Venetien ist eine der wirtschaftsstärksten Regionen Italiens – doch die Arbeitslosenzahlen steigen, junge Italiener wandern ins Ausland ab, und ein strikter Arbeitsschutz verhindert Neueinstellungen. bib-Redakteurin Tanja Bruckert ist mit einer Delegation der Handwerkskammer in Freiburgs Partnerstadt Padua gefahren und hat sich die Situation vor Ort angeschaut. Sie sah: Eine prächtige Kunststadt mit verzweifelten Jugendlichen, erfolgreichen Kleinunternehmen und einer rechtspopulistischen Partei an der Spitze.

 

Von der Uni in den Einzelhandel: Die Chemikern Silvia Bragagnolo sieht in Padua keine Zukunft mehr für sich.

Vom Prato della Valle, einem der größten öffentlichen Plätze Europas, sieht man den Baukran bereits. Einige Schritte später steht man vor dem „Antonianum“, einer alten Klosterschule. 12.000 Euro kostet hier der Quadratmeter, dafür gibt es Butlerservice und Wellness. Im wirtschaftsstarken Ventien wechseln selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Luxuswohnungen den Besitzer. Doch blieb auch das reiche Veneto von der Krise nicht verschont: Rund 20.000 Unternehmen haben seit 2008 dicht gemacht. Die Arbeitslosigkeit in der Provinz Padua ist mit 8,7 Prozent zwar noch vergleichsweise niedrig – in Italien lag sie 2014 bei 12,4 Prozent –, doch die Zahlen steigen seit Jahren kontinuierlich an. Hatte Padua 2009 rund 17.700 Arbeitslose, waren es 2013 mehr als 34.000. Zum Vergleich: Freiburg hat trotz vergleichbarer Einwohnerzahl rund 6800 Arbeitslose. Dramatisch hoch ist die Jugendarbeitslosigkeit: 2014 war mehr als jeder dritte Italiener unter 24 Jahren ohne Arbeit.

 

Die Lösung für viele junge Paduaner ist der Weg ins Ausland. 2013 wanderten rund 60.700 Italiener nach Deutschland aus, mehr als doppelt so viele wie 2012. Die meisten kommen aus Venetien oder der Lombardei nach Deutschland, rund ein Viertel hat einen Hochschulabschluss. Auch die Universitätsstadt Padua verliert viele kluge Köpfe ans Ausland. Etwa die Chemikerin Silvia Bragagnolo.

 

Das weitläufige Gebäude der Unione Provinciale Artigiani Padova (UPA), der paduanischen Handwerkskammer, hüllt sich in Nebel. Von italienischem Flair ist an diesem tristen Februartag nicht viel zu spüren, doch das Temperament Bragagnolos zeigt schnell, dass hier keine Deutsche sitzt. Mit fliegenden Händen erzählt die 23-Jährige von ihrem Studium, auf das Dutzende von Bewerbungen folgten – alle erfolglos.

 

Ihr gegenüber sitzt Riccardo Abbate, Ausbilder an der Gewerbeschule Lörrach. Er wird entscheiden, ob Bragagnolo für eine Ausbildung als Bäckerin in Südbaden geeignet ist. „The job of my life“ heißt das Ausbildungsprojekt des deutschen Arbeitsministeriums und der Arbeitsagentur, das arbeitslosen Nachwuchskräften aus dem Ausland eine Ausbildung in einem deutschen Betrieb ermöglichen soll.

 

Momentan machen acht junge Menschen aus Padua eine Ausbildung im südbadischen Handwerk, in diesem Jahr könnten noch 30 hinzukommen. So viele sind zu den Vorstellungsgesprächen erschienen. Für Bragagnolo steht fest: Selbst wenn es heute nicht klappen sollte, sie geht ins Ausland. „Ohne Arbeitserfahrung ist es in Padua unmöglich, einen Job zu finden, und ohne Job kann ich keine Arbeitserfahrung sammeln“, beschreibt die studierte Chemikerin die Situation.

 



Dass selbst in dieser wirtschaftsstarken Region gut ausgebildete Menschen keine Arbeit finden, liegt nicht zuletzt am strikten italienischen Arbeitsschutz. „Die Einstellungshürden sind viel zu hoch“, weiß der Freiburger Carlo Alberti, der seit sieben Jahren zwischen Freiburg und Padua pendelt, und verweist auf den Kündigungsschutz in Artikel 18 des italienischen Arbeiterstatuts von 1970. Eine Reform von Italiens Regierungschef Matteo Renzi, der „Job Act“, soll diesen nun so lockern, dass neu eingestellte Arbeiter in den ersten drei Jahren einfacher entlassen werden können. So will Renzi Unternehmen motivieren, endlich wieder Personal einzustellen.

 

Die in Padua und Venetien regierende rechtspopulistische Partei Lega Nord ist indes gegen die Reform. Streit gibt es auch um die Steuern. So rechnete Luca Zaia, Präsident der Region Venetien für 2014, dass die Region 71 Milliarden Euro Steuern zahle, während der Staat nur 50 Milliarden in die Region investiere. Ein Dorn im Auge der venetianischen Bevölkerung: Bei einer nicht rechtskräftigen Online-Petition im vergangenen Frühjahr stimmten 89 Prozent der Teilnehmer – laut Organisatoren 73 Prozent der Wahlberechtigten – für die Unabhängigkeit Venetiens.

 

„Viele haben das Gefühl, dass der Norden den Süden finanziert“, so Alberti. So sei es ja auch in Bayern. Und so wie Bayern in Deutschland werde Venetien Teil Italiens bleiben.

 

Gerade für die Industrie sei eine Unabhängigkeit ein No-Go. Und ohne die geht es in der Provinz Padua nicht: Sie macht mit 1453 Produktionsunternehmen 34,3 Prozent der gesamten Wirtschaft aus. Es sind vor allem kleine Betriebe, die international arbeiten und durch ihre Flexibilität von der Wirtschaftskrise nicht so schwer getroffen wurden. Eines von ihnen: Eine Druckerei, in der alle Harry-Potter-Bücher gedruckt werden.

 

Ein weiterer wichtiger Wirtschaftszweig erschließt sich beim Bummel durch die historische Altstadt von Padua sofort: der Tourismus. Die prächtigen Basilikas, die 14 Kilometer Bogengänge, die Cappella degli Scrovegni mit den Fresken von Giotto, die Denkmäler, die den Besucher an fast jeder Straßenecke erwarten, machen schnell deutlich, warum die Stadt der Künste jährlich mehr als 1,2 Millionen Touristen anzieht.

 

Text & Foto: Tanja Bruckert