Der Nachbar klingelt am Morgen. Er ist eine halbe Stunde zu früh. Tilmann von Stockhausen bekommt sogleich einen Kaffee serviert. Der Chef der städtischen Museen ist gut gelaunt. „Das Reizvolle an unserem Kunstbesitz ist seine Vielseitigkeit. Zuerst fahren wir ins Kunstdepot“, sagt der 48-Jährige. Es ist der Auftakt zu einer kleinen Reise durch den von der Rathausspitze auf 250 Millionen Euro taxierten städtischen Kunstschatz, der insgesamt rund 200.000 Objekte umfasst. Es ist eine Begegnung mit spektakulären Werken. Es gibt einige Objekte, die achtstellige Werte haben. Mehr will von Stockhausen dazu nicht sagen. Exklusiv fürs Freiburger Stadtmagazin chilli aber hat er seine ganz persönlichen Top Ten der wichtigsten und wertvollsten Objekte ausgewählt.

 

 

 

Die 10 wichtigsten Objekte der Städtischen Museen Freiburg

 

1         

Drachen-Papageien-Teppich

Oberrhein?, um 1330

Wolle, gewirkt, 72 x 554 cm

Adelhausenstiftung Freiburg

 

Dieser einzigartige Bank- oder Wandbehang zeigt eine schier endlos erscheinende Musterfolge, die aus sich wiederholenden Anordnungen von jeweils vier Maßwerkmedaillons gebildet wird. In diesen sind einander gegenübergestellt zwei Papageienpärchen und zwei fabelhafte Drachenwesen zu erkennen. In der Mitte der Medaillons sitzt ein Löwenkopf, die übrigen Zwickelbereiche sind vegetabil gefüllt. Ursprünglich stammen solche Darstellungen aus der Bildwelt des Orients und könnten durch Seidenstoffe nach Europa vermittelt worden sein. Zeitgleiche Werke vor allem aus der französischen Textilkunst, Buch- und Glasmalerei zeigen ähnliche Motive. Bevor der Drachen-Papageien-Teppich ins Museum gelangte, befand er sich im Freiburger Dominikanerinnen-Neukloster Adelhausen. Nach der Fertigstellung des dritten Bauabschnitts wird dieses Meisterwerk in den historischen Gewölbekeller gezeigt.

 

2

Franz Xaver Winterhalter

Das Brieflesende Mädchen, 1860-65

Öl/Leinwand, 46 x 38 cm

 

Franz Xaver Winterhalter ist wohl neben Hans Thoma der bedeutendste Maler des Schwarzwaldes. 1805 in Menzenschwand geboren, zog es ihn in der Welt. Er avancierte zum bekanntesten Hofmaler der Zeit, der an allen europäischen Höfen ein und aus ging. In dieser intimen Studie werden seine großen malerischen Fähigkeiten deutlich. Ende 2015 soll das Werk des Künstlers in einer umfassenden Ausstellung im Augustinermuseum gewürdigt werden, die dann später weiter nach Houston/Texas gehen wird.

 

3

Hans Baldung Grien

Amor mit dem flammenden Pfeil

Straßburg, um 1530

Holz, 45,1 x 53,7 cm

 

Der heranfliegende Amor – ausgestattet mit bunt schillernden Flügeln – schwingt seinen entflammten Liebespfeil, der eine Leuchtspur auf dem nachtschwarzen Grund hinterlässt. Mit der linken Hand greift er nach einem Pelz.

Das Bild ist der Überrest einer mythologischen Darstellung. Zu sehen war eine junge Frau, die von Cupido entkleidet als ganzfiguriger Akt (Venus) gezeigt wurde. Ein Teil ihres Kopfes ist unten rechts noch sichtbar. Vergleichbare Gemälde erotischen Inhalts sind von Baldung mehrfach erhalten.

 

4

Matthias Grünewald

Das Schneewunder

Aschaffenburg, 1517/19

Nadelholz, 176 x 88 cm

 

Die Darstellung bezieht sich auf die Gründungslegende der ältesten Marienkirche des Abendlandes, Santa Maria Maggiore in Rom: In einer heißen Sommernacht hat Papst Liberius den Traum, dass an dem Ort eine Kirche zu Ehren der Jungfrau Maria errichtet werden sollte, wo am nächsten Morgen frischer Schnee gefallen sein würde. Grünewald zeigt den Papst, wie er inmitten eines Schneefeldes mit einer Hacke zum ersten Spatenstich ansetzt.

 

Grünewald war Hofmaler des in Aschaffenburg residierenden Mainzer Erzbischofs. Die Tafel gehörte einst als Flügel zum Maria-Schnee-Altar der dortigen Stiftskirche. Die Mitteltafel mit einem Marienbild befindet sich heute in der Pfarrkirche in Stuppach bei Bad Mergentheim.

 

5

Otto Dix

Bildnis Max John

(Miteigentum Ernst-von Siemens Kunststiftung und Kulturstiftung der Länder)

Öl/Pappe, 63 x 43 cm

 

Das Bildnis Max John zählt zu den eindrucksvollen expressionistischen Werken von Otto Dix.  Im Jahr 1921 geschaffen, gehört es noch zu der expressionistischen Schaffensphase des Künstlers, in der er noch stark von den Erfahrungen des Krieges geprägt war. Dieses Hauptwerk des Museums für Neue Kunst stammt aus der Sammlung Fritz Glaser aus Dresden, wurde aber 1956 in einer Auktion erworben, ohne die tatsächliche Herkunft zu klären. Im Rahmen eines Restitutionsverfahrens konnte das Gemälde mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, der Ernst von Siemens Kunststiftung zurückerworben und für die Stadt Freiburg bewahrt werden.

