Die Bunte-Liga-Saison ist angepfiffen. Seit der Gruppenauslosung Anfang März rollt das Leder wieder in gewohnt unregelmäßigen Abständen über diverse Plätze Freiburgs. Ohne Schiedsrichter, dafür mit erlaubtem Rückpass machen seit April und noch bis November 22 Teams in zwei Gruppenphasen die Stadt-Meisterschaft untereinander aus. Seit über 20 Jahren gibt es hier den organisierten Freizeitfußball, und die Hobbykicker aus dem Breisgau haben sich sogar im deutschlandweiten Vergleich einen Namen gemacht. 1995 und 2007 feierte „Frisch Auf Bölkstoff“, zugleich Spitzenreiter der ewigen Tabelle der Freiburger Liga, den Gewinn der Deutschen-Alternativ-Meisterschaft. In der Bunten Liga kicken Nicht-Fußballer neben ehemaligen Landesligakickern. „Aktive“ Spieler sind weniger willkommen, ihr Einsatz verstößt gegen eines der wenigen ungeschriebenen Gesetze der Liga, deren Leitmotiv ansonsten lautet: „Man kann über alles reden.“

Im Swamp, der kleinen, etwas verrauchten Kneipe an der Schwarzwaldstraße, ist am frühen Abend des 7. März sehr viel los. Und das nicht etwa, weil Bayer Leverkusen heute mit 1:7 von Barcelona aus dem Camp Nou geschossen wird, sondern weil der Freiburger Bunte-Liga-Vorstand heute zur Saisoneröffnungssitzung eingeladen hat. Rund 30 Mannschaftsvertreter, alle zwischen 18 und 55 Jahre alt, sind gekommen, um basisdemokratisch den Ablauf der nächsten Spielrunde zu bestimmen. Als vor jedem ein Getränk steht, vornehmlich Pils und Radler, eröffnet Liga-Boss Uwe „Willi“ Schmitt die Sitzung.


Schmitt und seine Vorstandskollegen heißen das neueste Team „SK Lazio“ willkommen, die Anwesenden ehren zudem mit respektvollem Applaus den Meister des Vorjahres, „Die Muschelschlürfer“, und es gibt eine gute Nachricht vom Kassenwart: Die Liga ist finanziell gesund, einmal mehr. Dass sich die Euphorie unter den Sitzungsteilnehmern darüber ein wenig in Grenzen hält, hat einen Grund: die langersehnte Auslosung der Vorrundengruppen ist wichtiger. Heiß her geht es aber schon davor: Ein junger Teamvertreter schlägt die Einführung der Rückpassregel vor. „Man muss ja nicht alles mitmachen, was die anderen machen“, grätscht ein Alteingesessener dazwischen. Dennoch, die Idee ist auf dem Tisch, also wird abgestimmt, mithin deutlich abgelehnt. Zum Kompromiss führt letztlich der Einwurf, dass die Teams es ja unter sich ausmachen können. „Was ist jetzt“, diskutiert einer am Nebentisch noch weiter, „wenn eine Mannschaft unbedingt mit Rückpassverbot spielen will und die andere nicht?“ „Na dann“, meint ein anderer, „appellier‘ eben an den Geist der Bunten Liga.“

Der Bunte-Liga-Geist steht für eine Mischung aus Fairplay, Spaß am Fußball, entspanntem Miteinander – und dem Willen, dass bei Fouls eben nicht per Pfiff, sondern per Diskussion zwischen Foulendem und Gefoultem entschieden wird. Und genau der ist die Basis für den gut funktionierenden Spielbetrieb. Der Geist wird gelebt, obwohl „sowohl der Ehrgeiz als auch das Niveau in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen haben“, wie Bunte-Liga-Chef Willi erzählt.


