Schon oft wurden Litfaßsäulen totgesagt, weil sie mit riesigen Plakatwänden und blinkender Internet-Werbung nicht mithalten könnten. Doch Totplakatierte leben länger: Während andere Sparten schrumpfen, nimmt der Umsatz mit den Betonpfosten wieder zu. In Freiburg halten Kulturfreunde den mehr als 260 Säulen die Stange.

Litfaßsäule am Schwabentor.
Wer hätte das gedacht: Es gibt in Freiburg noch Säulen, die geliebt werden. Gemeint ist nicht etwa die Säule der Toleranz, an deren zerschrammter Außenhaut ganz andere Gefühle zum Ausdruck kommen. Vielmehr geht es um ein über 150 Jahre altes Kulturgut, das allen Widrigkeiten zum Trotz noch immer an jeder Straßenecke zu sehen ist: die gute alte Litfaßsäule!

Ganzstelle, Ganzsäule, Anschlagsäule – es gibt viele Namen, die den 1854 erstmals aufgestellten Betonpfosten beschreiben. Nach langen Verhandlungen durfte der Drucker Ernst Litfaß seine Erfindung in Berlin testen. Ganz ungelegen kam der Polizei die „Annonciersäule“ nicht, denn schon damals griff die Wildplakatierung um sich. Das Geschäftsmodell ging auf, die Kasse klingelte – bis heute. Konkurrenz durch riesige City-Light-Boards? Unerheblich! Schrill blinkende Werbung im Internet? Längst nicht so effektiv wie die Ganzstelle. „Sie ist eine gelernte Informationsquelle, insbesondere für kulturaffine Menschen“, schwärmt Frauke Bank von der Wall AG. Die Werbefirma betreibt über 240 Säulen in Freiburg.

Litfaßsäule an der Engelbergerstraße.
Die Zahl ist in Freiburg seit Jahren konstant, obwohl die Litfaßsäule schon oft totgesagt wurde. Altmodisch und nicht mehr zeitgemäß sei sie, argwöhnten Kritiker. Doch die Statistik spricht eine andere Sprache. Zwar gibt es laut Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft „nur“ 14.844 Säulen in Deutschland (zum Vergleich: 154.000 Großflächen-Plakate). Doch ihr Nettoumsatz stieg von 2010 bis 2011 um 8,1 Prozent an – mehr als bei den meisten anderen Werbeformen. „Litfaßsäulen haben den Vorteil, dass sie mitten im Wohngebiet liegen“, sagt Christoph Weppler, Plakat-Beauftragter bei der Werbefirma Schiffmann in Freiburg. „Ich persönlich schätze diesen Werbeträger sehr, er ist das i-Tüpfelchen unseres Portfolios.“ Schiffmann verwaltet rund 20 Ganzsäulen auf privaten Grundstücken.
Die Litfaßsäule versteht sich besonders als Anwalt der Kulturfreunde – nicht nur symbolisch, sondern auch finanziell. Der Vertrag zwischen der Stadt und der Wall AG, die das hiesige Großwerbenetz betreibt, sieht kostenlose Litfaß-Werbung für alle nicht-kommerziellen städtischen Kulturveranstaltungen vor. Die Drucksache G-04/238 des Gemeinderates führt die exakten Vergünstigungen auf: So ist „Werbung im Format Din-A1 (…) bis zu max. 20 Prozent des allgemeinen Anschlagnetzes kostenlos anzuschlagen.“

Litfaßsäule an der Kreuzstraße
Museen und Theater, aber auch Literaturgespräche, Ausstellungen und andere Non-Profit-Veranstaltungen können sich auf der Litfaßsäule austoben. „Wir lassen unsere Plakate dafür extra in Sondergröße drucken“, sagt Udo Eichmeier, stellvertretender Kulturamtsleiter in Freiburg. Für ihn gehören Litfaßsäulen einfach dazu: „Ein Plakat ist etwas Schönes, es hat Tradition. Doch erst durch die Litfaßsäule kommt es richtig zur Geltung.“ Wenn das keine Liebeserklärung ist.

Kleine Litfaß-Kunde:

Allgemeinstelle: Eine Litfaßsäule, an der mehrere Plakate kleben.
Ganzstelle: So nennt man eine Litfaßsäule, wenn sie von nur einem Kunden gebucht und damit komplett belegt wird.
Großwerbenetz: Plakatwände, Litfaßsäulen und andere markante Werbeträger. Der Gemeinderat kürt den Betreiber per Ausschreibung – bis 31.12.2014 ist es die Wall AG.
Kleinwerbenetz: Kleinere Plakate, zum Beispiel an Zäunen und Straßenrändern. Zuständig hierfür ist das Amt für öffentliche Ordnung.
Drittes Werbenetz: Behördlicher Codename fürs Wildplakatieren.

Text & Fotos: Steve Przybilla