Sascha Riether ist wahrscheinlich der unauffälligste Star, der je in einem Bundesligateam gespielt hat. Der Defensiv-Allrounder ist ein Fußballer, der auf den ersten Blick kaum ins Rampenlicht drängt: Der ehemalige Freiburger Fußballschüler ist ein völlig skandalfreier Profi, dessen Leistung auf dem Platz viel öfter mit dem Prädikat „solide“ als mit „spektakulär“ beschrieben ist. Schaut man allerdings auf die Vita des 31-Jährigen, mutet diese unaufgeregte Beschreibung fast schon paradox an: Der Mann ist zweifacher Nationalspieler, Deutscher Meister und hat beim FC Fulham in der Premier-League gespielt, wo er nach seinem ersten Jahr gleich zum „Spieler der Saison“ gewählt wurde. Daher verwundert es nicht, dass Riether in diesem Sommer die Neuverpflichtung beim SC Freiburg war, die am meisten für Aufsehen gesorgt hat.

Der Höhepunkt: Der gebührtige Lahrer stemmt 2009 die Meisterschale.

 

2012 war Riether schon einmal für wenige Wochen zurück an der Dreisam. Der FC Köln musste nach dem Abstieg aus Liga Eins den Kader ausdünnen, der gebürtige Lahrer war für die zweite Liga zu teuer. Also heuerte er kurzerhand bei seinem ehemaligen Jugendtrainer Christian Streich an und hielt sich auf dem Trainingsgelände an der Schwarzwaldstraße fit. Auch wenn es viele gerne gesehen hätten, die Chancen, Riether zu verpflichten, schätzte Streich damals mehr als gering ein.

„Wir wissen, wer wir sind und in welchem Bereich wir uns bewegen“, kommentierte der Freiburger Trainer die Situation. Riether wurde zu der Zeit bereits mit dem VfB Stuttgart, einem spanischen Club und eben dem FC Fulham in Kontakt gebracht. „In diesen Dimensionen bewegen wir uns nicht“, so Streich. Allerdings freue er sich, „dass so ein bekannter Spieler bei uns mittrainiert.“ Angesichts dieser Episode klingt die Verpflichtung der alten und neuen Nummer 22 in diesem Sommer nach einem echten Coup. Und sie unterstreicht den Status, den Riether sich in den vergangenen Jahren erarbeitet hat. Aber von vorne.

Was war eigentlich geschehen, dass Sascha Riether für den Sportclub zum Unerreichbaren geworden war? Nach dem Abschied von Urgestein Volker Finke im Sommer 2007 verließ auch der Außenverteidiger und defensive Mittelfeldspieler den Verein in Richtung Wolfsburg. Die Chancen des damaligen Zweitligaspielers, in der Millionärstruppe Stammspieler zu werden, durften in etwa so hoch eingeschätzt werden, wie die Wahrscheinlichkeit, dass der Club mit seinem Graue-Maus-Image Deutscher Meister wird. „Wolfsburg war für mich der nächste Schritt. Ich wusste, dass dort einiges möglich ist, auch weil sie Felix Magath als erfolgreichen Trainer von Bayern München geholt haben“, erklärt Riether heute, „es war klar, dass die einiges erreichen wollen, dass es ein Verein ist, der Riesenmöglichkeiten hat …

Daran gedacht, Deutscher Meister zu werden und Champions-League zu spielen, habe ich allerdings nicht.“ Dennoch trat 2009 genau das ein. Wolfsburg stand am 34. Spieltag ganz oben, Spieler wie Edin Dzeko, Grafite und eben Sascha Riether reckten am Ende die Meisterschale in die Höhe. Der bis heute größte Erfolg des 1,74 Meter großen Kickers, der in jener Saison 28 Spiele absolvierte, davon 26 in der Startelf. „Wenn das mit einer Mannschaft passiert, wo man nicht damit rechnet, ist das natürlich umso schöner“, lässt Riether mit glänzenden Augen dieses Highlight noch einmal Revue passieren, „wir waren ja nach der Hinrunde noch Zwölfter.“

Der steile Aufstieg des ruhigen und besonnenen Profis setzte sich unter der harten Hand von Magath weiter fort: 2010 wurde Riether zum Nationalspieler, absolvierte zwei A-Länderspiele, davon ein Einsatz in der EM-Qualifikation gegen Aserbeidschan über 90 Minuten. „Wahrscheinlich war das der beste Sascha Riether, den es je gab“, sagt er heute im Rückblick. Dem „Quälix“ ist er trotz der „eigenen Trainingsmethoden“, wie er es beschreibt, nach wie vor dankbar: „Ich habe unter ihm einiges gelernt.“

