Nach der Veröffentlichung ihres Buches „Vom Glück in Köln“ ist die Autorin Simone Harre in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, um den Freiburgern eine nicht ganz einfach zu beantwortende Frage zu stellen: „Sind Sie glücklich?“ Geantwortet haben ihr zwanzig Freiburger – vom Künstler über die Nonne bis hin zum Oberbürgermeister. Die Antworten stehen nun in kurzen Porträts in ihrem neuen Buch „Vom Glück in Freiburg“. cultur.zeit-Autorin Tanja Bruckert hat die 41-Jährige in ihrer Wahlheimat Köln angerufen, um herauszufinden, was das Glück ist und wer es gepachtet hat: die Freiburger oder die Kölner?

 

cultur.zeit: Auf Ihrer Suche nach dem Glück in Freiburg haben Sie ganz unterschiedliche Antworten bekommen: Vom Glück, im Einklang mit der Natur zu leben, bis hin zum Glück, für alles offen zu sein. Lassen sich die Antworten dennoch auf einen gemeinsamen Nenner bringen?
Harre: Ja, der gemeinsame Nenner ist die Authentizität. All diese Leute sind deshalb glücklich, weil sie auf ihren Bauch hören und ihr Leben nicht von äußeren Zwängen bestimmen lassen. Glück ist auch, ohne Angst vor Krisen zu leben. Ich habe das Gefühl, je unglücklicher die Menschen bereits waren, umso mehr hatten sie die Möglichkeit, zu sich zu finden und ein großes Glücksgefühl zu entwickeln.

Eine Definition von Glück fällt selbst Simone Harre schwer: „Was ist denn ein glücklicher Mensch? Jemand, der jederzeit und überall glücklich ist? Ich glaube, das kann man gar nicht sein.“

 

cultur.zeit: Nur wo Schatten ist, ist auch Licht …
Harre: Genau, ganz einfache Rechnung. Wer es sich immer nur gut gehen lassen will, wer ständig zur Wellness läuft oder nur Party im Kopf hat, verschließt die Augen vor allem anderen. Dann führt man zwar ein gechilltes Leben, das wird aber auch schnell fad. Das richtige Glück erreicht man so nicht. Das habe ich vor allem bei Älteren gespürt, die schon viel erlebt haben. Ich glaube, die Jahre zwischen 40 und 50 sind die ausschlaggebenden: Da knallt es am meisten, da finden wichtige Entscheidungen statt, und da wird eben auch am ehesten sichtbar, wie sehr jemand sein Leben selbst in die Hand nimmt und wie froh man damit werden kann.

 

cultur.zeit: Hatten Ihre Gesprächspartner keine Scheu, über diese intimen Erlebnisse zu sprechen?
Harre: Fast gar nicht. Und das, obwohl ich teilweise auch einfach Menschen auf der Straße angesprochen und ihnen erzählt habe, dass ich gerne mit ihnen über ihr Leben sprechen möchte. Die waren auf der einen Seite natürlich baff, auf der anderen haben sie sich aber auch geschmeichelt gefühlt. Die Menschen haben ein Bedürfnis, über ihr Leben zu reden, und haben mit mir von jetzt auf gleich Gespräche geführt, die sie so vielleicht nie wieder führen werden. Gespräche mit Freunden sind oft oberflächliche Plaudereien – dass man sich zwei, drei Stunden gegenübersitzt und richtig was erzählt, ist ganz, ganz selten.

 

cultur.zeit: Auf die Frage, was einen glücklich macht, hat nicht jeder sofort eine Antwort …
Harre: Nein, das ist eine richtige Überforderungsfrage. Selbst mir würde die Antwort nach all den Jahren noch schwerfallen. Ich wollte auch keine Antwort im Stil von ‚boah, ich bin so gut drauf’. Mir ging es darum, herauszufinden, welches Leben man führen muss, um sein eigenes Leben zu führen. Deshalb habe ich die Leute gefragt, wie sie aufgewachsen sind und wie ihr Leben verlaufen ist, bis zu dem Tag, an dem ich hier sitze und ihnen diese Frage stelle. Wenn man die Leute so heranführt, ist die Antwort nicht mehr schwer.

 

cultur.zeit: Ein Bild von Ihnen in Ihrem Buch zeigt Sie mit einem breiten Lächeln und vielen Lachfältchen um die Augen. Sind Sie ein sehr glücklicher Mensch?
Harre: Das hat mich jetzt noch keiner gefragt … (nachdenkliche Pause) Ich bin ein sehr melancholischer Mensch. Wenn ich im Kino sitze, bin ich die, die am lautesten lacht, ergo müsste ich eigentlich die Glücklichste sein. Dabei bin ich wohl einfach am dankbarsten, wenn ich lachen darf. Ich bin jemand, der furchtbar viel nachdenkt und fühlt.

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cultur.zeit: Haben Sie sich deshalb auf die Suche nach dem Glück gemacht?
Harre: Mit dem Wunsch nach Selbsttherapie? Nein, nicht wirklich. Am Anfang stand eine ganz andere Idee: Meine Kollegin und ich wollten die Lebensläufe von alten Menschen konservieren und sind so auf Umwegen zu dem Thema Glück gekommen. Die Gespräche haben mich aber auf jeden Fall glücklicher gemacht und mehr geerdet. Mich selbst als glücklich zu bezeichnen, finde ich ganz komisch, und so ging es auch den meisten meiner Gesprächspartner. Sie haben lieber erzählt, welche Momente sie froh gemacht haben.

 

cultur.zeit: Unterscheiden sich die Freiburger von den Kölner Porträts?
Harre: Ja. Die Freiburger sind zwar sehr mitteilsam, freundlich und herzlich, ich habe hier aber keine so extremen, spektakulären Geschichten gefunden. Die Kölner sind exzentrischer. Es war schwerer, einen Interviewpartner zu finden, obwohl Köln als so offene Stadt gilt. Wenn die Kölner aber mal erzählen, dann schonungslos, dann tischen sie unglaubliche Geschichten auf, die einem teilweise echt nahegehen. Der Freiburger ist zwar eher zu einem Gespräch bereit, dafür aber biederer, korrekter. Ich glaube, die Freiburger leben einfach nicht so krass.

 

cultur.zeit: Inwiefern?
Harre: In Freiburg hat mir jeder zweite gesagt, dass die Familie und deren Geborgenheit das wichtigste sind. Zusammen mit der Natur und dem lieben Gott spielt sie die größte Rolle für das Glück. In Köln, einer Stadt mit vielen Singles, war die Familie überhaupt kein Thema. Hier ist dafür die Sexualität ganz wichtig: Es gibt viele Schwule, 18 SM-Studios … all das spiegelt sich auch entsprechend in den Interviews wider. Ich habe hier zum Beispiel eine Domina interviewt, die mir von ihrem Glück erzählt hat.

 

Text: Tanja Bruckert / Foto: privat

 

Vom Glück in Freiburg
von Simone Harre
Verlag: Emons Verlag, 2013
Seitenzahl: 312 Seiten, TB
Preis: 12,90 Euro

 

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