Er saß in einem Restaurant in der Herdermer Nachbarschaft. Und las die Titelgeschichte „Leben mit der Lüge“ im Freiburger Stadtmagazin chilli. Es geht um Kriegskinder. Um Kinder, die ihren leiblichen Vater nie gesehen haben. Michael Hausin las und fasste einen Entschluss: Das Magazin wanderte in seine Manteltasche, zu Hause setzte er sich ans Telefon. Auf der Suche nach seinem unbekannten Vater. Wochen vergehen, Monate, Hoffnungen und Enttäuschungen sind seine Zeitgenossen. Jetzt ist er am Ziel seiner jahrzehntelangen Suche: Am 8. November traf der Freiburger Konditor, gezeugt ein halbes Jahr nach Kriegsende von einem französischen Soldaten, zum ersten Mal seine Halbschwester, 68 Jahre nach seiner Geburt. „Das war ein sehr berührendender Moment in meinem Leben“, sagte er nach dem Wiedersehen in Freiburg, „ich danke Ihnen, dass Sie das durch Ihre Geschichte möglich gemacht haben.“

Nun haben sie sich erstmals im Arm: Nach einem chilli-Bericht suchte Michael Hausin seinen leiblichen Vater – und fand seine Halbschwester Agnés Artaud, die ihn nun in Freiburg besuchte.

 

Michael Hausin wuchs im Allgäu auf. Der Krieg war zu Ende, seine Mutter Hildegard hatte nach einem Tanzabend ein nächtliches Tête-à-Tête mit einem französischen Soldaten. In dieser Nacht wurde Michael gezeugt. Als der Bauch dicker wurde, war der Franzose schon wieder weg. Wie sich später herausstellte, nach Freudenstadt abkommandiert.

Hausins Mutter Hildegard

 

Die streng katholische Oma Katharina Dötterl schickte die Mutter ohne Mann weg aus dem Dorf, nach Lindau zum Arbeiten. Statt jeden Tag mit der Scham leben zu müssen, zog sie den Buben lieber selber groß. „Meine Oma war eigentlich die ganze Zeit meine Mutter, meine leibliche Mutter habe ich immer nur ein, zwei Mal im Jahr gesehen“, sagt Hausin.

Louis Ballet

 

Die Jahre vergingen, Hildegard arbeitete inzwischen in Baden-Baden als Zimmermädchen und lernte dort – wieder in einer langen Nacht – Heinz Hausin kennen, der Pâtissier im Kurhaus war. Die beiden heiraten 1954, übernehmen im selben Jahr noch das Greiffenegg-Schlössle auf dem Schloßberg in Freiburg.

Oma Katharina mit klein Michael

 

Um die Zeit wird die Oma sehr krank, die Familie schob den Grundschüler wieder zu seiner Mutter ab. „Ich wurde von heute auf morgen mit dem Zug nach Freiburg geschickt“, erzählt Hausin. Zum Empfang sagte seine Mutter dann: „Du gehst jetzt in die Küche und sagst ‚Guten Tag, Papa’ und gibst ihm einen Kuss.“ Der Kleine hatte den Mann zuvor nie gesehen. Sehr liebevoll war die Beziehung von Stiefvater und Stiefsohn nicht. Aber der Feinbäcker brachte dem Buben viel bei und machte aus ihm, der eigentlich wie seine Onkel zur Bahn wollte, einen Konditor. Seine neuen Eltern bekamen einen Jungen und eine Tochter, die vor allem Heinz näher waren.

