Kultur in der Justizvollzugsanstalt Freiburg

Um einen Staat zu beurteilen, muss man seine Gefängnisse von innen sehen“ (Leo Tolstoi). Mit dem Zitat von Leo Tolstoi begrüßt die Internetseite der Justizvollzugsanstalt Freiburg ihre Besucher. Ingo Heckwolf ist der Aussage des 1910 verstorbenen russischen Schriftstellers und Anarchisten nachgegangen, hat Kulturveranstaltungen im sogenannten „Café-Fünfeck“ besucht und sich mit der Chefetage um Anstaltsleiter Thomas Rösch und seinem Stellvertreter Gerhard Maurer-Hellstern unterhalten.


Verschiedene Kulturen im Freiburger Gefängnis, dafür stehen schon die verschiedenen Herkünfte der Insassen. Aber sind Kriminelle und feinsinnige Kultur nicht ein Widerspruch? Schon ein einziger Besuch der JVA-internen Theater-AG unter der Leitung von Martin Schley lässt als Antwort nur ein klares „Nein“ zu.

Die Kultur der Häftlinge wird bereits im Eingangsbereich des Verwaltungstraktes sichtbar. In dem gegen zehn Uhr morgens sonnenlichtdurchfluteten Gang verzieren eingerahmte, fantasievolle, bunte Gemälde und Bleistiftzeichnungen der Insassen die weißen Wände und sorgen für eine musische Atmosphäre. Eine Irritation nach der Tristesse schwerer verschlossener Türen und Sicherheitskontrollen. „Es ist inzwischen zu einer kleinen Wanderausstellung geworden“, versichert einer der Hauptpförtner auf dem Weg ins Büro von Thomas Rösch.

„Man muss bei dem Begriff Kultur differenzieren zwischen Freizeit- und Bildungsangeboten“, sagt der Anstaltsleiter hernach. Auch die breit gestreuten Schulangebote seien kulturelle Angebote: „Wenn ein Mensch in unserer Gesellschaft bestehen will, dann muss er in erster Linie lesen und schreiben können. Und wenn er der deutschen Sprache nicht mächtig ist, müssen wir ihm diese beibringen.“
Die Bildungsangebote stünden hauptsächlich unter dem kulturellen Ziel der Resozialisierung. Die Hauptaufgabe im Vollzug sei, diese Defizite zu erkennen und den Gefangenen Chancen zu eröffnen. „Bei uns können sich Insassen während ihrer Haftzeit vom Hauptschulabschluss über eine Berufsoberschule mit Abitur bis hin zum Bachelor- und Masterstudiengang qualifizieren“, erklärt Rösch. „Die Freizeitangebote sind in unserem gesamten kulturellen Bereich ‚the Cherry on the Cake‘ und runden die Bildungsangebote ab“, ergänzt Maurer-Hellstern.


Ein solches Sahnehäubchen ist die Theatergruppe, die es schon seit den Sechzigerjahren gibt und die damit eine der ältesten Gruppen im Hause ist. Die AG leitet schon seit 18 Jahren das Freiburger Urgestein Martin Schley: „Das kriminelle Milieu, dem unsere Teilnehmer ja entstammen, steht dem Motiv des ‘sich Zeigens‘, des auf der Bühne Agierens diametral gegenüber.“ Ein Großteil der hier Inhaftierten könne das Engagement der Mitinsassen nicht verstehen. „Theater haben wir hier genug!“, sei die lapidare Reaktion vieler Häftlinge, wenn Schley sie für die AG aktivieren will.

„Wir können ja niemanden zwingen, etwas im Bereich der kulturellen Bildung zu machen. Die Angebote im Freizeitbereich sind alle niederschwelliger Art, und das ist auch ganz wichtig“, sagt Maurer-Hellstern. Dazu gehöre insbesondere auch der Sport. Manche Insassen könnten mit Kultur gar nichts anfangen und das ändere sich auch während der langen Zeit ihrer Inhaftierung nicht: „Diese finden dann den Einstieg vielleicht über den Sport. Das muss man natürlich respektieren, aber das müssen wir als große Anstalt auch breit gefächert anbieten. Bei uns gibt es viele Chancen, keine Einbahnstraßen.“

Der Theaterraum erinnert an einen der üblichen Lehrräume einer Volkshochschule. Einer der Teilnehmer trägt in einem Weidenflechtkorb Geschirr, selbst gebackenen Kokosflockenkuchen und je eine Thermoskanne Kaffee und Tee. Peu à peu findet sich die achtköpfige Gruppe ein: die vier Insassen unterschiedlicher Herkunft und die drei Frauen, die Schley ehrenamtlich unterstützen. „Es braucht eine halbe Stunde Aufwärmphase“, sagt der Schauspielleiter, „das Bedürfnis der Teilnehmer, gemeinsam Kaffee zu trinken, Kuchen zu essen, zu lachen und Privates mit uns auszutauschen ist spürbar groß. Doch es ist keine Form einer Disziplinlosigkeit, das wäre das falsche Bild.“

Vor den ersten Proben fürs aktuelle Stück „Ein Haus voller Gauner“ von John Graham werden – mit viel Humor – Rollenverteilungen anhand von persönlichen Merkmalen unter den Schauspielern besprochen und auffällige Charakterzüge aufgrund von jahreszeitlich bedingten Geburtsmonaten philosophisch am Tisch diskutiert. Dann verteilt Schley Skripte zur Textprobe. Die Gruppe überlegt, das Stück in einer moderneren Version zu spielen, vielleicht sogar auf die heutige Zeit zu übertragen, was bei den Teilnehmern sofort zu ersten Ideen führt. Claudia Pflaum ist als Theaterpädagogin neu dazugestoßen. In ihrem Gepäck ist neben einer originalen Linzertorte auch das Buch »Ritual Knast« von Hubertus Becker, das unter den Insassen durchaus bekannt ist – man liest viel in der Theatergruppe. Pflaum initiiert Lockerungsübungen, dann werden Ausdrücke verschiedener emotionaler Zustände ausprobiert. Je näher es am Ende auf eine bevorstehende Aufführung zugeht, umso mehr wollen aber auch die Schauspieler in Haft die Zeit effektiv und diszipliniert zum Proben des Stückes nutzen. „Wir haben ja nur einmal in der Woche anderthalb Stunden, in denen wir zusammenkommen können. Was ich generell für zu wenig Zeit halte“, sagt Schley.

Dass sich in der Theatergruppe die Möglichkeit bietet, für eine bestimmte Zeit einen Rollentausch zu vollführen, wird besonders deutlich, wenn der anstaltsinterne Gong durch die weiten Gänge hallt und die für die „Raumordnung“ verantwortlichen Mitinsassen die Bühne betreten. Da verändern sich die eben noch so spielerisch konzentrierten und trotzdem gelassenen Gesichtszüge, und der relativ harte und schützende Ausdruck stellt sich wie eingeprobt auf den Gesichtern der Schauspieler ein. Aber bei der förmlichen Verabschiedung zeigt sich dann trotzdem noch einmal ein Lächeln auf ihren Gesichtern. Auch das ein Stück Kultur im Freiburger Gefängnis.

Text & Fotos: Ingo Heckwolf