Beim SC Freiburg hat die Vorbereitung auf die kommende Runde begonnen. Im Gegensatz zur turbulenten Saison 13/14 scheint das Fahrwasser an der Schwarzwaldstraße jetzt aber um einiges ruhiger zu sein: Den wenigen Abgängen hat man in Person von Sascha Riether, Sebastian Mielitz, Mike Frantz und Roman Bürki bislang Neuzugänge mit Qualität und Erfahrung entgegengesetzt. Weitere Spieler von etablierten Vereinen könnten in diesen Wochen hinzukommen. Zudem ist der SC nicht für den internationalen Wettbewerb qualifiziert, es gibt also keine Dreifachbelastung. Vor seiner vierten Saison als Cheftrainer ist Christian Streich trotzdem nicht wesentlich entspannter. Wie im Gespräch mit chilli-Redakteur Felix Holm schnell klar wurde.

Christian Streich ist vor seiner vierten Saison als Cheftrainer nicht wesentlich entspannter.

 

chilli: Hallo Herr Streich, haben Sie sich im Urlaub gut erholt?
Streich: Jaja.

chilli: Wie oft hat sich denn das Management bei Ihnen gemeldet und Sie über Neuigkeiten vom Transfermarkt informiert?
Streich: Wir sind ständig im Kontakt. Täglich.

chilli: Einiges hat sich ja auch schon getan. Riether, Mielitz, Bürki und Frantz sind schon fix hinzugekommen. Kempf, Besler und Mirotic sind weitere Namen, die im Raum stehen. Alles Spieler, die von etablierten Vereinen kommen …
Streich: (unterbricht energisch) … das ist aber nicht der Faktor. Ein Spieler, der beispielsweise von Braunschweig kommt und dort Stammspieler war, kommt mit besseren Voraussetzungen als einer, der bei einem etablierten Verein auf der Bank gesessen ist.

chilli: Dennoch hat sich in Sachen Transfers beim SC in den vergangenen Jahren etwas verändert. Früher kamen Talente aus Georgien oder Mali an die Schwarzwaldstraße, heute fertige Spieler aus europäischen Ligen.
Streich: Die Bedingungen haben sich geändert. Der Verein hat sich auch ein Stück weit verändert. Wenn heute in Georgien ein junger, talentierter Spieler auftaucht, so wie damals Kobi oder Iaschi, dann sind die mit 16 oder 17 Jahren schon bei einem größeren Club unter Vertrag. Es gibt Vereine, die nehmen 60, 70 junge Spieler unter Vertrag, nur um die dann wieder zu verleihen. Viele Vereine haben sogenannte – ein furchtbares Wort – „Farmteams“ in Südamerika, in Afrika und, und, und. Das bedeutet, diese Nische, die es damals gab, gibt es praktisch nicht mehr.

chilli: Und inwiefern hat sich der Verein verändert?
Streich: Der Verein verändert sich immer. Jeder Verein verändert sich immer. Wir sind jetzt seit Jahren in der ersten Bundesliga, waren in den vergangenen Jahren fast immer dort. Das eröffnet dann auch gewisse Möglichkeiten. Aber auch andere Vereine entwickeln sich und verbessern ihre finanziellen Bedingungen auf ganz andere Arten.

Neuzugang Mike Frantz vom 1. FC Nürnberg

 

chilli: Was meinen Sie?
Streich: Siehe Red Bull Leipzig, siehe Hoffenheim, siehe Wolfsburg, siehe Leverkusen. Wir haben uns das wirklich über unsere Qualität über viele Jahre hinweg erarbeitet. Aber trotzdem geht die Schere weiter auseinander. Wir können unter den ersten 25 Vereinen in Deutschland mithalten. Zu denen gehört inzwischen aber auch Leipzig. Wenn Red Bull Leipzig einen Spieler will und wir wollen einen Spieler, kriegt den Red Bull Leipzig. Wenn der Spieler nach dem Geld geht.

chilli: Aber Sie würden schon sagen, dass der SC anders auf dem Markt auftreten kann als noch vor 15 Jahren – auch finanziell anders.
Streich: Wir haben so gearbeitet, dass wir uns gewisse Möglichkeiten erarbeitet haben. Aber vor 15 Jahren konnte man, wenn man es gut gemacht hat, eben auch noch in Georgien einen Spieler entdecken.

