Dieses Paar ist verheiratet … aber nicht miteinander“, wirbt eine Agentur für ihre Dienste, den perfekten Partner zu vermitteln – nicht für die große Liebe, sondern den heimlichen Seitensprung. Dass professionelle Hilfe bei der Affäre voll im Trend liegt, zeigen die steigenden Mitgliedszahlen: So hat die größte deutsche Seitensprungagentur „Firstaffair“ nach eigenen Angaben mit bis zu tausend Neuanmeldungen pro Tag mittlerweile 1,7 Millionen Mitglieder. Selbst im südbadischen Teningen werden seit einigen Jahren professionell arrangierte Liebesabenteuer angeboten.

Agenturchefin Wiesenberg: „The one and only klappt nicht.“

 

Was tun, wenn in der Beziehung die Luft raus ist, eine Trennung aber nicht in Frage kommt? Man wendet sich an Eva Wiesenberg. Die 53-Jährige vermittelt seit rund vier Jahren von Teningen aus geheime Beziehungen neben der Beziehung. Über ihre Mitgliedszahlen möchte sie nicht sprechen.

 

Während bei Online-Plattformen eine kurze Registrierung meist ausreicht, führt die professionelle Kupplerin mit jedem ihrer Kunden ein Gespräch und entscheidet dann nach Bauchgefühl, wer der passende Partner ist – sei es für die große Liebe im Rahmen ihrer Partneragentur oder für eine unverbindliche Affäre mit ihrer zweiten Agentur „Personal Activities“. Die Kosten für Liebe und Sex sind die gleichen: 350 Euro, für die es dann so viele Partnervorschläge gibt wie nötig.

 

„Nach zehn, fünfzehn Jahren gibt es in den meisten Ehen keinen Sex mehr“, behauptet die Agenturchefin. „The one and only for-ever klappt fast nie.“ Ihr Lösung: Die Zweitbeziehung vermittelt vom Profi. Ihre Kunden sind etwa der vielbeschäftigte Unternehmer oder die Mutter mit kleinen Kindern, die weder Lust noch Zeit haben, abends in der Kneipe jemanden aufzureißen. Was in Deutschland oft noch mit Vorurteilen belastet ist, sei in Amerika als Dienstleistung bereits anerkannt und so normal wie professionelle Hilfe beim Haareschneiden oder Putzen.

 

Auch der Freiburger Trendforscher Sacha Szabo weiß, dass Seitensprungagenturen im Trend liegen. Schließlich sei Treue dem Menschen nicht von Natur aus angeboren, sondern ein soziales Konstrukt, das mit dem Bürgertum aufkam. Und so sind Seitensprünge auch keine Ausnahmeerscheinungen – laut Studien gehen 20 bis 40 Prozent der Menschen fremd.

"Treue ist nichts natürliches"

 

Agenturen haben dabei einen Vorteil: Sie verkaufen Sex als Erlebnis. „Die Portale leben von dem Versprechen, dass alle gesellschaftlichen Normen aufgehoben sind, wenn man nur das Passwort kennt“, erklärt der Wissenschaftler. „Sie spielen mit dem Mythos, dass man sich hemmungslos ausleben kann.“ Dieses mystische Element würde der normalen Affäre fehlen. Denn wer sich seine Affäre im persönlichen Umfeld sucht – meist am Arbeitsplatz –, findet hier nun mal nicht Tom Cruise, sondern den Kollegen mit Haarausfall und Bluthochdruck. „Das hat einfach nichts von diesem Ausbruch in die Wunderwelt“, so Szabo.

 

Dass sich viele Menschen eine Wunderwelt wünschen, die nichts mit der Realität zu tun hat, diese Erfahrung macht auch Wiesenberg immer wieder. „Wenn die Diskrepanz zwischen dem eigenen Ich und den Vorstelllungen zu groß ist, lehne ich Anfragen ab“, erzählt die Vermittlerin, „ich habe noch nie einen armen alten Mann mit einer zwanzig Jahre jüngeren Frau an seiner Seite gesehen – solche Vorstellungen sind nicht realisierbar.“ Rund die Hälfte aller Anfragen würde sie daher bereits am Telefon abschmettern.

 

Ist der richtige Partner gefunden, ist Wiesenbergs Arbeit meist erledigt. Doch das soll sich jetzt ändern: Momentan überlegt sie, zusätzlich einen Alibiservice anzubieten. Bei anderen Agenturen ist man da schon weiter. So liefert etwa die Bremer Agentur „Alibiprofi“ gefakte Seminar-Einladungen, Visitenkarten oder Hotelreservierungen, und die Homepage der Agentur „Seitensprung“ lässt sich als Seite eines Tauchklubs tarnen. Damit die Beziehung trotz Liebschaft nicht baden geht.

 

Text: Tanja Bruckert & Fotos: © Tanja Bruckert, © iStock.com/Artem Furman