Der Kaffee wird kredenzt, Weihnachtsgeschenke werden ausgetauscht, und Ulrich von Kirchbach wirkt trotz nicht immer positiver Nachrichtenlage aufgeräumt. Seit elf Jahren agiert der sozialdemokratische Kultur- und Sozialbürgermeister nun in der zweiten Etage des Freiburger Rathauses. In der Hand hält er einen Wandkalender für 2014, für den Freiburger Flüchtlingskinder die Motive gemalt haben und der jetzt den Redaktionsflur schmückt. Der 57-Jährige bekommt im Gegenzug einen neuen Film über Bob Marley. Und spricht hernach mit Lars Bargmann und Tanja Bruckert über das Migrationszeitalter und 50 Millionen Euro, über Erfolge und Ärgernisse, über großes Theater und kleine Kunst.

 

chilli: Im November berichtete das chilli in der Titelgeschichte über das schwere Schicksal einer syrischen Flüchtlingsfamilie und zeigte auf, dass auch Freiburg ein massives Problem mit dem großen Andrang der Flüchtlinge hat. Wie sehr beschäftigt Sie die aktuell unbefriedigende Lage?

 

von Kirchbach: Sehr intensiv. Wir müssen sehr schnell zusätzliche Kapazitäten schaffen, aber auch bestehende sichern. Mitte Dezember können wir an der Mooswaldallee ein neues Heim mit 75 Plätzen eröffnen, im Schlangenweg haben wir bald 65 neue Plätze, und wir hoffen, dass wir an der Wiesentalstraße noch was bauen können. Da müssen wir aber zuerst einen Anwohnerkonflikt lösen. Die Unterbringungsaufgabe wird in den nächsten Jahren auch weitere finanzielle Ressourcen binden. Im Dezember kriegen wir 60 neue Flüchtlinge, im Januar und Februar je 50. Denen müssen wir vernünftige Lebensbedingungen bieten.

 

Ulrich von Kirchbach: "Man hat sich in die Tasche gelogen". Bild: Tanja Bruckert.

“Man hat sich in die Tasche gelogen”. Bild: Tanja Bruckert.

 

chilli: Inwiefern werden die Kommunen bei der Finanzierung alleingelassen?

von Kirchbach: Wir kriegen vom Land pro Bewerber pauschal 12.000 Euro, aber nur als Einmalzahlung. Für ein Jahr würde das vielleicht knapp ausreichen

 

chilli: … aber die Flüchtlinge bleiben meistens länger …

von Kirchbach: Von momentan insgesamt 900 sind 600 schon länger als ein Jahr hier.

 

chilli: Eine Sache für den Städtetag, der vom Land mehr Hilfen einfordern muss?

von Kirchbach: Ja. Wir haben ab 2016 auch noch die Erhöhung der Quadratmeterzahl pro Flüchtling von 4,5 auf 7 zu verdauen, was ich im Kern gutheiße, und man kann schon sagen, dass das Land hier das Konnexitätsprinzip (wenn ein Land den Kommunen Aufgaben überträgt, muss das Land für Ausgleiche sorgen, d. Red.) noch nicht richtig ausfüllt.

 

chilli: Glauben Sie, dass der große Zustrom eine momentane Erscheinung ist oder wird sich das fortsetzen?

von Kirchbach: Wir sind nach dem Industrialisierungszeitalter und dem Dienstleistungszeitalter nun im Migrationszeitalter. Man hat sich in die Tasche gelogen, als man meinte, man könnte die Migrationsbewegung durch rechtliche Regelungen gegen Null bringen. Die Zahlen werden in der nächsten Zeit eher steigen als fallen. Das ist eine große Herausforderung.

 

chilli: Die Flüchtlingsversorgung wird also eine Baustelle bleiben, wie sieht es auf der 50-Millionen-Euro-Baustelle Augustinermuseum aus?

von Kirchbach: Der zweite Bauabschnitt wird Ende 2015 abgeschlossen sein. Neu ist, dass wir jetzt dank der Steuermehreinnahmen direkt schon in die Planung des dritten Bauabschnitts, also des Klausurgebäudes, gehen. Denn wir wollen Anfang 2016 nahtlos weitermachen und die Kräne gleich stehen lassen. Das spart Geld und hat den Vorteil, dass zum 900-jährigen Stadtjubiläum 2020 das Augustinermuseum in seiner Ganzheit in neuem Glanz erstrahlen wird.

