Die Leidenschaft für Bücher ist Sebastian Reiß sofort anzumerken. Während er bei anderen Themen etwas reserviert wirkt – die Beine übereinandergeschlagen, die Arme verschränkt –, lebt er beim Thema Literatur auf. Vor allem, wenn es um den Klang, um die Musikalität und Rhythmik der Sätze geht. Kein Wunder, genau das ist sein Metier. Als Hörbuchproduzent und -regisseur im von ihm selbst gegründeten Hörbüro Freiburg setzt er das gedruckte Wort in Lesungen und Hörspiele um. Die nächste Lesung ist am Nikolaustag. Das ist Routine. Aber Reiß steht auch vor dem größten Projekt in seiner Laufbahn: Im Herbst wird der Freiburger den nächsten historischen Roman von Sabine Ebert vertonen.

Rund 27 Stunden Hörzeit – das sind gut 20 CDs und drei Monate Arbeit. Reiß wird bei jeder Aufnahme dabei sein, mit der Sprecherin Doris Wolters – sie gewann im März den deutschen Hörbuchpreis – die richtige Intonation finden, dem Tontechniker sagen, wo geschnitten werden muss und auf Tempo, Pausen und Absätze achten.


Der 37-Jährige arbeitet auch selbst als Sprecher und stellt in seinem Live-Literaturmagazin „Reiß liest … –… Wood spielt“ Neuerscheinungen vor. Etwa dreißig bis vierzig Bücher liest er dafür im Jahr – ausgewählt wird, was ihm selbst gefällt: „Die Sprache muss Lust machen, das Thema steht gar nicht im Vordergrund, da interessiert jeden etwas anderes. Ich stelle zudem nicht nur hochgeistige Bücher, sondern auch leichtes vor, sofern es niveauvoll ist.“

Ein Hera Lind-Roman etwa würde ihm nicht in die Finger kommen, da wisse man „schon von Anfang an, wie das Buch ausgeht“. Ähnlich sei es bei der Vertonung eines Buches: Nicht jedes ist geeignet. Besonders schwierig seien Sachbücher mit erklärenden Bildern und vielen Beitexten, aber auch Romane, die „einfach nicht klingen“. Abgelehnt hat der gelernte Buchhändler bisher aber nur eine Produktion, weil er einen 700-Seiten-Krimi fürs Hörbuch um 70 Prozent kürzen sollte.

Aufträge abzulehnen kann sich Reiß ansonsten nicht erlauben, denn ein Hörbüro ist in der südbadischen Provinz kein Selbstläufer: „Freiburg ist nun einmal keine Medienstadt. Um erfolgreich zu sein, muss man eine Nische finden.“ Dass der Umsatz des Hörbuchmarktes schon seit Jahren sinkt, macht die Lage nicht einfacher. Machte er vor zwei Jahren noch 4,1 Prozent des gesamten Büchermarkts aus, waren es 2011 nur noch 3,8 Prozent oder rund 365 Millionen Euro. „Das Medium ist nicht so massentauglich angekommen wie das Buch“, weiß Reiß.

Greift jemand, der sein Geld mit Literatur verdient, auch privat zum Buch? „Ja, ich lese sehr viel, aber nach all der hochgeistigen Literatur auch gerne mal einen Jugendroman. Von mir aus hätte Harry Potter zwölf Bände haben können“, schmunzelt Reiß. In seiner Freizeit wandert der Single außerdem gerne im Schwarzwald, fährt Fahrrad und besucht politische Kabarettshows. Auch wenn Politik eigentlich nicht sein Ding ist. „Ich bin politikverdrossen“, sagt der gebürtige Hagener, „die Parteien unterscheiden sich doch kaum noch voneinander. Ich vermisse richtige Typen mit einem klaren Standpunkt, an dem man sich reiben kann. Das ist wie in der Literatur – wenn eine Rezension keine klare Meinung transportiert, dann taugt sie auch nichts.“ Da ist sie wieder, die Leidenschaft für die Literatur.

Text & Foto: Tanja Bruckert

Info
„Reiß liest … – … Wood spielt“
Wann: Do., 6. Dezember, 20.30 Uhr
Wo: jos fritz café, Freiburg
Weitere Informationen: www.hoerbuero-freiburg.de