Peter Ohlendorf & Thomas Kuban
über ihre Undercover-Nazi-Doku „Blut muss fließen“


Ein ganz normales Wirtshaus auf dem Land in Bayern. Skinheads laufen durch die Schankstube und verschwinden durch eine Seitentür. Im Hinterstübchen gröhlt auf einer Bühne der Sänger einer Rockgruppe rechtsextremes Gedankengut. Und nebenan sitzen Familien beim Abendessen. Eine ausgedachte Szene? Mitnichten. Sie entstammt dem Filmprojekt „Blut muss fließen“ von Regisseur Peter Ohlendorf und dem freien Journalisten Thomas Kuban*, der undercover auf den Konzerten der Rechten unterwegs war. Ohlendorf kommt am 25. Oktober zu einer Filmvorführung und anschließender Diskussion in die Katholische Akademie nach Freiburg. chilli-Redakteur Felix Holm hat im Vorfeld mit ihm und Kuban über das Projekt gesprochen.

Ein Skinhead stellt bei einem Neonazi-Konzert am 9. Dezember 2006 in Mitterding (Österreich) sein Hakenkreuz-Tattoo zur Schau.

 

 

chilli: Herr Ohlendorf, wie ist das Material für den Film entstanden?
Ohlendorf: Er arbeitet auf zwei Ebenen. Die eine ist die Undercover-Ebene von Thomas Kuban und die zweite ist meine Reise mit ihm zurück an die Drehorte. Dabei begleitet uns die Frage: Wie ist es möglich, dass mitten unter uns solche Konzerte stattfinden können? Auch Politiker wie etwa Herr Beckstein oder Herr Schäuble kommen zu Wort.

chilli: Herr Kuban, wie haben Sie sich Zugang zur Neonazi-Szene verschafft?
Kuban: Ein Kollege von mir führt ein großes Archiv über die Neonazibewegung. Der hat mich Ende der 90er mit ersten Informationen gefüttert und mich dann auf die sogenannten nationalen Info-Telefone hingewiesen. Das waren Anrufbeantworter, die mit Nachrichten besprochen waren, dort gab es unter anderem Konzerthinweise. Und als das Internet mehr an Bedeutung gewonnen hat, bot sich für mich auch die Möglichkeit, über Pseudonyme eine Vielzahl an Kontakten zu Nazis zu pflegen.

chilli: Über die Sie dann an die Infos für die im Film gezeigten Konzerte gekommen sind?
Kuban: Ja. Nur die großen internationalen Konzerte sind im Internet auffindbar. Es gibt aber auch die besonders konspirativ-organisierten Events, wo nicht einmal der Hinweis, dass an einem bestimmten Datum etwas ist, im Netz auftaucht. Die bekommt man dann tatsächlich nur über persönliche Kontakte.

chilli: Wie viele Leute kommen zu diesen Veranstaltungen?
Kuban: Das ist unterschiedlich. Bei konspirativ-organisierten Konzerten kommen schon bis zu 2000 Leute. Und bei offiziellen Sachen, die beispielsweise von der NPD organisiert werden, da sind es bis zu 7000.

Sieht nicht so aus, zeigt sich aber so: Thomas Kuban.

 

chilli: Haben Sie auf den Konzerten auch „Sieg Heil“ mitgerufen, um nicht aufzufallen?
Kuban: Nein. Straftaten habe ich prinzipiell nicht begangen. Das war auch nicht notwendig. Der Fehler, den die Nazis in der Gegenrecherche gemacht haben, war, dass die immer davon ausgegangen sind, dass der heimliche Filmer, von dem sie nach meinen ersten veröffentlichten Beiträgen wussten, jemand ist, der wie ein Fremdkörper wirkt. Es gab Hinweise in Foren, wo nach Konzerten, bei denen ich gefilmt habe, über Personen spekuliert wurde, die scheinbar nicht richtig mitgemacht oder optisch nicht reingepasst haben. Das war natürlich nicht ich. Ich habe Lieder auswendig gelernt, um mitsingen zu können und war immer mittendrin. Da taucht der Verdacht gar nicht auf, dass ich nicht zur Szene gehören könnte. Es schreien ja auch nicht immer alle „Sieg Heil“. Abgesehen von einer Situation bin ich also nicht aufgefallen.

chilli: Was war das für eine Situation?
Kuban: Das war 2006 bei einem Konzert zu Ehren des verstorbenen Blood-and-Honour-Gründers Ian Stuart Donaldson. Dort gab es nachts eine Gedenkminute, da hat wirklich jeder die Hand zum Hitlergruß gehoben. Ich selbst habe nur die Faust gehoben und dann auch überlegt, ob das jetzt nicht zu riskant ist. Aber ehe ich fertig war mit Nachdenken, war die Gedenkminute um und es ist auch so gut gegangen.