Hausin im Dienst

 

Er schickte Michael erst in die Lehre nach Rheinfelden, und nachdem der dort fertig war, weit weg in einen Betrieb nach Elmshorn. 1967 kauften die Hausins dann das Schlosscafé in Bad Krozingen. Da der Pachtvertag mit der Ganter-Brauerei im Greiffenegg noch lief, wurde Michael flugs nach Bad Krozingen „abkommandiert“ und lieferte jeden Abend die Umsätze beim Stiefvater ab. Bis er es eines Tages satt war, das fünfte Rad am Wagen zu sein, und mit der Familie brach. 1970 lernte Michael seine Frau kennen, drei Jahre später heiratete er Ulrike. Immer wieder glimmt der Wunsch auf, nach seinem echten Vater zu suchen: „Ich wollte wissen, wo meine Wurzeln sind, aber meine Mutter hat bis wenige Jahre vor ihrem Tod nichts sagen wollen.“

Hausins am Hafen von Marseille (wo Ballet wohnte, was Michael aber nicht wusste)

 

1978 übernahm Michael Hausin die Konditorei im Kornhaus am Münsterplatz, die er bis 2002 erfolgreich führte. „Roland Burtsche hatte damals beim Besitzer Willi Kempter ein gutes Wort für uns eingelegt“, erinnert er sich. Erst als die Mutter 2004, 2005 schon im Heim in Bad Krozingen war und der Sohnemann mal drei gute Flaschen Rotwein mit ihr leerte, sprach sie endlich über die Nacht von einst: „Du siehst ihm ähnlich. Er hieß Jean-Louis Ballet, war Sergeant-Chef bei den Franzosen und hatte oft Pakete von seinen Eltern aus Algerien bekommen.“

Agnés mit Söhnen

 

Diese Information sollte am Ende zum Ziel führen. Das chilli hatte den Kontakt zum Verein Cœurs sans Frontières (Herzen ohne Grenzen) gedruckt. „Meine Mutter, ich und auch Herzen ohne Grenzen stießen beim französischen Militär aber immer auf eine Mauer des Schweigens.“ Klar, die Generäle wollten ihren siegreichen Kämpfern von einst nicht heute noch die vielen gezeugten Kriegskinder als späte Belohnung aufdrängen.

Louis Ballet im Familienkreis

 

Es war der Hotelier Franck Rolland aus Strasbourg, auch er im Verein aktiv, der das Schweigen des Militärs kannte und mit einem Trick letztlich den Kontakt herstellte: Er habe einen Stammbaum zu machen, es gehe um den Soldaten Jean-Louis Ballet, dessen Eltern zu der Zeit in Algerien gelebt haben. Ob man ihm einen Kontakt machen könne. Es meldete sich dann ein Cousin, einen Jean gebe es nicht, aber ansonsten passt alles. So fand der Mann Hausins leiblichen Vater, Louis Ballet. Der aber war schon am 25. März 1996 mit 75 Jahren verstorben. Eines Tages rief Rolland wieder an: „Hallo Michael, ich habe Deine Halbschwester gefunden.“ Hausins Herz pochte.

Hausin mit Frau Ulrike und seiner neuen Familie

 

Agnés Artaud ist quicklebendig, geboren 1957 und lebt heute in Aix-en-Provence. „Als ich erfahren habe, dass ich noch einen Bruder habe, war ich sehr überrascht, freudig, aufgeregt“, erzählt sie auf der Terrasse ihres Bruders. Michael sei ein spätes Geschenk ihres Vaters. „Sie kam sofort auf mich zu und hat mich umarmt, wir haben eine so liebevolle Familie gefunden“, freut sich Hausin. Agnés hat gleich ihren Freund, ihre beiden Söhne Yannik und Christophe und deren Freundinnen mitgebracht. Die Söhne nennen ihn schon Opa.

Die neue Familie schlendert am 9. November, am Tage des Mauerfalls, gemeinsam über den Münsterplatz am Kornhaus vorbei, macht einen Abstecher ins Greiffenegg-Schlössle, nimmt einen ausgedehnten Kaffee im Colombi – wichtige Stationen im Berufsleben von Michael Hausin. Am Abend lustwandeln sie über die Plaza Culinaria. „Ich bin jetzt nicht mehr traurig, dass ich meinen Vater nie kennengelernt habe“, sagt Hausin, „sondern glücklich, eine Schwester und eine neue Familie gefunden zu haben.“

Text: Lars Bargmann / Fotos: privat; ns