 

chilli: Rechtfertigen die Besucherzahlen solche Ausgaben?

von Kirchbach: Auf jeden Fall. Wir rechnen wie im Vorjahr auch in diesem mit rund 90.000 Besuchern. Bis heute (31.10., d. Red.) haben wir 68.000. Aber die Ausstellung Baustelle Gotik wird sicher ein großer Besucherrenner werden.

 

Spitzentechnologie des 15. Jhs.: Markantes in der Ausstellung Baustelle Gotik. Bild: Bibliothéque Municipale Colmar (Ausschnitt aus Hans Schilling de Haguenau, Weltchronik).

Spitzentechnologie des 15. Jhs.: Markantes in der Ausstellung Baustelle Gotik. Bild: Bibliothéque Municipale Colmar (Ausschnitt aus Hans Schilling de Haguenau, Weltchronik).

 

 

chilli: Wir haben im Februar exklusiv über den provokanten Neubauplan des Museums für Neue Kunst am oder auf dem Augustiner-Spielplatz berichtet. Was ist daraus geworden?

von Kirchbach: Das war die Provokation eines Künstlers. Man muss aber aufpassen, dass man nicht zu viele Schritte auf einmal macht. Erst müssen wir jetzt im Augustiner den dritten Bauabschnitt durchfinanzieren. Danach können wir überlegen, wie es im Museum für Neue Kunst weitergeht. Ob wir erweitern können oder uns mit einem Neubau auseinandersetzen müssen. Immer vorbehaltlich der aktuellen Kassenlage. Das Manko in Freiburg ist ja, dass alle Museen nicht in Museumsbauten sind, sondern in alten Schulen oder Klöstern.

 

chilli: Nach den Missklängen um die besiegelte Fusion der beiden SWR-Sinfonieorchester und der Verlagerung nach Stuttgart sorgte jetzt das Gerangel um das drohende Aus für die Freiburger Außenstelle der Akademie der Künste für Kopfschütteln im Rathaus. Wie bewerten Sie das Vorgehen des Karlsruher Akademierektors Ernst Caramelle?

von Kirchbach: Das war vollkommen inakzeptabel. Wir haben aus den Medien erfahren, dass der Landesrechnungshof vermeintliche Einsparungen entdeckt hat, die gar nicht verifizierbar sind. Und dann erfahren wir auch noch über den Umweg Presse aus Karlsruhe, dass die eine Schließung des Freiburger Standorts sogar für gut erachten. Das war für mich sowohl vom Rektor als auch von den beiden hier arbeitenden Professorinnen menschlich enttäuschend. Wir haben sehr viel für die Akademie gemacht, für Freiburg wäre das ein herber Verlust als Stadt der Künste. Das ist vielleicht ein typisches Beispiel von Zentralitis. Beim SWR war es Stuttgart, jetzt kommt Karlsruhe. Da ist aber das letzte Wort noch nicht gesprochen.

 

chilli: Was stellen Sie den beiden kulturpolitischen Nackenschlägen entgegen?

von Kirchbach: Vieles. Es gab im Doppelhaushalt viele gute Entscheidungen, mehr Geld für E-Werk, Theater im Marienbad, Barockorchester, Literaturbüro, Jazzfestival, für Ensemble recherche. Im Zuschussbereich ist die Projektförderung in den vergangenen Jahren um rund  20 Prozent auf  5,5  Millionen Euro in diesem erhöht worden. Es gab zudem einen Grundsatzbeschluss für eine Produktions- und Spielstätte für freie Theater und Tanz auf dem Gelände des Kulturparks Haslach.

 

chilli: Bisher nur eine Absichtserklärung

von Kirchbach: Ja, aber das wollen wir Anfang 2014 im Gemeinderat auch mit Zahlen unterfüttern. Die Stadtbibliothek hat endlich einen neuen Bücherbus bekommen, eine neue Fassade und mehr Barrierefreiheit.

