Frei nach einem TV-Klassiker am alljährlichen Silvesterabend: The same procedure as every week. Rudi Raschke, Leiter Kommunikation des Fußball-Erstligisten SC Freiburg, begrüßt im Presseraum wie immer freundlich die Medienvertreter, erzählt, wie viele Eintrittskarten für das nächste Spiel noch zu haben sind, lässt zwei Worte über den Gegner fallen – und leiert dann die lange Liste der Verletzungen herunter. Dieses Mal dabei: Nasenbeinbruch, Bänderriss, Patellasehnenreizung, Achillessehnenprobleme, Grippe …

BUZ: Ungerecht? Ja, klar. Peter Gagelmann schickt Marc Torrejon vom Platz, zog aber beim Hoffenheimer Jin-Su Kim für ein vergleichbares Foul nicht mal Gelb. SC-Coach Christian Streich (unten) hat in der Runde mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen – und Admir Mehmedi (rechts) auch

 

Neben ihm sitzt Trainer Christian Streich, verdreht genervt-frustriert die Augen und blickt an die Decke. Irgendwann später wird Streich auf dieser Pressekonferenz vor dem Pokalspiel gegen den 1. FC Köln sagen: „Ich habe bald keine Lust mehr, es bringt ja nichts, sich damit weiter auseinanderzusetzen.“

 

Zumal man selbst keinerlei Schuld an den Verletzungen habe, im Training seien sie jedenfalls nicht passiert. Selbst die neuen Spieler Nils Petersen und Mats Möller Daehli, die in der Winterpause gekommen sind und schon gezeigt haben, dass sie helfen könnten, sind wegen Verletzungen noch keine richtige Hilfe gewesen. „Unterirdisch“ – so hat der Trainer die Personalsituation im Februar genannt. Richtig arbeiten mit der Mannschaft, also trainieren mit allen Profis, konnte er schon lange nicht mehr.

 

Doch jetzt, da es auf die Zielgerade im Abstiegskampf geht, weiß auch Streich: Jammern hilft nicht. Weder über die Verletztenmisere, noch über mitunter fragwürdige Schiedsrichterleistungen (wie etwa im Heimspiel gegen Hoffenheim) und erst recht nicht über die insgesamt fünf (!) in den Schlussminuten vergeigten Siege – die dem SC eigentlich zehn Punkte mehr beschert hätten. „Extrem bitter, ärgerlich“, sagt der Trainer, doch den Groll hat er inzwischen abgehakt.

 

24 Tore in 23 Ligaspielen hat der Sportclub erzielt, das ist nicht ganz schlecht. Doch um am Ende sicher nicht abzusteigen, dazu braucht man eine bessere Quote. „Die Offensivleistung müssen wir verbessern, da haben Sie recht“, entgegnet Streich einem Reporter auf der Pressekonferenz. Wer aber soll denn die Tore schießen, Herr Streich? Admir Mehmedi, die Lebensversicherung der vergangenen Saison, kam bekanntermaßen verletzt von der Weltmeisterschaft zurück und hat bislang nur ein einziges Ligator erzielt. „Wir alle sind da in der Verantwortung. Jeder einzelne Spieler muss torgefährlicher werden“, fordert Streich.

 

Nach dem mut- und kraftlosen Auftritt in Leverkusen (0:1) kann der couragierte Kick im DFB-Pokal wegweisend sein. Sportlich reizvoll und finanziell wichtig („Man kann was verdienen, ein paar Hunderttausend Euro sind für uns viel Geld“), findet Streich den Wettbewerb. Nun steht der Sportclub in Wolfsburg im Viertelfinale. Und auch Sorgenkind Mehmedi hat gegen Köln gezeigt, dass er wieder angreifen will.

 

Ob es erstmals zum DFB-Pokalfinale am 30. Mai in Berlin reicht, ob eine Woche zuvor der Klassenerhalt gefeiert wurde – man weiß es nicht. Anderweitig sind die Weichen für die Zukunft gestellt: Ein neues Stadion kann gebaut werden, im Vorfeld des Bürgerentscheids am 1. Februar hatte SC-Präsident Fritz Keller das Votum zu einer Schicksalsfrage hochgejazzt. In einem großen Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wiederholte Keller unlängst wieder gebetsmühlenartig das SC-Mantra. Man denke in Generationen, wirtschafte nachhaltig, könne auf einen Scheich gut verzichten und selbst ein Abstieg in die zweite Liga wäre „keine Katastrophe, kein worst case, sondern nur ein bad case, wir könnten uns auch dann – selbst über mehrere Jahre – ein Spitzenteam in der zweiten Liga leisten.“

 

Und natürlich lobte der Präsident die Fußballschule, die eine der ersten ihrer Art in Deutschland war – und für das Geschäftsmodell steht: junge Fußballer ausbilden und gewinnbringend verkaufen, um den Betrieb zu finanzieren. Indes, erfolgreiche Jugendarbeit ist schon lange kein Alleinstellungsmerkmal mehr für den SC. Andere Vereine haben nachgezogen und die Freiburger überholt: In der A-Jugend-Bundesliga etwa gibt Hoffenheim den Takt vor. Wie lange also kann das Modell Freiburg noch funktionieren? Christian Streich, der zuvor die A-Jugend trainiert hatte: „Es ist schwierig, es wird immer extremer, immer jüngere Spieler wechseln schon zu finanzkräftigen Vereinen. Wir müssen so arbeiten, dass wir immer wieder Spieler über die zweite Mannschaft heranziehen.“ Und weiter: „Ich bin optimistisch, dass das wieder klappt.“

 

Schwere Wochen stehen bevor, der Trainer appelliert ans Kollektiv und sagt: „Ich hoffe, dass wir so viel Qualität generieren können in den kommenden Spielen, dass wir Hunger und Leidenschaft zeigen, dass wir es deswegen letztendlich schaffen.“ Hoffen ist besser als Jammern, zumal die Hoffnung nicht unbegründet ist. Die Formkurve zeigt nach oben, und auch das Lazarett beginnt sich zu lichten.

 

Text: Dominik Bloedner / Fotos: ns