Ein seltenes Bild: Mitte Mai protestierten Universitäten und Studierende auf dem Platz der Alten Synagoge Schulter an Schulter. Unter dem Motto „Unis in Not“ gab es bundesweit parallel ähnliche Aktionen zu beobachten. Der Grund: Seit 1998 hatten Bund und Länder die Gelder, die ihre höchsten Bildungsanstalten für Forschung und Lehre erhalten, nicht mehr erhöht. Geregelt war dies über den sogenannten Solidarpakt. Fest steht, Länder und Unis werden in Sachen Geldbeschaffung neue Wege gehen müssen. Wie diese aussehen könnten, dazu haben der Freiburger Rektor Hans-Jochen Schiewer und die Landesministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst Theresia Bauer Stellung bezogen.

Das gespiegelte Gestern im Morgen: Das alte KG 1 der Uni im Widerschein der neuen Universitätsbibliothek.

 

Die Ausgangslage
Der fehlende Inflationsausgleich und nach oben kletternde Energiekosten bescherten der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität seit 1998 alleine im Betriebs- und Energiebereich ein Defizit von 52 Millionen Euro. In fünf Jahren läuft der Solidarpakt II aus, bis dahin wäre diese Summe nach Uni-Angaben auf 90 Millionen Euro angestiegen. Dabei drücken Faktoren wie steigende Studierendenzahlen und der Wegfall der Studiengebühren weiter auf den ohnehin schon arg belasteten Geldbeutel der Hochschulen – nicht nur in Freiburg.

Aufgrund der Inflation seien die seit 1998 im immer gleichen Maß bereitgestellten Mittel für Lehre und Forschung 25 Prozent weniger Wert – und das bei 40 Prozent mehr eingeschriebenen Studierenden. Anhand der Zahlen wird deutlich: So kann es kaum weitergehen. Oder wie die Freiburger Uni sich in einer Pressemitteilung ausdrückte: „Weiter sparen heißt schließen.“

In Stuttgart zeigt man sich für die Bildungsanstalten sehr verständnisvoll, wie Ministerin Theresia Bauer betont: „Die Universitäten und Hochschulen klagen zu Recht, dass die Schere zwischen der Grundausstattung und den Studierendenzahlen seit Jahren auseinanderläuft.“

Studiengebühren
Einen ersten Versuch, den steigenden Studentenzahlen finanziell entgegenzuwirken, unternahm das Land im Jahr 2007 mit der Einführung der Studiengebühren. „Das hat dazu beigetragen, dass ein derart rasantes Wachstum für die Universitäten überhaupt zu bewältigen war“, sagt Schiewer. Dass dieser Weg aber nicht der richtige war, entschied 2012 die neu gewählte grün-rote Landesregierung, der auch Bauer angehört. „Studieren soll nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen“, untermauert die Ministerin noch einmal diesen Entschluss. Um den Unis in dieser Hinsicht nicht auch noch in die ohnehin offenbar leeren Taschen zu greifen, hat das Land bislang die entfallenden Einnahmen in vollem Umfang aus Steuermitteln erstattet. Aber auch Schiewer glaubt, dass es sich dabei „um eine Übergangslösung“ handelt.

„Studieren soll nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen“: Theresia Bauer.

 

Drittmittel
Die Universitäten des Landes haben im Jahr 2012 rund eine Milliarde Euro an Drittmitteln erworben. In 2013 hat die Freiburger Universität gemeinsam mit der Uniklinik 165 Millionen Euro Drittmittel eingenommen, 329 Millionen Euro – und damit etwa das Doppelte – kamen vom Land hinzu. „Dieses Verhältnis sollte sich nicht weiter verschieben“, findet Schiewer, der es begrüßt, wenn der Wettbewerb um Drittmittel dazu beitrage, Forscherinnen und Forscher zu Höchstleistungen anzuspornen: „Aber man sollte den Bogen nicht überspannen.“

