„Völkerwanderung“ – eine Horrorvorstellung für jeden patriotischen Abendlandfanatiker, der im Geiste schon seine Gartenzwerge zermalmt von wilden Horden sieht. Zum Glück tickt Freiburg anders, das hat nicht nur die Anti-Pegida-Demo im Januar mit rund 20.000 Teilnehmern gezeigt. Über 60.000 Menschen aus 157 Ländern leben derzeit in der Breisgau-Metropole, für das Bemühen um ein gleichberechtigtes und selbstverständliches Miteinander steht auch gleichnamiges Theaterprojekt, dessen mobiles Archiv jetzt durch Littenweiler fährt.

 

Angefangen hatte alles im Sommer 2013 mit „Wir sind Deutschland“ – einem Theaterparcours durch das Flüchtlingswohnheim in der Hammerschmiedstraße. Die Resonanz war überwältigend, beim Premierenfest saßen Bewohner und Gäste bunt gemischt an festlicher Tafel unter freiem Himmel. Kunst als Vermittler und Grenzenüberwinder – hier funktionierte es ganz unverkrampft. „Freiburg hat keine Berührungsängste“, so die Erfahrung von Projektleiterin Margarethe Mehring-Fuchs vom Verein Element 3, die in Kooperation mit dem Theater Freiburg und dem Theaterkollektiv Turbo Pascal schon mitten in der Folgeproduktion „Völkerwanderung“ steckt. Ihr Ziel: Migration aus unterschiedlichen Blickwinkeln sichtbar und erlebbar machen.

 

Dazu wird nach der Methode der „Oral history“ eine Art neue Stadtgeschichte von Littenweiler geschrieben. Die Kontaktaufnahme zu den „Datenträgern“ läuft, schon gab es Treffen in den Seniorenheimen Laubenhof und Kreuzsteinäcker, mit den Kirchengemeinden Heilige Dreifaltigkeit und St. Barbara, der Römerhofschule, in der Hammerschmiedstraße und mit dem internationalen Sprachkolleg der Thomas-Morus-Burse.

 

Denn Migration ist so alt wie die Menschheit, ihre Spuren fehlen in keiner Familie: Die einen kommen für Job, Ausbildung oder Liebe, die anderen flüchten oder wurden vertrieben. In punkto Arbeitsmarkt ist Deutschland fraglos auf Einwanderung angewiesen, aber wie kann das soziale und kulturelle Potenzial von Migration vermittelt werden? Politik und viele Medien hinken der Realität mächtig hinterher, problematisieren, statt aufzuklären. Ein gefundenes Fressen für Rechtspopulisten …

 

„Völkerwanderung“ will den Blick erweitern. Dazu macht sich das vom Innovationsfonds Kunst des Landes Baden-Württemberg mit rund 42.000 Euro geförderte Projekt auf Spurensuche: Ab Mitte März kreuzt der als Aufnahmestation umgebaute Theaterwagen drei Wochen lang durchs Quartier und sammelt persönliche Migrationsgeschichten. In Phase 2 wird dieses Material anonymisiert und zu zehnminütigen Fragmenten verdichtet, dann folgt die szenische Verarbeitung. Ab Anfang Mai kann das Publikum dann auf Theater-Expeditionen rund ums Flüchtlingswohnheim durch die Zeiten wandern. „Wir planen eine ganze Reihe von Aufführungsstationen mit Tableau Vivants: Die Projektteilnehmer stellen lebendige, vielstimmige Standbilder in Kostümen, das Publikum hat die Möglichkeit, sich einzuklinken und ganz unterschiedliche Erfahrungen vom Weggehen und Ankommen zu hören“, verrät Dramaturg Veit Merkle. Dazu gibt es viel Musik: Ro Kuijpers und das Heim- und Fluchtorchester sind dabei, aber auch der Musikverein Littenweiler und das Dreisamchörle. Spielerisch und spannend soll es werden, auch wenn diese Völkerwanderung nicht unbedingt mit der ersten Keltensiedlung 452 beginnt. Oder doch?

 

Text: Marion Klötzer / Foto: Matthias Kolodziej

 

 


Info:

 

Erstes Showing von Völkerwanderung: Am 26., 27. und 28. 3., je 18 Uhr, Theatervorplatz und Steinfoyer im Rahmen von „Wer entscheidet, wer hier leben darf?“, einem Themenwochenende zu Migration, Bleiberecht, Interkultur und Identität. Programm unter www.theater.freiburg.de
Das Team der Völkerwanderung freut sich über Menschen, die aus ihrer Geschichte erzählen wollen.
Kontakt: ma.mehring-fuchs@gmx.de, Tel.: 0761 / 6966755