Früh lohnt sich: Markus Joubert hat ein Bauvereinshaus in der Gartenstadt bekommen. „Hier“ – er holt weit aus mit dem Arm und zeichnet ein Viereck in die Luft – „entsteht die Terrasse. Dort drüben ein neuer Carport, und da rechts will ich Kräuter anpflanzen, Schnittlauch, Petersilie, Dill.“ Ein Berg Steine für den Terrassenboden liegt auf dem Rasen, gut die Hälfte davon hat der 32-Jährige schon verlegt. Der Garten, für den Joubert gerade eifrig Pläne schmiedet, ist etwa 100 Quadratmeter groß und liegt mitten in Freiburg in der Bauhöferstraße im Zentrum der Haslacher Gartenstadt, die dieses Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiert.

 

1914 sind hier die ersten Häuser entstanden. Die Baugenossenschaft Gemeinnützige Gartenvorstadt Freiburg im Breisgau hatte ein Jahr zuvor beschlossen, auf dem 15.000 Quadratmeter großen Gelände südlich der damaligen Gutleutstraße nach englischem Vorbild eine Gartenstadt zu errichten. Arbeiter sollten hier vor den Toren der Stadt in einfachen Häusern unterkommen, mit Nutzgärten und Kleintierställen konnten sie sich selbst versorgen. Bis in die 20er Jahre hinein entstanden Ein- und Mehrfamilienhäuser.

 

Packt selber an: Markus Joubert.

 

Haslach, bis dahin hauptsächlich von Landwirten und Handwerkern bewohnt, wurde zum Arbeiterviertel. Sogar eigene Läden gab es in der fächerförmig gestalteten Anlage – der Selbstversorgergedanke wurde konsequent verfolgt. Die Gartenstadt, deren wohl markantestes Merkmal die Namen gebenden Gärten zwischen den Häuserzeilen sind, steht seit 1986 unter Denkmalschutz.

 

Ein Jahr später zogen die Eltern von Markus Joubert mit ihren drei Kindern in die Bauhöferstraße. Fünf Zimmer auf 96 Quadratmetern, „das hat wunderbar gepasst“, erinnert er sich. Und erzählt von idyllischen Kindheitstagen. Auf der verkehrsberuhigten Straße vorm Haus hat er mit Freunden gekickt und Kreidebilder aufs Pflaster gemalt. „Irgendwie war immer jemand zum Spielen da, hier haben überall genug Kinder gewohnt.“ Von seiner Clique ist er allerdings der einzige, der auch heute noch in die Gartenstadt fährt, wenn er abends nach Hause kommt.

 

Dass er in einem der begehrtesten Viertel Freiburgs wohnen kann, hat Joubert seinen Eltern zu verdanken. Die sind 1983 dem Bauverein beigetreten und haben weitsichtig ihre Kinder ebenfalls zu Mitgliedern gemacht. So war es nur noch eine Formalität, als er vor zwei Jahren den Mietvertrag samt günstiger Genossenschaftsmiete von seinen Eltern übernahm. Für die waren die Treppen zu beschwerlich geworden, jetzt leben sie in einer altersgerechten Wohnung – ebenfalls aus dem Bauvereinsbestand.

 

Ganz kurz, sagt Joubert, habe es Zweifel gegeben, ob er in dem Elternhaus seine eigene Familie gründen werde. Seine Frau schreckte die Arbeit, die ein solches Haus mit sich bringt. Für zwei Berufstätige und perspektivisch Kinder sei eine Wohnung praktischer. Joubert ließ sich auf den Deal ein: Wenn sie eine vergleichbare Alternative als Wohnung fände, könne man drüber reden. „Heute will sie hier gar nicht mehr weg“, erzählt Joubert und lacht. „Wenn wir im Sommer draußen im Garten in den Liegestühlen liegen, ist das ja wie Urlaub.“

 

Die Familie Joubert ist keine Ausnahme: „Wir haben viele Mieter, die in der zweiten oder dritten Generation in der Gartenstadt wohnen“, sagt Bauvereinsvorstand Reinhard Disch. Und stets haben die Eltern den Kindern eine Mitgliedschaft im Bauverein finanziert. Da deren Dauer bei der Vergabe der Wohnungen und Häuser eine große Rolle spielt, ist der Nachwuchs solch weit denkender Eltern schnell am Zug, wenn etwas frei wird. Genaue Zahlen will Disch nicht nennen, aber für Menschen, die erst jetzt Mitglied im Bauverein werden, seien die Wartezeiten „extrem lang“. Die größten Chancen hätten noch Familien mit mehreren Kindern.

 

Seine freien Tage und den einen oder anderen Feierabend nutzt Joubert, um seine Projekte im Haus voranzubringen. „Da kann ich alles selbst umbauen.“ Wenn der Außenbereich fertig ist, kommen die Bäder dran und die Böden. Im Eingangsbereich und im Wohnzimmer des reigeschossigen Hauses liegt ein PVC-Boden, auf dem kaum ein Kratzer zu erkennen ist. „Der ist original von 1987, auf dem habe ich also schon als Sechsjähriger gespielt.“

 

Die alten Häuser sind hellhörig, aber der verbaute Backstein hat auch seine Vorteile: Im Sommer ist es innen angenehm kühl, im Winter heimelig warm. Dem Holzbalken, der zwischen Wohnzimmer und Küche steht, kann er hingegen weniger abgewinnen. „Das ist leider ein tragendes Element, den kann man nicht einfach entfernen. Aber vielleicht stütze ich die Decke hier mal mit einem Stahlträger ab“, sinniert der Metallbauer.

 

Bauliche Veränderungen müssen mit dem BVB, der gut ein Drittel der rund 600 Wohneinheiten der Gartenstadt sein Eigen nennt, abgesprochen werden. Stichwort Denkmalschutz. „Ein großes Problem ist das Thema Photovoltaik“, sagt Disch. Viele wünschten sich Solaranlagen auf den Dächern, die gesetzlichen Vorgaben erlauben das aber nicht. Dass dennoch auch eine denkmalgeschützte Siedlung mit der Zeit gehen muss, wenn sie für ihre Bewohner attraktiv bleiben will, hat der Bauverein erkannt. In den vergangenen zehn Jahren hat er deshalb rund 2,7 Millionen Euro investiert – um Haustechnik, Bäder, Fassaden und Dächer zu modernisieren.

 

Wie ist es so, das Leben in der 100 Jahre alten Gartenstadt? Toll, sagt Joubert und hält kurz inne. Er fühle sich hier aufgehoben und sicher. Die Nachbarn kennen ihn von Kindesbeinen an, man versteht sich gut. Es gibt ein Gemeinschaftsgefühl und ein entspanntes Miteinander. „Ich kann mir gut vorstellen, hier alt zu werden.“

 

Text & Foto: Claudia Füßler

 

Info:
100 Jahre Gartenstadt

Die gemeinnützige Baugenossenschaft Gartenvorstadt Freiburg e.V. hat 1914 mit dem Bau der ersten Häuser der Gartenstadt begonnen. Heute befinden sich auf dem Gelände, das sich fächerartig zwischen der Basler Landstraße, dem Eichendorfweg und der Carl-Kistner-Straße ausbreitet, rund 600 Wohneinheiten. Der Bauverein besitzt 205 Ein- und Mehrfamilienhäuser und 13 Wohnungen. Weitere Eigentümer sind die Stadtbau mit mehr als 120 Häusern, die Baugenossenschaft Heimbau mit acht Reihenhäusern sowie Privatleute.