chilli: Was waren für Sie die schockierendsten Erkenntnisse während der Recherche?
Kuban: Zunächst einmal ist es schockierend zu sehen, wie viele Neonazis es gibt und mit welcher Menschenverachtung hasserfüllte Texte gegen Ausländer und Juden gegrölt werden. Wenn es etwa über Dunkelhäutige heißt, das seien Affen und: „Spült sie weg wie Scheiße“. Die Situation, die mich emotional am meisten beschäftigt hat, war in einer Berliner U-Bahnstation. Ich kam mit Nazi-Hooligans von einem Fußballspiel zurück. Ein vierjähriger schwarzer Junge stieg aus der Bahn, und sofort ist ein Bereitschaftspolizist dazwischen gesprungen. Da sagte vor mir so ein Hool: „Lasst mal den Neger-Bastard durch.“ Wenn man den Menschenhass in Verbindung mit einem kleinen Kind so erlebt, das ist einfach nur noch schockierend.

 

chilli: Welche der Undercover-Aufnahmen haben Sie besonders erschreckt?
Ohlendorf: Das geht damit los, dass es nicht nur die klassischen jungen Leute ohne Perspektive sind, die da auf den Konzerten abfeiern und Interesse für diese fürchterliche Ideologie entwickeln. Da sind viele junge Menschen dabei, die ganz klar aus dem bürgerlichen Milieu kommen – das hätte ich nie für möglich gehalten. Dass junge Menschen auf Konzerte gehen, auf denen nichts anderes als menschenverachtendes Gedankengut transportiert wird, wo zu Mord und Totschlag aufgerufen wird.

chilli: Dem Mord an bestimmten Bevölkerungsgruppen.
Ohlendorf: Ja. Noch ist der Nationalsozialismus in Deutschland nicht so weit weg. Dass schon wieder solch fürchterliche Gedanken in Lieder gegossen werden, kann doch nicht sein. Wenn man das dann am Bildschirm erlebt, wie solche Hass- und Mordparolen abgesungen werden und die Leute sich dabei volllaufen lassen …

chilli: … will man dieses Material unbedingt einem breiten Publikum zeigen.
Ohlendorf: Wenn man vor diesem Hintergrund zur Kenntnis nimmt, dass wir über Jahre hinweg den Film einfach nicht losgeworden sind, weil sich niemand in den Redaktionen der Deutschen Medienlandschaft dafür interessiert hat, dann muss ich schon fragen: Seid ihr noch ganz bei Trost, liebe Journalistenkollegen? Ihr lasst euch die islamistische Terrorgefahr in die Blöcke diktieren und seid aber nicht in der Lage, die Gefahr des rechtsextremen Terrors im eigenen Land zu sehen.
Kuban: Ich habe als freier Journalist über zehn Jahre lang in dem Bereich recherchiert und immer wieder versucht, diese Themen den Redaktionen anzubieten, aber da herrscht tatsächlich ein großes Desinteresse. Die Recherchen sind teuer, allein zwischen 2003 und 2010 habe ich über 130.000 Euro investiert. Über den Daumen habe ich rund 400.000 Euro an Arbeitszeit in dieser Recherche stecken und verdient habe ich nun wirklich nichts. Es ist schlecht, wenn investigative Recherche zum Ehrenamt verkommt. Wenn Missstände nicht aufgedeckt werden, bleiben sie erhalten. Und das wirkt sich dann eben auf die Gesellschaft aus.

 

chilli: Gab es Szenen, die dem Schnitt zum Opfer gefallen sind, weil sie zu krass waren?
Ohlendorf: Nein. Selbst das Konzert in Ungarn, das dramaturgisch den traurigen Höhepunkt darstellt, haben wir drin gelassen. Da werden Lieder gesungen wie „Adolf Hitler steig hernieder und regiere Deutschland wieder“, und der Holocaust wird auf eine Art und Weise verhöhnt, dass einem schlecht wird. Aber darum geht es ja: Neonazis laufen heute viel zu oft als die braven Jungs und Mädels rum, die gar nicht so schlimm sind, wie immer behauptet wird.

chilli: Danke für dieses Gespräch.

*Echtname nicht bekannt

Fotos: privat

Info
„Blut muss fließen“
Wann: Do., 25. Oktober, 19 Uhr,
Wo: Katholische Akademie Freiburg
www.katholische-akademie-freiburg.de
www.filmfaktum.de