Auch in Freiburg macht der Ton die Musik. Zwar ist die Breisgau-Metropole nicht gerade der Nabel der Musikwelt, aber auf keinen Fall auch nur der Appendix. Denn es gibt eine sehr lebhafte Szene, von Jazz über Blues, HipHop, Reggae, Ska, Funk, Rock bis zu Indie ist alles vertreten. Wo es Bands und Musiker gibt, braucht es auch das entsprechende Fachpersonal für den guten Ton – trotz Homerecording am PC und Youtube-Selfmade-Musikvideos. Und auch das gibt es. Nicht jede lokale Band kann gleich in den legendären Abbey-Road-Studios in London aufnehmen oder sich nach Berlin oder New York auf den Weg machen, um dort den eigenen Sound veredeln zu lassen. Zwar gibt es in Villingen das legendäre MPS-Studio (heute HGBS), aber auch Freiburg bietet gute Adressen, die auch von überregionaler Kundschaft rege angesteuert werden.

In der östlichen Haslacher Straße befindet sich schon seit zehn Jahren Markus Heinzels Liquid Studio.

 

Von Knarf Rellöm und Roy Black

Der Trip beginnt im kreativen Teil Haslachs, der östlichen Haslacher Straße. Dort, zwischen Villa Freiburg und Schmitz Katze, wo der „Verein für notwendige kulturelle Maßnahmen“ seine Heimstatt im Slow Club hat, befindet sich schon seit zehn Jahren Markus Heinzels Liquid Studio. Als Vermieter des Slow Clubs hat er hier ein ideales Refugium gefunden, um mit Bands zu arbeiten, die auch schon mal im angeschlossenen Club auf der Bühne stehen und deren Livesound er sich dann auch dort annimmt.

Seine langjährige Erfahrung als Kontra- und E-Bassist bei deutschland- und europaweiten Touren mit Bands wie dem Liquid Laughter Lounge Quartet (jetzt BAR) oder bei Levy Shoemaker sowie als exzellenter Livemischer, gerade auch bei den Konzerten im Slow Club oder im Jazzhaus, macht ihn in der Szene zu einem gefragten Mann an den Reglern.

Bei Heinzel nahmen schon Bands wie die Aeronauten, Knarf Rellöm oder – ganz aktuell – Bernadette la Hengst und Nicolas Sturm Tonträger auf. Viele lokale Freiburger Musikgrößen wie Achtung Rakete oder Kids Explode vertrauen ebenso seinem Geschick. Alles irgendwie Gitarrenmusik, oft auch deutschsprachig und Indie, so lässt sich sein Betätigungsfeld umschreiben. Aber auch spezielle Aufträge wie die Restaurierung alter Tonbänder von, ja, man höre und staune, Roy Black (die frühen Beataufnahmen) sind bei ihm in guten Händen. Regelmäßig kommen auch Schweizer Bands, die die guten und für sie günstigen Konditionen zu schätzen wissen.

Nicht zuletzt sind die Künstlerwohnung im Obergeschoss, wo der Slow Club und auch Heinzel die auswärtigen Gäste einquartieren können, sowie der große Veranstaltungsraum, der sich zu Aufnahmezwecken bestens eignet, ein dickes Plus. Der diplomierte Sozialarbeiter Heinzel, gebürtig in Alpirsbach und seit Anfang der 90er in Freiburgs Musikszene unterwegs, ist darüber hinaus auch noch als Medienpädagoge tätig – ein vielseitiger Mann.

Die Tempelstudios: das Reich von Oliver Noack und Frank Schmidt.

 

Mit Robin Dutt in die Gesangskabine gezwängt

Weiter geht’s auf der „Tour de Ton“ in den Osten der Stadt, nach Ebnet, wo die Templestudios am Rande des herrschaftlichen Schlossparks auf dem Grund der einstigen Orangerie seit 15 Jahren residieren. Hier ist das Reich der beiden gebürtigen Freiburger Oliver Noack und Frank Schmidt, die beide zufälligerweise ums Eck in Stegen ihr Musik-Abi machten. Schmidt ist gelernter Toningenieur, Noack Veranstaltungstechnikmeister. Mittlerweile bilden sie sogar Nachwuchskräfte aus. In den Räumen findet sich neben umfangreichem digitalem Aufnahme-Equipment sogar ein Yamahaflügel, der sich nicht zuletzt bei den Professoren der Musikhochschule großer Beliebtheit erfreut. An der Wand hängt gar eine Goldene Schallplatte, bei der die Jungs vom Templestudio ihre Finger im Spiel hatten – eine super Referenz. Um welche Band es sich handelt? Auflösung folgt! Die Bandbreite der Produktionen ist enorm, geht von Jazz über Rock bis Klassik, auch mit volkstümlicher Musik haben sie keine Berührungsängste. Sprecher für Filmdokus nutzen die Kompetenz des Templestudios ebenso wie die Pädagogische Hochschule für eine Kinderliederproduktion.

