Im exklusiven chilli-Tram-Duell tritt Freiburgs neue Straßenbahn Urbos 100 auf dem Freiburger VAG-Gelände gegen die älteste aktive Tram auf Freiburger Schienen an, die GT8K. Die blutjunge Spanierin ist technikaffin und voller Tatendrang – die deutsche Dame dafür schienenerprobt und gemütlich. Wer ist schneller? Komfortabler? Stylischer?

 

Kopf an Kopf: Der Urbos 100 (vorne) rollt ab Juli durch Freiburg. Kann er es mit der 34 Jahre alten GT8K aufnehmen? Das chilli macht den Härtetest.

Kopf an Kopf: der neue Urbos 100 (vorne) gegen die 34 Jahre alten GT8K

 

 

Die ersten Proberunden hat der spanische Urbos schon gedreht. Ab dem 16. Juli ist Freiburgs neue Straßenbahn offiziell auf den Schienen. Die Gleise teilt sie sich dann auch mit der GT8K. Die erfahrenste der Freiburger Trams ist satte 34 Jahre alt.

 

Der erste Blick
Frisch gewienert glänzt der Urbos in der Sonne. „Die Schönste unserer Trams“, schwärmt VAG-Betriebsleiter Johannes Waibel. Große Frontscheibe, schnittiges Design, auf der weißen Schnauze ein breites Siegerlächeln. Die GT8K macht dafür aus ihrem Alter keinen Hehl. Langsam rollt sie aus der Garage. Schnittig sieht sie nicht aus, liegt aber unerschütterlich auf den Gleisen. „Optisch ist sie keine Schönheit, technisch etwas überholt. Damit kann man aber noch gut fahren“, lobt Waibel.
1:0 für den Urbos.

 

 

Fahrerhäuschen des Urbos

Modern: Das Fahrerhäuschen der Spanierin

 

Fahrerhäuschen
Nur der Tramfahrer weiß, wie die beiden Damen wirklich ticken. Er verbringt schließlich Tag und manchmal auch die Nacht mit ihnen. Die GT8K ist Old School, wie das Fahrerhäuschen zeigt. Große Lampen, kleines Display. Das Mikro für Durchsagen spricht Bände: „In der GT8K ist das ein Riesenrüssel, im Urbos nur ein kleiner Stummel“, sagt Waibel. Die hübsche Spanierin bezirzt den Fahrer dafür mit Multifunktionsdisplay inklusive Touchfunktion. Die Außenspiegel der GT8K wurden durch Kameras ersetzt (Bild: zweite Reihe von oben, rechts).
Noch ein Punkt für den Urbos.

 

 

Modern: Die Seitenspiegel wurden beim Urbos durch Kameras ersetzt

Neu: Die Seitenspiegel wurden beim Urbos durch Kameras ersetzt.

 

 

Geschwindigkeit
900 KW hat der Motor der rassigen Spanierin. „Die könnte es locker auf 85 Stundenkilometer schaffen“, sagt Waibel. „Das kann man in Freiburg aber vergessen.“ Mehr als 63 Stundenkilometer sind nicht drin. So schnell ist auch die GT8K unterwegs (600 KW) – die alte Dame könnte auf bis zu 70 Stundenkilometer beschleunigen.
Unentschieden.

 

Gewicht
Ob jung oder alt, die Hüften der beiden Damen sind jeweils 2,30 Meter breit. Die GT8K musste in 34 Jahren zwar mehrmals in Reparatur, hat aber nicht ein Gramm zugelegt. Viel Bewegung hält schlank. Punktgewinn für die deutsche Sportskanone.
Zwischenstand 3:2.

 

 

Der Innenraum des Urbos

Schick: der Innenraum des Urbos


 

Einstieg
Drei steile Stufen, enge Tür. Wer in den Bauch der GT8K will, muss beweglich sein. Bei viel Betrieb geht beim Einstieg das Gequetsche los. Das geht beim komplett niederflurigen Urbos deutlich leichter: Doppeltüren, ebenerdiger Einstieg. Und die Spanierin hat ein Herz für Kinder und Ältere: Mehrere Multikomfortzonen bieten Platz für Kinderwagen, Rollstühle oder Rollatorfahrer. „An behindertengerechte Ausstattung hat früher keiner gedacht“, sagt Waibel.
Schlappe für die steile Dame.

 

Geräuschpegel
Die GT8K hat nach drei Jahrzehnten Verkehr so einiges zu erzählen. Deswegen ist sie eine wahre Plaudertasche. Sobald sie rollt, erzählen ihre ratternden Räder lautstark Anekdoten. Die noch etwas schüchterne Spanierin ist durch gedämmte Wände viel zurückhaltender. Im Innenraum hört man sie kaum noch quasseln.
Punkt für die geheimnisvolle Spanierin.

 

 

Old School: Heizung der GT8K

Old School: Heizung der GT8K

 

 

Sitze
Die alte Dame setzt auf Retrocharme: weinrote Plastikschalen an hellbraunen Wänden. „Die Sitze sind sehr einfach gestrickt“, sagt Waibel. „Wie man das früher so gemacht hat.“ Darunter hängen in regelmäßigen Abständen graue „Heizmonster“ (Bild: dritte Reihe von oben). Wer daneben steht, hat qualmende Füße – wer weiter weg ist, kriegt kalte Zehen. Im Schoß der Spanierin sitzt es sich deutlich gemütlicher: ergonomisch geformte Sitzschalen mit rot-schwarzen Polstern. Dabei wird man über die Bildschirme im Innenraum berieselt. Eine Klimaanlage regelt Temperatur und Luftfeuchtigkeit.
Punkt für die Neufreiburgerin.

 

Fazit
Trotz eklatanter Unterschiede haben die beiden Ladys viele Ähnlichkeiten: „Jeder Fahrer muss ja alle Modelle fahren können“, sagt Waibel. Auch die rot-weiß-schwarze Lackierung ist ähnlich. Am Ergebnis ändert das aber nichts: Die schweigsame Spanierin schlägt die deutsche Plaudertasche mit 6:2. Ob der Kantersieg auch langfristig Erstklassigkeit sichert, ist aber ungewiss. Wie sagte schon Otto Tramhagel? Die Wahrheit liegt auf den Gleisen.

 

Text & Fotos: Till Neumann