Doktoranden statt Hausbesetzer im Archiv Soziale Bewegungen

Es riecht nach altem Papier und es riecht nach Tabak. Der Archivar Volkmar Vogt, 61, raucht gerne. In den Regalen und auf den Tischen türmen sich Ordner, Zeitschriften, Zeitungsausschnitte, Broschüren. Wer etwas wissen will über die Hausbesetzungen in den 80er Jahren, über Studentenproteste und Anti-AKW-Bewegung in den 70er Jahren, und wer Punkrock-Fanzines aus der Gegenwart sucht – der wird im Archiv Soziale Bewegungen auf dem Freiburger Grethergelände fündig.

Fundstück: Bild von der Demo nach der Räumung des Schwarzwaldhofes am 25. März 1981.

 

„Das Archiv entstand 1983 aus der Bewegung und für die Bewegung“, sagt Vogt. „Politische Gruppen wollten sich ihrer Geschichte vergewissern und fanden kein Material darüber, auch wer sich informieren wollte für seine politische Arbeit, der hatte bis dahin keine Anlaufstelle.“ Ein Blick zurück: In Freiburg tobt damals der Häuserkampf, begleitet von Punk-Rhythmen und endlosen Plena über Frauenemanzipation, den Kampf gegen die Nato, Dritte-Welt-Solidarität, Unterstützung für die IRA oder vegetarisches Essen in der Volxküche. Abends in der Szenekneipe Reichsadler geben sich die Flugblattausteiler die Klinke in die Hand: Eine Demo am nächsten Tag, eine Infoveranstaltung oder ein Konzert von Bands wie Biggy Fozz. Manche tragen sogar ihren WG-Zwist mithilfe von Flugblättern aus. Das Private ist politisch. Fanzines wie „Karies“ entstehen und verschwinden.

Ein Dutzend Aktivisten begann damals mit dem Sammeln der Dokumente. Am Anfang reichte ein kleiner Raum in der Spechtpassage. Die Flugblätter, Plakate oder Broschüren wurden verschlagwortet, Themen waren etwa Autonome, Neue Technologien, Arbeitskämpfe und Arbeitslosigkeit, Gesundheit oder Frauenbewegung. Unter der Rubrik Kurioses sind auch allerhand amüsante Verschwörungstheorien erhalten. Ein Schatz für die Archivare war der Nachlass eines Aktivisten, der seit den 60er Jahren fast alles gehortet hatte.

Anderswo in Deutschland gingen vergleichbare Archive in den 90er Jahren ein, als die sozialen Bewegungen den Rückzug antraten und Politik mehr und mehr eine Sache von Herrschenden wurde. In Freiburg setzte man schon früh auf geregelte Öffnungszeiten, eine Professionalisierung durch digitale Verarbeitung, die Öffnung zur Universität. „Wir haben den Anschluss gesucht“, sagt Vogt, dem zwei Ehrenamtliche helfen. Seit 1986 wird das Archiv von der Stadt Freiburg finanziell unterstützt, derzeit mit jährlich 30.000 Euro, über einen Förderkreis kommen weitere 10.000 zusammen.

Das Freiburger Archiv hat inzwischen ein Siegel von der Uni, es meldet seine Titel über die Hochschule an die Zeitschriftendatenbank Berlin. Titel, die sonst verschwunden wären, weil sich keiner mehr an sie erinnert. Heute fragen Fernsehsender an, wenn sie bei ihrer eigenen Recherche nicht mehr weiterkommen.

Die Antwort des Apparats: Räumung des Hauses am Schlossbergring im Juni 1987.

 

In den 90er Jahren geraten die sozialen Bewegungen ins Blickfeld von Forschern. Heute kommen sogar Doktoranden aus den USA angereist, um zu recherchieren. Hausbesetzer werden hier aber schon lange keine mehr gesehen. Das Archiv sammelt nicht nur, es produziert auch: So gibt es auf CD mehrmals jährlich eine Chronologie der Bewegungen. Die University of California in Berkeley hat ein Abonnement. Dann gibt es CDs, die die Geschichte des abgebrannten autonomen Zentrums (AZ) im Glacisweg, die Anfänge der Anti-AKW-Bewegung oder die Freiburger Studentenzeitung von 1951 bis 1972 dokumentieren.

15 Jahre später kamen die Bewegungen langsam zum Stillstand. 1987 wurde das besetzte Haus am Schlossbergring geräumt, es gab Straßenschlachten, es war der Anfang vom Ende der militanten autonomen Szene in Freiburg. Auch die Studierenden entpolitisierten sich zunehmend. Heute verabredet man sich über Facebook und nicht über Flugblätter. Ist das Papier tot? „Nein, Papier verschwindet nicht als Träger von Information, allenfalls verfallen unsere Bestände im Lauf der Zeit“, sagt Vogt und schmunzelt.

Vor ihm liegt das neongelbe Freiburger Fanzine „Literarischer Schrott – Armed Riot“. Auf dem Cover ist ein vermummter Punk mit Knarre und Stachelfrisur zu sehen, auf dem T-Shirt ein durchgestrichenes Hakenkreuz. Der Titel ist mit ausgeschnittenen Buchstaben zusammengesetzt, so wie früher die Bekennerschreiben der Bombenleger. Im Innern gibt es Stories über „Szenescheiss“, „Tits and Beer“ oder Prosa, die „Flammendes Herz“ genannt wird. Literarisch wertvoll geht anders. Es ist kein Fanzine von damals, sondern druckfrisch. Es hätte auch problemlos in die 80er gepasst. Der Kampf geht weiter, das Freiburger Archiv sammelt weiter.


Text: Dominik Bloedner / Fotos: Archiv Soziale Bewegungen