Auch Bauer findet, dass diese Einnahmen allenfalls ergänzend zur Grundfinanzierung bestehen sollten. Die Meinung, dass bei erhöhter Drittmittelakquisition die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre in Gefahr geriete, teilt sie indes nicht: „Die weitaus größten Drittmittelgeber sind nach wie vor der Bund, die Länder und die EU. Zudem haben wir mit dem neuen Landeshochschulgesetz mehr Transparenz hergestellt, was mit welchen Mitteln Dritter an der Hochschule geforscht wird.“ Und auch Schiewer betont: „Es muss einer Universität stets um den Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis gehen, nicht um die Maximierung von Gewinnen.“

Werbung und Sponsoring
„Sponsoring und Werbung findet bei uns nur in Grenzen statt“, sagt der Uni-Rektor. Zwar gibt es sowohl in der Uni als auch auf dem Außengelände Flächen für Plakate, Sponsoren können Anzeigen in universitären Publikationen buchen sowie Werbebanner auf der Webseite schalten. Auch Promo-Aktionen – etwa in Form von Ständen – oder Sponsorings von Veranstaltungen wie dem Freiburger Wissenschaftsmarkt spülen immer wieder kleinere Beträge in die Kassen der Uni. Allerdings gibt es strenge Auflagen, wer sich werbend präsentieren darf: Tabakerzeugnisse, religiöse oder politische Gruppen oder auch Wettbewerber sind nur ein paar der potentiellen Geldgeber, die auf dem Index stehen.

„Man sollte den Bogen nicht  überspannen“: Hans-Jochen Schiewer.

 

Ebenfalls sehr streng ist die Uni bei der Auswahl der sogenannten Stiftungsprofessuren. „Unsere Gremien entscheiden, wer auf diese Professuren berufen wird, und die Wissenschaftler bestimmen selbst, zu welchen Themen sie forschen. An diesem Punkt machen wir keine Abstriche“, unterstreicht Schiewer.

Das Zukunftsmodell
Wie sieht also die Uni der Zukunft aus? „Es wird nicht ein Idealmodell der Universität geben, sondern eine Vielfalt unterschiedlicher Hochschuleinrichtungen mit verschiedenen Stärken und Schwerpunkten“, schaut die Bildungsministerin voraus. Auch neue Formen der Wissensvermittlung wie etwa Online-Lernen in sogenannten MOOCs (Massive Open Online Courses) sieht sie im Bereich des Möglichen. Zudem müssten Schwerpunkte auf den Bereich der Weiterbildung gelegt werden.

Schiewer hat ebenfalls eine Vision seiner Einrichtung im Jahr 2020: „Wir zählen mit unserer Forschungsleistung zu den Top 3 der Volluniversitäten in Deutschland.“ Zudem träumt er von einem „European Campus“: Gemeinsam mit anderen ober-rheinischen Universitäten will Schiewer hier „eine der stärksten Forschungsregionen in Europa“ schaffen.

Aber wer soll all das bezahlen? Eine interne Lösung sieht der Rektor kaum in greifbarer Nähe. Trotz vieler kluger Köpfe im eigenen Haus scheint es schier unmöglich, eine Lösung für ein so weltliches Problem wie Geldsorgen zu finden: „Wie wir es schaffen, im Interesse künftiger Generationen in Zukunft schuldenfrei zu wirtschaften und dabei gleichzeitig den Bereich der Hochschulbildung und -forschung weiter finanziell zu stärken – hierfür ein funktionierendes Modell zu entwickeln, würde meiner Meinung nach schon für den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften qualifizieren.“ Die Frage nach der Uni der Zukunft kann also offenbar nur das Land beantworten.

„Wir setzen darauf, dass Bund und Land gemeinsam neue Wege beschreiten, um die Grundfinanzierung der Universitäten deutlich zu verbessern“, hofft Schiewer – und Bauer verspricht genau dieses: „Mit dem Abschluss des Solidarpaktes III, den wir gerade verhandeln, wird das Land die Grundfinanzierung substantiell verbessern.“

Text:Felix Holm
Fotos: Felix Holm, Uni Freiburg, MWK-Regenscheit