Wahrscheinlich war es eine glückliche Fügung, die den harten Hund Magath und den Musterprofi Riether zusammenbrachte. „Man muss schon ein bestimmter Spielertyp sein, um das mitzumachen. Wer als Spieler labil ist oder sich Dinge zu sehr zu Herzen nimmt, hat es bei ihm schwer“, erinnert sich der stets als laufstark geltende Fußballer an die harten Trainings in Wolfsburg und später in Fulham. „Man muss manchmal gewisse Sachen schlucken und den Arsch zusammenkneifen. Es wird immer maximal trainiert, wer nicht mit dem Schnellsten mitrennen kann, muss es noch einmal probieren.“

Seine Mitspieler in England hätten ihm gar nicht geglaubt, als er vor dem ersten Training unter Magath aus seiner Wolfsburger Zeit referierte. Dennoch: Dem ungewöhnlichen Profi Riether taugten die ungewöhnlichen Bedingungen, er wurde besser und stärker. Da musste schon sein Entdecker Volker Finke kommen, der inzwischen Sportdirektor in Köln war, um den Lahrer aus der persönlichen Komfortzone Wolfsburg zu locken: „Alle sagen immer, dort sei nur Industrie. Aber zum Leben ist es da auch schön. Köln ist eine total verrückte Stadt, die ist mir richtig ans Herz gewachsen“, beschreibt er, dass auch ein Sascha Riether durchaus mal Großstadtflair zu schätzen weiß.

Wobei es vielmehr die Menschen waren, die ihn in der Rheinmetropole beeindruckt haben: „Die Leute da sind einfach lockerer, plappern gerade heraus, was sie so denken. Und es sind total verrückte Fans.“ Gemeinsam mit Kölnern sang er so in Discos am Rhein das FC-Lied – „aus vollem Herzen“. Über die sportliche Zeit in Köln spricht Riether hingegen eher wenig. Eine Saison verbrachte er unterm Dom, fehlte nur ein Spiel wegen einer Gelbsperre, trug sieben Mal die Kapitänsbinde des Geißbock-Clubs – und stieg am Ende ab. Ein eigentlich unglücklicher Umstand, der ihm aber den Weg nach England öffnete: Kurz nach dem Streich-Zitat schlug der FC Fulham zu und zahlte die festgeschriebene Ablösesumme von 1,8 Millionen Euro für den Deutschen.

„Der englische Fußball und seine Fans sind unvergleichlich“, schwelgt Riether heute in Erinnerung an seine Zeit in London, „man merkt einfach, dass es das Mutterland des Fußballs ist.“ Die zwei Jahre auf der Insel haben den inzwischen 31-Jährigen vollends zu dem fertigen Profi und Führungsspieler reifen lassen, der er heute ist. In London vertiefte er seine Kontakte zu Podolski, den er noch aus Köln kannte, traf Mesut Özil in der Stadt und war auch mit den beiden und Mario Götze, den er über seinen Berater kennt, in Kontakt, als die im Sommer den WM-Titel holten.

Gleich im ersten Jahr in Fulham wurde er vom Verein zum „Spieler des Jahres“ gewählt. Die Fans widmeten ihm – wie bei den Briten üblich – einen eigenen Song: „Sascha Riether, Baby – Sascha Riether, o-oh!“ zur Melodie vom Human-League-Hit „Don’t you want me baby“ aus dem Jahr 1981. Es passt zu Riether, dass es nicht ein moderner, schriller Elektrosong ist. Der Song ist wie Riethers Art zu kicken: fast schon klassisch.

Jetzt wohnt er wieder in seiner eigenen Wohnung in Littenweiler, in den vier Wänden, die er einst verließ, um eine steile Karriere hinzulegen. Es ist, das betont er, „eine Rückkehr in die Heimat“. Und das ist für den unauffälligen Ausnahmespieler nicht nur eine Floskel. „Wenn ich nur aufs Geld schauen würde, wäre ich in England geblieben“, beteuert er. Riether mag nicht immer spektakulär sein, man erinnert sich weder wegen seiner Traumtore noch wegen irgendwelcher Eskapaden abseits des Platzes an ihn. Ungewöhnlich ist er aber allemal. Deswegen ist er ein echter Star.

Text: Felix Holm / Foto: Martina Phillipp