 

chilli: Der SPD-Kandidat Gernot Erler hat bei der Bundestagswahl erstmals das Rennen ums Direktmandat verloren, die Bundes-SPD ist abgewatscht worden und muss mit Schwarz koalieren. Derweil steht die Freiburger SPD vor der Gemeinderatswahl  im kommenden Mai. Wie geht es den Sozialdemokraten?

von Kirchbach: Es ist richtig, dass die SPD die große Koalition verhandelt hat, Neuwahlen wären für das Land, aber auch für die SPD nicht gut.

 

chilli: Aus der bisher letzten großen Koalition ist die SPD nicht als Sieger gekommen…

von Kirchbach: … aus der ersten aber ging Willi Brandt als Kanzler hervor.  Das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen liegt auf dem Tisch. Jetzt haben die Mitglieder das Sagen. Die Freiburger Fraktion hat gut und solide gearbeitet, mit Julien Bender einen neuen, jungen Kreisvorsitzenden, die Chemie zwischen Erler im Bund und Gabi Rolland funktioniert gut, und es wird eine gute Liste für die Kommunalwahl geben, die am 11. Januar präsentiert wird.

 

Zwischen Nackenschlägen und großen Aufgaben: Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach. Bild: Tanja Bruckert.

Zwischen Nackenschlägen und großen Aufgaben: Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach. Bild: Tanja Bruckert.

 

 

chilli: Was bringt 2014 kulturpolitisch?

von Kirchbach: Als erste kleinere Großstadt dürfen wir das 9. Festival „Politik im freien Theater“ ausrichten. Das Motto ist „Freiheit, die ich meine“. Dafür bekommen wir 600.000 Euro von der Bundeszentrale für politische Bildung und 50.000 von der Landesstiftung. Wir waren ja in diesem Jahr mit Delegationen in Moskau und in Isfahan, da gibt es sicher einiges, was hier inhaltlich gemacht werden kann.

 

chilli: Erhoffen Sie sich vom Festival eine nachhaltige Wirkung?

von Kirchbach: Das wird sicher neue Impulse bringen, an denen man weiter arbeiten kann. Zudem haben wir ja die Neukonzeption des Tanzfestivals als Festival der darstellenden Künste, wofür wir eine Erhöhung um 65.000 Euro auf 130.000 Euro bekommen haben. Das wird erstmals im Mai über die Bühne gehen und dann alle zwei Jahre stattfinden. Und wir haben im Oktober auch noch die Kleintheatertage Baden-Württemberg, die vom Wallgraben-Theater initiiert sind. Schließlich, neben den großen Sanierungen im Theater Freiburg und im Augustinermuseum, benennen wir das Naturmuseum noch in Museum Natur & Mensch um, damit die Ethnologie nicht in Vergessenheit gerät, und eröffnen dort 2014 die beiden neuen Schauräume mit Wiese und Fluss.

 

chilli: Um einen neuen Namen ging es auch bei der Umwandlung des Vereins VABE in eine städtische Gesellschaft …

von Kirchbach: Wir haben endlich ein kommunales Beschäftigungsprogramm, das mit 400.000 Euro ausgestattet ist. Richtig ist, dass wir das erst FBQ nennen wollten, Freiburger Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft

 

chilli: … und dann hat einer „na denn mal Prost“ gesagt?

von Kirchbach (lacht): Ja, FBQ steht ja für Freiburger Bierquelle. Jetzt heißt die Gesellschaft eben FQB.

 

chilli: Herr von Kirchbach, vielen Dank für dieses Gespräch und viel Vergnügen mit dem Freiburger Quellbier.

 

 

Text: Lars Bargmann, Tanja Bruckert / Bild 1: Tanja Bruckert / Bild 2: Bibliothéque Municipale Colmar (Ausschnitt aus Hans Schilling de Haguenau, Weltchronik)

 

 

Die von Kirchbach-Weihnachtsinterviews:

–       2011

–       2012