Willi ist nicht nur wichtiger Funktionär, sondern auch aktiver Balltreter. Auf die Frage nach den Ambitionen seiner „Roten Socken“ für die Champions-League, für die sich nur die Vorrundenbesten qualifizieren, winkt er aber ab: „Die Chancen stehen vielleicht nicht schlecht, aber die müssen wir gar nicht unbedingt erreichen.“ Für ihn sind die schönsten Spiele die gegen alte Bekannte: „Die sind zum Teil auch schon 20 Jahre dabei, danach grillen wir dann noch gemütlich zusammen.“ Während Willi in Erinnerungen an Barbecue-Abende schwelgt, kassiert Leverkusen gerade das 0:7. Dennoch werden die Bayer-04-Profis im Anschluss beteuern, dass sie die Königsklasse in der kommenden Runde wieder erreichen wollen – Bock auf Grillen mit Messi & Co. hatte keiner mehr. Das ist eben der Unterschied zwischen den beiden Fußballwelten.

Schauplatz der Bunte-Liga-Begegnungen ist seit zwei Jahren der Kunst-rasen am Seepark, und schon deutlich länger, nämlich seit mehr als 20 Jahren, der Bunte-Liga-Platz an der nördlichen Grenze des Industriegebiets Nord kurz vor Gundelfingen. Echte Insider nennen dieses Geläuf im Gedenken an den ersten Bunte-Liga-Präsident „Daniel-Schneider-Kampfbahn“. Das gemeinsam mit der Stadt bewirtschaftete Fußballfeld liegt von Wald und Wiese umgeben in einer fußballromantischen Lichtung. Geräuschvoll bläst der Wind durch die dichten Baumreihen, Vogelgezwitscher liegt in der Luft, ab und an fährt ein Traktor an der Spielstätte entlang. In dieser idyllischen Lage werden an langen Sommertagen bis zu vier Begegnungen ausgetragen. Wenn die älteren Generationen ihre Familien mitbringen, kommt schnell die von Willi angedeutete Sommerfeststimmung auf.


Auf dem Spielfeld kämpfen die beiden Teams um jeden Meter. Die mitgebrachten Anhänger unterstützen sie tatkräftig dabei – oder lesen ein Buch. Auf dem kleinen Spielplatz tollen die zukünftigen Leistungsträger herum. Etwas abseits sitzen in entspannter Runde im Schatten der Hütte des Platzwartes noch die Spieler aus der zuvor beendeten Partie. Jubel brandet etwa auf, wenn der ausgelaugte Mitspieler von eben, der sich gerade aushilfsweise für ein anderes Team über den Platz schleppt, an den Ball kommt. Ansonsten diskutieren sie die eigene Leistung oder genießen einfach ein Pils. Zum Bild gehört auch, wenn die Mannschaften der danach anstehenden Partie eintreffen und sich warmmachen, soll heißen: an der Seitenlinie 50-Meter-Sprints durchziehen, sich lässig den Ball hin- und herschieben, dem Spiel zuschauen, taktische Kniffe diskutieren oder noch eine rauchen.

Immer mit dabei ist Platzwart Marian Rutka. Das vollbärtige Original ist ein echtes Urgestein der Bunten Liga, einer aus der Gründerzeit. „Ohne ihn“, meint Ligapräsi Schmitt anerkennend, „würde das alles nicht funktionieren.“ Dass der Platzwart ein, wie man so schön sagt, „etwas eigener Charakter“ ist, demonstriert er, als er eine halbe Stunde nach Sitzungsbeginn ins Swamp platzt und der verblüfften Spielerschar den eigens ausgegrabenen Anstoßpunkt des Feldes präsentiert: „Schaut mal, was ich euch mitgebracht habe.“ Er liebt seinen Platz eben. Es ist ihm deutlich anzusehen, dass er bei seiner Arbeit als Greenkeeper eine Menge Spaß hat. Als Beweis hat er gerade ein mehrere Kilogramm schweres Stück Rasen per Rad quer durch die Stadt bugsiert, nur um seinen Teil zur Saisoneröffnung beizutragen. Aber immerhin war er dabei nicht allein: Der Bunte-Liga-Geist hat kräftig mit in die Pedale getreten.

Text: Frederik Skorzinski / Fotos: ns