Kleingartensiedlung mit Gleisanschluss oder grüne Wiese mit Sendemast: Das sind nach Einschätzung der Chefetagen im Freiburger Rathaus und beim Sportclub Freiburg die Alternativen für ein neues Fußballstadion mit 30.000 bis 35.000 Plätzen in Freiburg. Die dafür zuständige, im März gegründete Arbeitsgruppe unter Mannschaftskapitän Martin Haag (in Personalunion auch Freiburgs Baubürgermeister) hat zusammen mit dem Architektenbüro Alber Speer & Partner (AS&P) 24 Standorte (!) für eine neue Arena gefunden und geprüft, wonach zunächst fünf grundsätzlich mögliche übrigblieben, zuletzt aber nur noch die Hirschmatten am Autobahnzubringer in Lehen und das Kleingarten-Areal Hettlinger zwischen Messe und Alter Lokhalle auf dem Güterbahnhof. Hier wie da hagelte es bereits erwartbare Kritik. Deutlich überraschender war die erstmalige Aussage Haags, wonach sich die Stadt, wenn denn der SC aus dem Badenova-Stadion auszöge, zwischen Schwarzwaldstraße und Dreisam auch Wohnnutzungen vorstellen könne. Ein millionenschweres Kalkül. Ein gewiefter Pass in die Tiefe des Raumes.


Pro Dreisamstadion! Eine Aktion der Fans vor dem Spiel gegen Gladbach. Foto: Neithard Schleier

 

„Ich dachte, Freiburg sei eine grüne Stadt mit einem grünen Oberbürgermeister und jetzt wollen sie uns hier wegjagen? Wir reichen eine Sammelklage ein und dann wird sich das alles erst mal lange hinziehen. Wir lassen uns das nicht so einfach gefallen“, sagt Alvaro Grobam, der seit 20 Jahren seinen Garten im Hettlinger hat. Gegen die Hirschmatten will sich hingegen der BürgerInnenverein Rieselfeld wehren, weil er befürchtet, dass die Fans mit der Tram bis zur Endhaltestelle Bollerstaudenstraße fahren, lärmend zum Stadion abziehen und je nachdem wütend oder euphorisiert dort auch wieder Richtung Heimstatt oder Innenstadt einsteigen werden.

 

Grundsätzlich möglich seien aber auch die Optionen am Schlattweg (Gewerbegebiet Haid Süd), Real Süd und der Flugplatz, zeigte AS&P-Planer Matthias Schöner. Den Schlattweg möchte die Rathausspitze nicht weiter verfolgen, weil sie es wichtiger findet, dort Firmen anzusiedeln. Auf der Fläche des Real-Markts wäre sogar ein Stadion mit Einzelhandel möglich, aber der Markt müsste abgerissen werden und stünde lange Zeit nicht zur Verfügung – welcher realwirtschaftlich Denkende würde eine solche Zukunft ohne anwaltliche Schützenhilfe einfach so akzeptieren? Zudem sind hier Wohnnutzungen – mit den an der Schwarzwaldstraße hinlänglich bekannten Problemen – sehr nah. Beim Flugplatz sei das wichtigste Gegenargument der Platz selbst: Hier gehe nur entweder Stadion oder Flugplatz. Wegen langfristiger Verträge mit Nutzern und des – trotz zu geringer Beteiligung vom Gemeinderat akzeptierten – Bürgerentscheids von 1995 will die Stadt diese Option außer Acht lassen.

 

Hettlinger

Standort Hettlinger: Bald perfekt an den ÖPNV angeschlossen, Kernproblem sind hier die Parkplätze, weil die Messe ihre eigenen für Veranstaltungen und Konzerte selber braucht. Foto: daw

 

 

 

Der wichtigste Vorteil beim Hettlinger ist die – nach der Inbetriebnahme der Messelinie 2015 – perfekte Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Hier sind aber nur 1000 Parkplätze und nur ein reines Stadion ohne Trainingsplätze möglich. Nebenan bei der Messe gibt es zwar weitere 3000 Parkplätze, aber die, sagt Messeabteilungschef Daniel Strowitzki, brauche die Messe selber: „Auf die laufende Saison gerechnet, gibt es ein Konfliktpotenzial von acht bis zehn Spieltagen, an denen wir sicher weniger Besucher und damit weniger Einnahmen hätten.“ Die Messe-Chefetage befürworte daher eindeutig die Hirschmatten.

 

Konflikte zwischen Bundesliga-Fußball und Konzerten sieht Marc Oßwald, Chef der Konzertagentur Konstanz (Koko) – und SC-Fan. „Wir würden bei allen Abendspielen des SC, egal ob freitags, samstags oder sonntags, Probleme bekommen, wenn die Parkplatz-Situation nicht getrennt gelöst wird.“ Eine volle Rothaus-Arena und ein volles Stadion mit insgesamt dann 4000 Parkplätzen würden nicht nebeneinander funktionieren. Die Beantwortung der Parkplatzfrage sei das entscheidende Moment: „Ich glaube aber, dass das lösbar ist, man müsste wohl einen Teil des Flugplatzes dafür nehmen“, so Oßwald.