 

6

Der Adelhauser Tragaltar

Oberitalien?, Mittelrhein?, um 800

Eichenholz, Porphyr, Silber, Email, Niello, 37,7 x 17,3 cm

Adelhausenstiftung Freiburg

 

Bereits in Schriftquellen des 6. Jahrhunderts ist von handlichen, tragbaren Altären (lateinisch „altaria portatilia“) die Rede. Sie wurden im Mittelalter dazu genutzt, auf Reisen die Eucharistie an einem geweihten Ort zu feiern. Der Tragaltar gehört zu den frühesten überhaupt erhaltenen seiner Art.

Kostbare Emailapplikationen, verzierte Silberbleche und eine Porphyrplatte machen den Tragaltar zu einem echten Schatzobjekt. In der abstrakt-geometrischen Ornamentik sowie der Kreuzsymbole soll sich vermutlich die Vollkommenheit der von Gott geschaffenen Welt abbilden.

 

7

Das Stürtzel-Fenster vom Freiburger Münster

Nach Entwurf von Hans Baldung Grien, 1528-1530

Hüttenglas, verbleit

Erzbischöfliches Diözesanmuseum Freiburg,

Leihgabe des Münsterfabrikfonds Freiburg

 

Die Glasgemälde stammen ursprünglich aus einer der südlichen Chorkapellen des Freiburger Münsters. Im Jahre 1910 wurden die Originale, die sich heute im Augustinermuseum befinden, im Münsterchor ausgebaut und durch Kopien von Fritz Geiges ersetzt. Der Stifter der Fenster, der Jurist Konrad Stürtzel von Buchheim, war Professor an der Freiburger Universität. Er kniet im linken Fenster hinter seinem Familienwappen zu Füßen des hl. Bischofs Nikolaus von Myra. Daneben ist die Anbetung der Hl. Drei Könige dargestellt. Im rechten Fenster werden seine Söhne, Töchter und die Ehefrau in Anbetung kniend gezeigt.

 

8

Altägyptisches Perlennetz

Ehemalige Universitätssammlung Freiburg

 

Dieses Perlennetz stellt ein hervorragendes Beispiel altägyptischer Perlenknüpfkunst (Fayence-Perlen) dar und ist mit seinen farblichen und figürlichen Darstellungen (Schutzgottheiten) eine Seltenheit. Es wurde bei den Badischen Ausgrabungen am 24.3.1914 in El-Hibe/Ägypten entdeckt. Bei der Aushebung einer Grabanlage stießen die Archäologen auf den einzigartigen Fund. Das Perlennetz lag auf einer Mumie, welche in einem Mumiensarg bestattet war. Das Perlennetz kann auf die Zeit des 2./1. Jh. v. Chr. datiert werden.

 

Über die Fundzuteilung der Grabungen wurde das Perlennetz der Freiburger Universitätssammlung zugesprochen. 1924 wurde diese Sammlung an das Völkerkundemuseum übergeben und wird auch heute noch in der Ethnologischen Sammlung verwahrt. Das Perlennetz wurde für die Landesausstellung „Ägyptische Mumien“ 2008 (Landesmuseum Württemberg) aufwendig restauriert und ist heute eines der Glanzstücke der Altägypten-Sammlung Freiburgs und wird in der geplanten Ausstellung „Die letzten Pharaonen“ gezeigt werden.

 

9

Gläserne Trinkschale von Ihringen, 1. Hälfte 5. Jh. v. Chr.

Archäologisches Museum Colombischlössle

1993 wurden bei Grabungen auf der Gemarkung Ihringen, Gew. “Nachtwaid” im Vorfeld von Bauarbeiten zu einem Sport- und Freizeitgelände von der Archäologischen Denkmalpflege Freiburg zwei Grabhügel eines schon bekannten Gräberfeldes der Hallstattzeit (ca. 800- 400 v.Chr.) untersucht. Im ersten Hügel wurde dabei die nicht beraubte Bestattung eines knapp 30 Jahre alten Mannes gefunden. Grabbeigaben waren ein goldener Halsring, ein goldener Armring, eine Fibel, ein Kamm und mehrere bronzene Gefäße. Neben dem Schädel lag eine eiserne Lanzenspitze. Zwischen den Bronzegefäßen fand sich eine flache Trinkschale aus durchsichtigem Glas. Sie ist in Mitteleuropa einzigartig und wohl im vorderasiatischen Raum hergestellt worden. Die Bestattung eines wohl bedeutenden und vermögenden Mannes der Oberschicht der Hallstattkultur wird in die 1. Hälfte des 5. Jahrhunderts vor Christus datiert. Griechische Keramikgefäße als Trinkschalen sind in dieser Zeit in den reich ausgestatteten Gräbern der sogenannten “Fürsten” beliebt gewesen und zeigen die Affinität der hiesigen Bevölkerung zu Griechenland und griechischen Trinksitten (Symposien). Auch die Glasschale von Ihringen ist als singuläres Stück in Mitteleuropa hierzu zu zählen.

 

 

10

Insektensammlung, Naturmuseum

 

Im neuen Zentralen Kunstdepot ist die Insektensammlung des Naturmuseums endlich adäquat untergebracht. Die historische Sammlung entstand aus verschiedenen privaten Stiftungen. Lange wenig beachtet, ist diese Sammlung ein noch unentdeckter Schatz. Mit zunehmenden Interesse an der Biodiversität insbesondere auch in der Region Freiburg, sollte diese Sammlung auch möglichst bald wissenschaftlich aufgearbeitet werden.