chilli: Wie bewerten Sie den Kader in diesem Jahr?
Streich: Es ist zumindest so, dass wir nicht so viele Abgänge haben wie im letzten Jahr und das, obwohl wir die Qualifikation im Europapokal vor der Brust hatten. Das ist positiv für die Mannschaft, die eingespielter ist. Es muss nicht so viel inte-
griert werden, die Jungen sind ein Jahr weiter. Spieler wie Kerk und Günter konnten viel kicken und sind stabiler. Wir haben mit Mike Frantz und Sascha Riether eindeutig eine gewisse Erfahrung dazubekommen. Und dann sind noch ein paar junge Spieler dazugekommen, bei denen man sicher noch ein wenig Geduld haben muss.

chilli: Wer hat im Torwartduell momentan die Nase vorn?
Streich: Es gibt im Moment kein Torwartduell, weil Roman Bürki nach seiner WM-Teilnahme noch im Urlaub ist.

Zurück vom FC Fulham: Sascha Riether

 

chilli: Welche Bedeutung hat die Rückkehr von einem etablierten Spieler wie Sascha Riether für Ihr Team und den Verein?
Streich: Wir freuen uns. Das zeigt, dass wir auch für solche Spieler attraktiv sind.

chilli: Folgt auf die schwierige Spielzeit 13/14 eine leichtere?
Streich: Das weiß ich nicht. Die letzte Saison war eine Extremsituation, in allem. Aber wir konnten damit umgehen und haben es trotzdem geschafft, Spieler zu entwickeln. Wir müssen jetzt schauen, ob wir gesund bleiben. Wir müssen schauen, was mit den Jungs passiert, die bei der WM waren. Die haben ja ein Jahr durchgespielt. Und irgendwann muss der Körper ja auch mal zur Ruhe kommen.

chilli: Etwa der von Matthias Ginter. Welche Rolle spielt er in Ihrer Saisonplanung?
Streich: (Denkpause) Er ist nach wie vor bei uns. Er spielt die Rolle, die alle anderen auch spielen, solange sie beim SC sind.

chilli: Haben Sie von Ginter mal ein Selfie oder ähnliche Grüße aus dem Campo Bahia in Brasilien geschickt bekommen?
Streich: Ein was? Ein „Safie“? Da weiß ich gar nicht, was das ist. Solche Dinge haben für mich keine Relevanz.

Roman Bürki kommt vom GC Zürich nach Freiburg.

 

chilli: Haben Sie bei der WM denn Dinge beobachten können, die auch für Freiburg von taktischer oder systematischer Bedeutung sein könnten?
Streich: Wie Mexiko oder Chile an ihre Spiele herangegangen sind, nicht so abwartend, das entspricht mit Sicherheit auch der Art und Denkweise, wie wir an unsere Spiele rangehen wollen.

chilli: Geht der Trend weg vom dominanten Ballbesitz hin zum schnellen Umschaltspiel?
Streich: Perfektes Gegenpressing und Ballbesitz schließen sich für mich nicht aus.

chilli: Was ist mit Standardsituationen?
Streich: Das ist in den letzten zwei Jahren ja schon viel mehr in den Fokus gerückt, das sieht man auch in der Bundesliga, wo es immer mehr Varianten gibt. Grob 40 Prozent der Tore werden ja heute über Standards erzielt.

chilli: Wie haben Sie die Kritik an Löw in den Wochen während der WM erlebt?
Streich: Die Bedeutung des Fußballs ist so groß geworden, dass halt aus allen möglichen gesellschaftlichen Richtungen Kommentare kommen. Von allen möglichen Leuten aus den unterschiedlichsten Positionen. Da gibt es einfach wahnsinnig viele sogenannte Experten. Aber das ist Teil des Geschäfts.

Sebastian Mielitz wechselte im Mai von Werder Bremen zum SC.

 

chilli: Welches Ziel haben Sie außer dem Klassenerhalt?
Streich: Wir wollen so gut wie möglich Fußball spielen. Die Leute sollen Freude haben und merken, dass die Mannschaft rennt und kämpft und spielt. Ob wir mal ein Spiel verlieren oder zwei, muss dabei egal sein. Die Zuschauer sollen trotzdem total gerne hinter uns stehen, zu uns kommen. Und beim Auswärtsspiel sollen hier in Freiburg die Kneipen voll sein, weil man den SC sehen will, weil es da was zu sehen gibt.

chilli: Herr Streich, vielen Dank für das Gespräch.

Fotos: Felix Holm, SC Freiburg