Er sitzt hinter einer Cola – schwarze Mütze, schwarzer Pulli, hinterm breiten Grinsen flirrt nervöse Energie. Ohne Einstiegsgeplänkel erzählt der 1957 in Teheran geborene Exil-Iraner, Tänzer, Schauspieler, Regisseur und Autor Said Mola gleich heftig gestikulierend von seinem neuen Stück: Dass er viel zu viele solche Schicksale kennt wie diesen Rosenverkäufer Sad aus Robert Schneiders Monolog „Dreck“ (1993). Menschen zwischen Himmel und Erde, untergetaucht in einem würdelosen Leben ohne Rechte, ohne Perspektive. Menschen, die gebrochen werden, denen es etwas im Kopf verschiebt.

Exil-Iraner Said Mola
So wie der Illegale Sad, der sich selbst für ein Stück Scheiße hält und Deutschland liebt, der zum überangepassten Faschisten mutiert und „Das Boot ist voll! Zum Teufel mit der Gastfreundschaft!“ schreit. Ein Chamäleon, ein ausgestoßener Fremder, der Fremde hasst – Rassismus im Zerrspiegel.

Wen wundert‘s, meint Mola. Und dann zählt er auf: jahrzehntelang deutsche Waffenlieferungen in den Iran und andere Unrechtsstaaten, Desinformation, die ganze skrupellose Geschäftemacherei und Doppelmoral auf dem Rücken der Menschen, die Farce der Integrationsbemühungen, die Vertuschung des NSU-Terrors … „Das ist wie ein Geschwür, das größer wird und sich entzündet, irgendwann platzt es. Alles hängt zusammen, wir haben globale Verantwortung.“

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Aufklären will er, aber ob er damit in den Köpfen was verändert? – Die Antwort ist orientalisch: „Guck mal, ich werf‘ ein Staubkorn auf den Boden. Jetzt hat sich was im Raum verändert. Hast du‘s gemerkt?“ Regieassistentin Maryam Kaghazkanany lächelt, ich hake nach: Und die persönliche Geschichte? – Pah! Er winkt ab. Klar sei er ein Stück weit entwurzelt, seit er sich im Februar 1979 pünktlich zur „Besatzung“ durch Ruhollah Musavi Chomeini nach Paris absetzte. Aber freie Kunst gebe es ohnehin nicht in einem Mullah-Staat.

Die Familie ist in alle Welt verstreut, Millionen Iraner sind seither geflüchtet. Vor seinem Exil besuchte Mola in Teheran die Filmhochschule, tanzte im persischen Staatsballett. Und dann? Eine Frau, die ihn von Paris nach Freiburg brachte. Hier hat er sich durchgejobbt als Laster- und Taxifahrer, als Kellner und Koch. Ein Grund, verbittert zu sein? „Nein, mir gehts gut, ich bin deutscher Iraner, Weltbürger. In Teheran gibts nur noch geheime Underground-Vorstellungen in Wohnzimmern, Zensur und Inhaftierungen. Ich kann nicht mehr zurück.“

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Vor drei Jahren wurde ihm nach einem Auftritt beim Iranischen Theaterfestival in Köln von der Botschaft der iranische Pass eingezogen, den er eigentlich nur verlängern wollte, um seine kranke Mutter zu besuchen. Seine Antwort: Das Stück „Gottes Stimme“, das sich explizit mit den Verhältnissen im heutigen Iran auseinandersetzt.

Mola musste nicht wie Sad Rosen verkaufen, sondern hat sich künstlerisch wieder angedockt: Engagements als Tänzer bei verschiedenen Bühnen in ganz Deutschland, dann beim Stadttheater Freiburg. 1993 gründete er die Freiburger Kleine Bühne, ein freies Experimental- und Performance-Theater, das dieses Jahr seinen 20. Geburtstag feiert. Rund dreißig Stücke hat er inszeniert, die wenigsten leichtgängig, denn „unterhalten ist mir zu wenig“.

2001 gabs dafür Sonderförderung der Stadt Freiburg, 2002 wurde die Produktion „Barfuß Nackt Herz in der Hand“ von Ali Jalaly mit Mola als Schauspieler beim Stuttgarter Theaterpreis ausgezeichnet. Und als Nächstes? Filme machen! „Ich fang immer wieder neu an – das ist spannend!“ Sagt er und hat auch schon die Jacke an.

Info:

Freiburger Kleine Bühne (FKB)
Die nächsten Aufführungen:

„Dreck“ nach Robert Schneider –
Premiere am 18.April,
auch am 19. und 20. April und am 9. & 10. Mai, jeweils um 20.30 Uhr Kammertheater, E- Werk, Eschholzstraße 77
Auch als Schulvorführung buchbar
www.freiburgerkleinebühne.de

Text: Marion Klötzer / Fotos: FKB