 

Standort Hirschmatten: Für Autofahrer sehr gut, für Freunde der Tram dann, wenn die Rieselfeldlinie bis an die Anschlussstelle Lehen verlängert würde. Foto: Neithard Schleier

 

 

Wer nach Dortmund, Hamburg oder Stuttgart fährt, sieht dort direkt neben Signal-Iduna-Park, neben Imtech- oder Mercedes-Benz-Arena konzerttaugliche Gebäude wie die Westfalenhalle, die O2-World-Arena oder die Schleyer-Halle. Mit der Rothaus-Arena und einem neuen Stadion ergäben sich vielleicht auch in Freiburg die stets willkommenen Synergieeffekte. Womöglich könnten in einem neuen Stadion hin und wieder sogar große Konzerte steigen.

 

Wer die emittierenden Blechlawinen des motorisierten Individualverkehrs so weit wie möglich aus dem Freiburger Stadtgebiet heraushalten will, dem müssen die Hirschmatten deutlich charmanter vorkommen. In dem Fall dürfte sich der Gemeinderat schon bald mit der Verlängerung der Straßenbahnlinie 5 bis ans Stadion befassen.

 

In Mainz – wohin die Freiburger Arbeitsgruppe neulich mal einen Abstecher machte – konnte mit dem Bau der Tramlinie noch eine Fachhochschule erschlossen werden, weswegen das Land Rheinland-Pfalz (12,5) und das Mainzer Rathaus (7,5) die 20 Millionen Euro stemmten. Im Breisgau würde mit der Trasse allein das Stadion erschlossen, was das Finanzieren komplizierter machen dürfte.

 

Die vom Rathaus favorisierten Standorte liegen jedenfalls auf dem (Plan-) Spielfeld, für die Finanzierung liegt der Ball nun beim frisch wiedergewählten SC-Präsidenten Fritz Keller. „Wir sind mit diesen Standorten einen entscheidenden Schritt weitergekommen, jetzt müssen wir die Finanzierung angehen“, wusste auch Keller bei der Pressekonferenz Ende September. Das Land habe bereits Hilfe signalisiert. Das Volumen bei einem Stadion mit bis zu 35.000 Plätzen dürfte die 40-Millionen-Euro-Marke überschreiten. Das Finanzierungsmodell muss spätestens im Januar stehen, denn dann soll der Gemeinderat einen Grundsatzbeschluss fassen. Ein Modell mit einem Investor, der das Stadion nach dem Vorbild des Basler St.-Jakobs-Parks mit anderen gewerblichen Flächen wie Hotel, Wohnungen und Einzelhandel hinstellt und dann als Renditeobjekt hält oder weiterverkauft, ist wohl weder auf den Hirschmatten noch im Hettlinger realistisch.

 

Ob die Stadtspitze den Grund und Boden, den sie an beiden Standorten (an den Hirschmatten etwas weniger, beim Hettlinger etwas mehr) hat, mit in die Finanzierung einbringen werde, „das werden wir zur gegebenen Zeit besprechen“, hielt sich Finanzbürgermeister Otto Neideck bedeckt. Das aber wäre wohl der nennenswerteste Beitrag, den die Stadt, die vom SC vielfältig profitiert, leisten könnte. Bares, so Oberbürgermeister Dieter Salomon, werde es angesichts der klammen Haushaltskasse nicht geben.

 

Viererkette: SC-Verwaltungsdirektor Detlef Romeiko (von links nach rechts), Baubürgermeister Martin Haag, SC-Präsident Fritz Keller und Oberbürgermeister Dieter Salomon führen die Feder bei der Suche nach einem Standort für ein neues Stadion. Die Finanzierungsfrage muss nun der Club beantworten.

 

 

 

 

Der Sportclub prüft zudem auch die Möglichkeiten an der Schwarzwaldstraße, wo ein quantitativer und qualitativer Ausbau nur möglich wäre, wenn die Anwohner mitmachen. Die haben sich nach einem Rechtsstreit eine maximale Besucherzahl von 25.000 und sogar die erlaubte Anzahl der Abendspiele als Dienstbarkeiten in ihren Grundbüchern festschreiben lassen. Nach chilli-Informationen sind es vier Anwohner, die dem Gerichtsvergleich namentlich beigetreten sind und neun Grundbücher, in denen die Begrenzungen stehen. Es ist aber ein offenes Geheimnis, dass Keller kein Freund eines erneuten Ausbaus der „alten Hütte“ (Ex-SC-Coach Robin Dutt) ist. Dass Fangruppen in der Nordkurve das anders sehen, zeigten sie vor dem Gladbach-Spiel mit dem Transparent „Pro Dreisamstadion“.

 

Die ersten Stimmen aus den Fraktionen gaben ein differentes Bild: Für die Grünen ist der Flugplatz, den AS&P-Mann Schöner übrigens als „absolut besten Standort“ bezeichnete, noch nicht vom Tisch, FDP und Freie Wähler sind für die Hirsch-matten, SPD und Unabhängige Listen wollen sich noch nicht festlegen. Die CDU favorisiert die Kleingartensiedlung, dann aber sinnigerweise mit einem Businesshotel. Eugen Main kann da nur abwinken. Der 86-Jährige hat seinen Kleingarten seit 30 Jahren im Hettlinger: „Wenn hier ein Stadion gebaut werden soll, werde ich das wohl nicht mehr erleben. Aber für die Leute, die sich hier eingerichtet haben, ist das schlimm.” Stadionplaner küsst man nicht.

 

Lars Bargmann