Aktuell arbeitet das Duo am neuen Album des Jazzchors Freiburg und einer Produktion des Helmut-Lörscher-Jazz-Trios. Auch Tok Tok Tok haben schon mehrfach in Ebnet produziert. Schmidt ist selbst noch als Trompeter bei den Redhouse Hot Six aktiv, früher stand er bei B.B. Bernhard mit auf der Bühne. Mit dem SC Freiburg, dessen Heimstätte ja nur einen guten Abschlag weit von den Templestudios entfernt liegt, sind sie in besonderer Weise verbunden: Der aktuelle Stadionsong von Fishermans Fall, „SC Freiburg vor“, wurde in ihrem Studio produziert – die ganze Mannschaft, damals noch mit Robin Dutt als Trainer, hatte sich für die Aufnahmen in die für solche Zwecke doch etwas enge Gesangskabine gezwängt. Die vorherige Sportclub-Hymne „SC Freiburg – für uns immer vorn“ wurde übrigens von Oliver Noack höchstpersönlich komponiert.

Abbey Road in Hochdorf

Nun geht es nach Norden, nach Hochdorf ins dortige Gewerbegebiet, wo Ingo Rau mit seiner Amps Factory seit nunmehr 20 Jahren seinen Standort hat. Rau, ein drahtiger Mittvierziger, der aus der Regio kommt, ist Tonregisseur, zwei festangestellte Medieningenieure unterstützen ihn, denn der Betrieb läuft quasi an sieben Tagen rund um die Uhr. Rau selbst ist mittlerweile weltweit unterwegs, arbeitet in Studios in New York genauso wie in Berlin oder Norwegen.

Die Amps Factory ist bestens bestückt, ein riesiger Instrumentenpool steht für die Musiker bereit, und so mancher wird sicher feuchte Augen bekommen beim Anblick solcher Preziosen wie dem Wurlitzer-Piano, diversen kultigen Röhrenverstärkern und sogar einem Originalinstrument aus den legendären Abbey Road Studios, auf das vermutlich einer der Pilzköpfe schon seine Hände gelegt hat.

Überhaupt ist das Studio bestens digital und analog (für Connaisseure: Studer Bandmaschine) ausgerüstet, eine neue High-End-Mastering-Suite entsteht gerade und genügt dann auch allerhöchsten Ansprüchen. Aktuell arbeiten sie hier an einer Live-DVD von Cécile Verny. Andere Künstler, die sich hier schon die Klinke in die Hand gaben, sind etwa Bernhard Allison, Friedemann oder die Boogie Connection. Auch für Acts von der Kostümgröße Nelly Furtado sind in der Amps Factory schon die Regler bewegt worden – man unterhält gute Kontakte zu großen Major Labels, produziert aber auch für Schulbuchverlage – sogar in verschiedenen Fremdsprachen.

Lokale Bands sind aber weiterhin gerne gesehen, und Ingo Rau möchte durch eine dehnbare Preispolitik auch die Musikszene vor Ort unterstützen. Das sei ihm ein wichtiges Anliegen.

Ein besonderes Schmankerl ist der Aufenthaltsraum für die Bands: Hier kann man es sich in ausgedienten Flugzeugsitzen bequem machen, und nach erfolgreicher Arbeit darf sich auch mal eine der bereitliegenden Zigarren angezündet werden.

In der March betreibt Christoph Brandes die Iguana-Studios.

 

Wo der Leguan zur Musik nickt

Ein Saitensprung weiter nach Norden, in der March, betreibt Christoph Brandes in dörflicher Idylle seit bereits vierzehn Jahren die Iguana-Studios. Der Namensgeber, ein mittlerweile achtzehnjähriger Leguan (wissenschaftlicher Name: Iguana Iguana), hockt stoisch hinter dickem Glas und würdigt den Studiobesucher nur eines kurzen Blickes. Er hat schon so einiges gesehen und vor allem gehört.

Als metallverarbeitenden Betrieb könnte man das Tonstudio auch bezeichnen, zählen doch in erster Linie Bands aus der Heavy- und Metal-Szene zu den Kunden. Er selbst ist im Freiburger Umland aufgewachsen und von Haus aus Schlagzeuger. An der Jazz- und Rockschule von Kilian Heitzler ausgebildet, machte er mit dem Studio irgendwann schließlich sein Hobby zum Beruf – und sich über die Jahre einen guten Namen in der Branche.

