in Freiburg nicht sein.“

 

Das weiß auch Stadtrat Atai Keller von der Kulturliste Freiburg. Er hat in Absprache mit Pop-Frequenz für den nächsten Doppelhaushalt der Stadt Freiburg einen Antrag gestellt: 25.000 Euro jährlich soll das Rathaus für einen Popbeauftragten zahlen, einen Musikkümmerer also.

 

Dieser soll die Arbeit von Pop-Frequenz auf festere Füße stellen. „Man kann das ja nicht alles ehrenamtlich leisten“, sagt Keller. Der Beauftragte könne beispielsweise intensiv nach einer geeigneten Fläche für Proberäume suchen, sagt Pertschy. Darüber entschieden wird am 22. März. Dass der Antrag eine Mehrheit findet, glauben Pertschy und Keller nicht. Von Kirchbach findet den Vorstoß gut, sieht aber andere Prioritäten im Haushalt. Ein Popbeauftragter sei wünschenswert, aber wohl erst zu einem späteren Zeitpunkt realisierbar.

 

Das Ende der obdachlosen Bands scheint in weiter Ferne. Wie die Lösung aussehen könnte, da sind sich Stadt, Bands und Vermittler jedoch ziemlich einig: Sie wollen einen gut ausgerüsteten Proberaumkomplex. 20 bis 30 Räume. Eine große Lösung also. Oster sieht vor allem die Stadt in der Pflicht. „Will sie kulturelles Leben, muss sie das fördern.“ Allein sei es nicht zu schaffen.

 

Text: Till Neumann / Fotos: Till Neumann, privat, Tilo Fierravanti