Freiburger Stadttheater baut Tanzsparte um

Der Tanz ist zurück am Freiburger Stadttheater. Nach einjähriger Pause startet das Haus mit knappem Budget und neuem Konzept durch. Die designierte Tanzkuratorin Anna Wagner setzt voll und ganz auf internationale Vernetzung. Durch Koproduktionen will sie das Fehlen eines eigenen festen Ensembles ausgleichen – und gleichzeitig die Qualität steigern. In Basel bleibt mit Ballettdirektor Richard Wherlock hingegen alles beim Alten.

Am 26./27. Oktober gastiert der Choreograf Sebastian Matthias mit seinem Stück „Tremor“ in Freiburg und stellt sein Projekt am 27.10. in der neuen Reihe „Open Source“ dem Publikum vor.

 

 

Manche befürchteten, es hätte sich für immer ausgetanzt am Freiburger Stadttheater. Nachdem die Kooperation mit Heidelberg gescheitert und der Tanz in Freiburg aus Kostengründen zunächst einmal eingemottet worden war, kehrt er in der neuen Saison aber zurück. Nach einem Jahr Pause bewegt sich wieder etwas hinter dem Ballett-Vorhang – wenn auch mit völlig neuem Konzept. Das alte Label „pvc“ (physical virus collective) hat ausgedient; stattdessen soll der Tanz als völlig eigenständige Sparte daherkommen.

Doch genau da liegt der Knackpunkt. Eigenständig wird sich nämlich künftig zumindest im Hinblick auf die Produktionen nichts mehr abspielen. Wann immer es geht, peilt das Theater eine Zusammenarbeit mit externen Künstlern und Häusern an. Mit einem Jahresetat von 384.000 Euro für den Tanz haben Intendantin Barbara Mundel und Chefdramaturg Josef Mackert auch gar keine andere Wahl. Ein neuer Kopf soll es richten: Anna Wagner (34) wechselt vom HAU (Hebbel am Ufer Berlin) als Tanzkuratorin nach Freiburg. „Kooperationen bieten einen enormen Vorteil“, betont sie und spricht von einer „ambitionierten Umstrukturierung“.
In der Vernetzung sieht Wagner die große Chance. Mithilfe ihrer Kontakte in die internationale Künstlerszene will sie das Fehlen eines festen Ensembles ausgleichen. Fünf, sechs Künstler sollen regelmäßig fürs Freiburger Theater arbeiten, unterstützt von wechselnden Gast-Choreografen – etwa Sebastian Matthias und Simone Aughterlony, die sich anderswo bereits einen Namen gemacht haben. Auch Gavin Webber, der schon bei „pvc“ mitwirkte, ist wieder dabei. In seinem „Physical Theatre“ (Premiere am 16. November) experimentiert er auf tänzerische Art und Weise mit dem Thema Selbstempfinden.

Will den Tanz in Freiburg wieder nach vorne bringen: Anna Wagner.

 

„Wir wollen von einem regionalen zu einem vernetzten Theater werden“, umreißt Wagner ihre Idee. Potential sieht sie vor allem im Dreiländereck; erste Gespräche mit dem Centre Chorégraphique National (CCN) in Belfort liefen bereits. Rund ein Dutzend Produktionen will Wagner so auf die Beine stellen. Auch international streckt die städtische Bühne ihre Fühler aus, indem künftig jedes Jahr ein Künstlerpaar aus aller Welt für zwei Monate nach Freiburg eingeladen wird – „artists in residence“ nennt sich das.

Los geht’s am 14. Oktober mit „Run\Run“, einem Stück, bei dem unter anderem Künstler des israelischen Nachwuchstänzer-Festivals „Machol Hadash“ mitwirken. Inhaltlich stellt „Run\Run“ die Dynamik von Beschleunigung und Entschleunigung dar – in Anlehnung an den Film „Lola rennt“ – mit Profi-Tanzdarbietungen unterfüttert.

Neben dem Blick nach außen will Wagner aber auch die regionale Szene nicht vergessen. Es gehe darum, Brücken zwischen lokalen und internationalen Künstlern zu schaffen. „In Freiburg liegt die Szene am Boden, wir müssen sie neu aufbauen“, sagt die Tanzkuratorin.
Um das zu erreichen, hat Wagner zwei Projekte initiiert: „Open Source“ holt Künstler aus dem Elfenbeinturm. Sie sollen sich – kostenlos – der Öffentlichkeit präsentieren und ihre Arbeit bei offenen Proben demonstrieren. Das zweite Projekt heißt „Open Practice“: Es richtet sich an professionelle Tänzer aus der Region, die sich in Workshops mit den Theater-Choreografen weiterbilden können.

Um den neu belebten Tanz in Freiburg attraktiv zu machen, gibt es ab sofort eine „TanzCard“. Sie kostet 40 Euro und gewährt Besuchern, ähnlich wie eine BahnCard im Zug, 50 Prozent Rabatt auf alle Tanzveranstaltungen.

Am Theater Basel bleibt unterdessen alles beim Alten. Der Tanz bildet dort seit eh und je einen festen Bestandteil im künstlerischen Repertoire. So gehörte in der vergangenen Saison 2011/12 Shakespeares „Romeo und Julia“ als Handlungsballett ebenso zum Programm wie „The Fairy Queen“ oder der weihnachtliche „Nussknacker“. „Mit Richard Wherlock als Ballettdirektor und Chefchoreograf setzen wir auf Kontinuität“, sagt Theatersprecher Michael Bellgardt. „Selbstverständlich sind wir davon überzeugt, dass die Kunstform Tanz zukunftsfähig und innovativ ist, ein großes künstlerisches und emotionales Potential hat.“
Die Highlights der aktuellen Spielzeit: „Eugen Onegin“ (12. Januar 2013) und „Cinderella“ (15. März) im Ballett- und das Tanzlabor „Dance Lab 5“ im zeitgenössischen Bereich. Dort choreografieren Tänzerinnen und Tänzer des Basler Balletts. Wohl gemerkt: Mit einem Jahrestat, der fast doppelt so hoch ist wie der in Freiburg – nämlich rund 45 Millionen Euro –, kann es sich das Basler Haus auch leisten. Und das, obwohl in Freiburg deutlich mehr Menschen ins Theater gehen als in Basel (220.000 gegenüber 178.000 in der Spielzeit 2010/11). In Freiburg hat sich demnach noch längst nichts ausgetanzt.

Text: Steve Przybilla / Fotos: Arne Schmit, Andre Wunstorf

Info & Termine
Freie Tanzgruppen proben in Freiburg außerdem im Freiburger E-Werk, zeitgenössischen Tanz bietet die Kaserne Basel.
www.ewerk-freiburg.de
www.kaserne-basel.ch
www.theater-freiburg.de
www.theater-basel.ch