Brandes ist auf Monate ausgebucht, eben noch spielten die Trash-Metaler FreaKings aus der Schweiz dem Iguana ein Ständchen, jetzt gerade ist die Freiburger Band Crossing Lines bei ihm zu Gast, um ein Album aufzunehmen, bei dem Brandes sogar selbst die Schlagzeugparts übernimmt.

Mit sichtlicher Begeisterung spricht er über seinen Job, erzählt von Aufträgen aus Frankreich und Anfragen aus dem fernen Nepal. Beim neuen Album der mittlerweile überregional bekannten Pagan-Metal-Band Finsterforst ist Brandes ebenso feder-, respektive reglerführend, wie er sich auch in der Vergangenheit bereits für Aufnahmen von Genreklassikern wie Necrophagist (schmackhaftester Death Metal) verantwortlich zeichnete.

Erfahrungen in anderen Bereichen, etwa bei Aufnahmen für die Schubert-Gesellschaft im Historischen Kaufhaus, kommen ihm bei der jetzigen Schwerstarbeit auf jeden Fall zugute. Müßig zu erwähnen, dass Brandes sein Studio-Equipment vor niemandem verstecken muss: eine exquisite analoge Frontline wird von bester digitaler Aufnahmetechnik ergänzt. Sogar das Hohelied auf Baden, unser aller Badner-Lied, wurde in seinem Studio schon neuinterpretiert und auf gut metal-badisch vertont. Baden-Metal, ein Zusammenschluss Badischer Metalfreunde, hatte dies initiiert und Christoph Brandes saß am Mischpult, als die nord- und auch südbadische Metalelite „Drum grüß ich dich mein Badner Land“ in die Mikros growlte. Wär das mal was fürs Stadion? Iguana Iguana nickt zustimmend.

Philipp Rauenbusch in seinem Sportstudio.

 

Kreative Oase

Die audiophile Rundreise endet am Rande der Innenstadt, wo sich der Kreis irgendwie schließt. Beste Hinterhoflage in der Wiehre, ein Alleinstellungsmerkmal dieses Studios, des Sportstudios.

Hier hat sich Philipp Rauenbusch niedergelassen, der Mann also, der bis zu deren Split Ende 2010 bei Freiburgs wohl bekanntestem Musikexportschlager Reamonn den Bass zupfte. Der gebürtige Müllheimer kredenzt in seinem lofttartigen Studio hervorragenden Kaffee. Auch Rauenbusch ist vielbeschäftigt, agiert etwa als Mitbetreiber einer Bar in Berlin oder ist mit neuen Projekten wie der Reamonn-Nachfolgecombo Stereolove oder der HipHop-Truppe Otto Normal unterwegs. Er hat sich eine kreative Oase geschaffen, in der es sich prima leben und arbeiten lässt.

Hauptsächlich werden in seinem Sportstudio (der Name rührt von seiner früheren Leidenschaft für Trainingsjacken und dem dann von ihm in limitierter Auflage entworfenen Sportbass) Bands und Projekte von ihm produziert und aufgenommen – das Mastering hingegen ist nicht unbedingt sein Ding.

Ach so, die Goldene Schallplatte, die in Ebnet im Templestudio hängt, ist natürlich, klar, von Reamonn. Die Tempeljungs waren seinerzeit an der Vorproduktion beteiligt, Rauenbusch weiß nur Gutes über seine Kollegen im Osten zu sagen. Man kennt sich in der Szene, und so entstehen weitere Kontakte, kommen Aufträge zustande.

Äl Jawala, die Blue Babies, Otto Normal oder Fat Cat, um nur einige, mittlerweile auch über Freiburg hinaus bekannte Acts zu nennen, nutzen oder nutzten schon das bestens ausgestattete Studio (der Mikrophonpool sucht wohl seinesgleichen und beinhaltet auch Raritäten wie den Nachbau eines RCA-Bändchenmikros) für Tonträgeraufnahmen.

Ebenso aber werden auch solche Projekte wie „Musik macht Schule“, wo Musiker in Workshops zusammen mit Schülern und Jugendlichen, auch behinderten, Songs erarbeiten und diese dann live präsentieren, von dem studierten Bassisten aktiv unterstützt. Das Freiburger Sportstudio ist – wie das berühmte Mainzer – eine Top-Adresse.

Freiburg, du hast Töne!
Keep on rockin in a free world, Freetown!


Text: Ralf Welteroth / Fotos: fotolia.com, liquid, Tempelstudios,
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