Sie sind beileibe keine Frischlinge im Politikbetrieb, die fünf Männer, die unlängst vor Journalisten vortrugen, dass das von der Stadtspitze um Oberbürgermeister Dieter Salomon und Baubürgermeister Martin Haag favorisierte Dietenbachgelände für den dringend benötigten neuen Stadtteil die völlig falsche Wahl wäre. Viel besser geeignet sei das unter Naturschutz stehende Rieselfeld-West – aus vielerlei Gründen. Geerntet haben Wulf Daseking, Klaus Humpert (beide Ex-Stadtplanungsamtschefs), Bernhard Utz (Ex-Gartenamtsleiter), Paul Bert (Stadtplaner) und Adalbert Häge (einst Stadtwerke-Chef) vereinzelt Lob und viel Kritik. Juristisch scheint ihre Idee jedoch kaum umsetzbar.

Das Dietenbachgelände soll unter Naturschutz gestellt werden.

 

Die Grünen teilten mit, dass der Vorschlag der „Rentnertruppe“ und „Traumtänzer“ weder innovativ noch realitätsbezogen sei – entschuldigten sich aber kurz darauf für die Wortwahl. Die FDP begrüßte den Vorstoß als „städtebaulich sinnvoll“. Auch der frühere Sozialbürgermeister Hansjörg Seeh schloss sich den Befürwortern an. Der Sprecher des Arbeitskreises Freiburg-Kaiserstuhl des Landesnaturschutzverbands, Ekkehard Köllner, schrieb jedoch: „Bei mir erregt der Vorschlag, das Rieselfeld-West zu bebauen, nur Kopfschütteln.“ Salomon teilte mit, dass Stadtplanung „die gegebenen Realitäten als Ausgangslage akzeptieren“ müsse. Und Haag wollte im Gespräch mit dem chilli „am liebsten gar nichts dazu sagen“. Und sagt dann: „Dieser Vorschlag ist weltfremd.“

 

Was treibt die fünf Männer an? Die Wohnungsnot und der damit gefährdete soziale Friede, die langwierigen Verhandlungen mit 380 Eigentümern im Dietenbach, die hohen Entwicklungskosten, die die Ex-Planer auf bis zu 70 Millionen Euro taxieren, der Bruch mit dem alten Fünffingersystem der Stadt- entwicklung – der Dietenbach liegt im zentralen Finger – und der Schall- und Hochwasserschutz. „Das Dietenbachgelände wird die Stadt nicht in die Lage versetzen, das Thema Wohnungsnot zu lösen“, sagt Daseking. Humpert ärgert sich über ein zu wenig demokratisches Vorgehen der Stadt, das Dietenbachgelände sei ein „unglaublicher Irrtum“. Häge glaubt nicht, dass die tatsächlich im Raum stehende Enteignung der Eigentümer überhaupt „möglich ist“. Das westliche Rieselfeld – die geschützte Fläche ist etwa 370 Fußballfelder oder 257 Hektar groß – baureif zu machen, gehe indes „sicher fünf Jahre schneller“ – zudem sei es nahezu kostenlos zu haben, weil es der Stadt gehöre.

So stellen sich die Ex-Stadtplaner es vor: Zwischen dem Stadtteil Rieselfeld (1) und dem neuen Stadtteil Rieselfeld II (2) soll ein Stadtpark (6) entstehen.

 

Nicht nur dem widerspricht Haag: „Wir verhandeln gerade mit den Eigentümern im Dietenbach über die Flächen. Mal angenommen, es wäre überhaupt möglich, den Schutzstatus zu tauschen, was sagen dann die Eigentümer im Dietenbach, die dann auf gleichsam wertlosen Flächen säßen?“

 

Der Schutzstatus ist das Hauptproblem: Das westliche Rieselfeld ist Naturschutzgebiet und steht als Teil des Vogelschutzgebiets Mooswälder und des Flora-Fauna-Habitats Breisgau unter europäischem Schutz. Lösbar, meinen die Ex-Planer. „Machbar“, sagte FDP-Stadtrat und Anwalt Patrick Evers. Es freue ihn, dass der „Kampf gegen Windmühlen und die Stadtteilverhinderer“ nun an Intensität zunehme.

 

Umweltschutzamt, Umweltbürgermeisterin Gerda Stuchlik und die Naturschutzbehörde im Freiburger Regierungspräsidium sehen das völlig anders: Solange die Stadt Freiburg Alternativen zum Wachsen hat – mit dem Dietenbach und St. Georgen West werden bekanntlich zwei davon aktuell untersucht – sei es „rechtlich unmöglich“, den Schutzstatus im Rieselfeld aufzuheben. Salomon hatte schon vor Jahren gesagt: „Diese Fläche ist rechtlich geschützt wie Fort Knox.“ Auch das städtische Rechtsamt teilte mit: Juristisch ist das nicht machbar.

Die fünf vorm Schützen: Adalbert Häge, Wulf Daseking, Bernhard Utz, Paul Bert und Klaus Humpert (v.l.).

 

In einer bereits eine gute Woche vor der Pressekonferenz erstellten Vorlage für die Dezernentenkonferenz des Umweltschutzamtes heißt es, dass in Baden-Württemberg „noch nie ein Naturschutzgebiet aufgehoben“ wurde, es sei vielmehr noch nicht einmal eines verkleinert worden.

 

Der Zwischenruf der Stadtplaner a.D. hat Staub aufgewirbelt, vermutlich wird sich der über das westliche Rieselfeld legen.

 

Text: Lars Bargmann; Skizze: © privat & Foto: © ns