Grauer Geschosswohnungsbau, im Vorgarten spielende Kinder, ältere Herren, die vor einer kleinen Eckkneipe mit einem Weizenbier anstoßen. „Von außen wirkt es, als wäre hier nicht viel los“, beschreibt Juli Richter vom Künstlerkollektiv Kommode 1 das Freiburger Klinikviertel, „doch an den drei winzigen Straßen rund um die Lutherkirche am Friedrich-Ebert-Platz findet sich ein erstaunlich großes kulturelles Angebot.“ Während etwa die Wiehre im Volk bekannt für ihre Galerien und Werkstätten sei, verbinde kaum jemand das Klinikviertel mit Kunst und Kultur. Zeit, das zu ändern, finden die Mitglieder des „Kulturexils Klinikviertel“ und laden die Freiburger daher bereits zum zweiten Mal zum Sommerrundgang ein. Die Gruppe setzt sich aus den kulturschaffenden Nachbarn zusammen, die am 15. Juni ab 16 Uhr ihre Galerie, ihr Theater, ihren Kunstraum oder ihr Tattoostudio präsentieren. chilli-Volontärin Tanja Bruckert war schon vorher da.

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1. STUDIO BLUTKUNST
Los geht es in einer für einen Kulturrundgang nicht ganz alltäglichen Location: Das Studio Blutkunst bringt mit seinen Tattoos individuelle Zeichnungen auf die bloße Haut. „Auch das ist Kunst“, weiß Ladeninhaberin Alina Häcker, „wir arbeiten nämlich nicht mit fertigen Vorlagen, sondern gestalten jedes Tattoo ganz individuell.“ Und dazu brauche es nicht nur das Handwerkskönnen, sondern auch zeichnerisches Talent und eine ordentliche Portion Kreativität. Am Tag des Rundgangs wird allerdings nicht gestochen, stattdessen informieren Häcker und ihre Kollegen über ihre Kunst und wenden sich gerade an diejenigen, die noch nie etwas damit zu tun hatten.

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2. KOMMODE 1
Das offene Künstlerkollektiv „Kommode 1“ zählt erst seit drei Jahren zum Klinikviertel. Ursprünglich bestand es aus zwölf Künstlern, die sich in den Räumen der Ganter Brauerei zusammengetan haben. Mittlerweile ist das Kollektiv mit seinen Konzerten in ganz Freiburg unterwegs und präsentiert Musiker wie John Watts, Samuel Walker oder das Freiburger Duo „Crooked Thou“, das um 21.30 Uhr im Theater Nuage Fou spielen wird. In den Räumlichkeiten der Kommode stellt sich beim Rundgang der RichterHaagVerlag mit seinen beiden Kunstkarten-Kollektionen vor.

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3. KUNSTRAUM FOTH
In den ehemaligen Räumen einer Apotheke ist heute der Kunstraum Foth, der sich auf Installationen, Aktionskunst und Performancevorführungen spezialisiert hat. Momentan zeigt der Inhaber Markus Foth eine Ausstellung des Malers Georg Warzecha, der hier auch eine Installation aufgebaut hat: „Ich wünsche mir von jedem Künstler eine Installation oder zumindest ein übergreifendes Thema.“ Warzechas Thema ist das Nichts, und so hängen seine Bilder nicht nur vor schwarzem Hintergrund, der Künstler – der seine Werke auch Jahre später noch weiterentwickelt – hat diese auch nachträglich noch mit einem schwarzen Loch versehen.

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4. THEATER NUAGE FOU
Lucie Betz hat vor zwei Jahren im Alten Kino die Companie Nuage Fou gegründet, die den Austausch zwischen internationalen Künstlern unterstützen soll. Die Companie wendet sich in erster Linie dem Butoh-Tanz zu, einem modernen Ausdruckstanz, der in den frühen 60er-Jahren in Japan entstanden ist. „Das Schöne am Butoh-Tanz ist, dass er sehr direkt etwas mit dem Leben zu tun hat“, schwärmt Betz, die selbst Tänzerin ist (siehe Bild). So soll der „Tanz der Finsternis“ den Zusammenhang zwischen Körper und Natur, Leben und Tod sowie Realität und Vorstellungswelt begreifbar machen. Wer sich das genauer anschauen möchte, kann beim Rundgang eine Ausstellung besuchen und sich auf der alten Kinoleinwand einen Film mit den Butoh-Gründern anschauen, bevor es um 20.30 Uhr eine Filmperformance mit den Künstlern Dzordz Vasington und Emmanuel Lefrant gibt.

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5. GALERIE IN DER KINDERKLINIK
Bereits im Jahr 1995 hat Theo Hofsäss die Galerie in der Kinderklinik gegründet, mittlerweile stellen dort jährlich drei bis sechs regionale Künstler ihre Werke aus. Die Kunst im Krankenhaus soll in erster Linie die Genesung der Patienten unterstützen, es aber auch Besuchern erlauben, sich den Werken ohne den üblichen Exklusiv-Charakter von Kunst zu nähern. Momentan ist eine Ausstellung von Rita Maria Linke zu sehen, die Arbeiten aus Bienenwachs, Holz, Kiefernnadeln und Papier fertigt. Sie verarbeitet das Material so, dass Wärme und Lichtqualität, Geruch und Ästhetik erhalten bleiben. So entstand etwa auch ein anderthalb Meter langes Boot, gefertigt aus unzähligen Kiefernnadeln.

Barcelona

 

6. BARCELONA
In einem eingeschossigen Bungalow zwischen der Hugstetter- und Heiliggeiststraße mit seinen großflächigen Glasfronten bietet der Ausstellungsraum barcelona wechselnden Künstlern die Möglichkeit, zu arbeiten. Das Projekt ist auf ein Jahr konzipiert – zur Halbzeit werden jetzt in einer Re-PREVIEW die letzten beiden Ausstellungen von Hanakam & Schuller sowie Leni Hoffmann nochmals präsentiert und auch der dritte Künstler, Julien Viala, vorgestellt. Von wegen grauer Geschosswohnungsbau: Das Klinikviertel ist auch ein noch unbekanntes Künstlerquartier.

www.kulturexil-klinikviertel.de

Text: Tanja Bruckert
Fotos: Urs Roethlisberger, kommode1, Gregor Warzecha, Rita Maria Linke, Hanakam&Schuller