Schwebende Steine, sprechende Teekessel, der Poltergeist im Wandschrank: In der Parapsychologischen Beratungsstelle in der Freiburger Hildastraße läuft das Telefon zu den Beratungszeiten heiß. Walter von Lucadou und seine drei Mitarbeiter beraten jährlich rund 3.000 Menschen, die Probleme mit Spuk, Magie, Wahrträumen, Esoterik oder Parapsychologie haben. Als Physiker und Psychologe weiß der 69-jährige Leiter, dass nicht hinter jedem Spuk etwas Übernatürliches steckt. Und dennoch, erzählte er chilli-Volontärin Tanja Bruckert, hat er Dinge gesehen, die sich mit der Schulweisheit nicht erklären lassen.

 

chilli: Seit 25 Jahren leiten Sie die Beratungsstelle, seit 50 Jahren sind Sie dem Spuk auf der Spur. Welcher Fall ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

 

Walter von Lucadou: Ich erinnere mich an einen schwierigen Fall bei einer süditalienischen Familie. Dort sind Steine durch die Wohnung geflogen, die alles demoliert haben. Ich habe selbst gesehen, wie ein Stein in den Suppentopf flog – ohne dass jemand dabei war, der ihn geworfen haben könnte. Die Familie war sehr abergläubisch und glaubte, dass der Teufel dahintersteckt. Der Vater saß Nacht für Nacht mit der blanken Axt vor dem Schlafzimmer und hat seine Familie bewacht. Schlimm war, dass zunächst niemand das Problem ernst genommen hat. Der Vater war total übermüdet – es hätte gut sein können, dass er eines der Kinder auf dem Weg zur Toilette erschlägt, weil er es für ein Gespenst hält. Was mir bei meinem Besuch gleich aufgefallen ist: In der Familie gab es ein junges Mädchen, das große Probleme hatte.

 

chilli: Und das Mädchen hatte etwas mit dem Spuk zu tun?

 

von Lucadou: Im Allgemeinen gibt einen Spukauslöser, oft Jugendliche in der Pubertät. Denn meistens ist der Spuk eine psychosomatische Reaktion auf ein unbewusstes Problem. Diese Probleme wirken sich normalerweise im Körper aus, so dass man krank wird. Doch die Spukauslöser haben so eine robuste Gesundheit – körperlich und geistig –, dass sie einfach nicht krank werden.

 

Dem Spuk auf der Spur: Walter von Lucadou

Dem Spuk auf der Spur: Walter von Lucadou

 

chilli: Die Geister, die ich rief …

 

von Lucadou: Ja, nur dass die Menschen die Geister nicht wirklich rufen. Das läuft alles unbewusst ab. Es ist wie ein Traum, der einem etwas sagen will. Deswegen sage ich den Betroffenen auch, dass ein Spuk nichts Schlimmes ist. Im Gegenteil: Bei psychosomatischen Krankheiten wird der Körper nicht automatisch wieder gesund, wenn das Problem abgestellt ist. Der Spuk hört hingegen sofort auf. So war es auch bei der italienischen Familie: Als wir die Ursache gefunden haben, war der Spuk vorbei.

 

chilli: Aber nicht hinter jedem Ihrer Fälle steckt etwas Übernatürliches.

 

von Lucadou: Nein, es gibt die sogenannten Mini-Spukfälle, die rein physikalische Phänomene sind. Der Standardfall dafür ist der Anrufer, der sagt, aus seinem Teekessel kommen Stimmen. In dem Fall wusste ich sofort, was los war: Vor seinem Haus stand ein Sendemast des NDR. Immer wenn er seinen Teekessel auf den Herd gestellt hat, konnte er Radio hören.

 

chilli: Kommt Ihnen zugute, dass Sie nicht nur Psychologe, sondern auch Physiker sind?

 

von Lucadou: In meinem Fachgebiet muss man sich mit ziemlich vielen Dingen auskennen. Auch durch die immer komplexer werdende Technik treten Probleme auf. Wir hatten einmal einen interessanten Fall, bei dem jemand auf seinem Smartphone ein selbstgesungenes Lied aufgenommen hat. Die Aufnahme hat er uns geschickt, weil da plötzlich eine tiefe, männliche Stimme dazwischen war. Wir haben die Datei analysiert und herausgefunden, dass die vermeintliche Stimme der Vibrationsalarm war. Im Gegensatz zu den richtigen Spukfällen sind das Einzelereignisse, die sich nicht mehr wiederholen.

 

chilli: Man könnte jetzt sagen, bei Ihren richtigen Spukfällen haben Sie einfach noch keine Erklärung gefunden…

 

von Lucadou: Klar, ich nehme das niemandem übel. Selbst die Betroffenen sagen oft: Wenn ich es nicht selber erlebt hätte, hätte ich es nicht geglaubt. Als ich angefangen habe, mich mit dem Thema zu beschäftigen, habe ich auch gedacht, dass die Menschen einfach zu viel Fantasie haben. Aber ich habe schon so viele Spukfälle untersucht, irgendwann habe ich akzeptiert, dass es solche Sachen gibt.

 

chilli: Beweisen können Sie das aber nicht.

 

von Lucadou: Unsere Aufgabe ist es nicht, Paranormales zu beweisen – das kann man auf die Art und Weise gar nicht. Uns ist es viel wichtiger, dass die Menschen mit uns über ihre Probleme reden können, und wenn wir Glück haben, finden wir heraus, was hinter den Spukfällen steckt. Ich sage aber auch ganz klar, dass wir noch nicht alles verstehen. Die Welt ist zu komplex, als dass wir alles erklären könnten. Wenn Sie vom Schauinsland einen Stein kullern lassen, kann Ihnen kein Physiker sagen, wo der landet. Das ist einfach zu komplex. Das heißt aber nicht, dass er es prinzipiell nicht versteht.

 

chilli: Sie werden vom Land Baden-Württemberg bezuschusst. Ist das für Sie die Bestätigung, dass selbst die Landesregierung an Übersinnliches glaubt?

 

von Lucadou: Dass die Beratungsstelle eingerichtet wurde, war wohl eher der Angst der „professionell Besorgten“ zu verdanken. Damals gab es gerade eine Jugend-Okkultismus-Welle: Jugendliche haben Gläser gerückt, Pendel geschwungen und Tarotkarten gelegt. Das hat vielen Angst gemacht, einige Gemeindebibliotheken haben sogar Harry Potter aus den Regalen verbannt. Ich fand das übertrieben und war der Meinung, es sollte eine Beratungsstelle geben, die das Thema nüchtern angeht. Ohne Vorurteile in die eine oder andere Richtung.

 

chilli: Sie beraten auch zum Thema Esoterik. Warum?

 

von Lucadou: Viele Sachen, die auf dem Esoterikmarkt angeboten werden, sind grober Betrug. Da geht es nur darum, verzweifelte oder kranke Menschen abzukassieren. So haben Sie bei einer Fernheilung eine hohe Chance, später noch kränker zu sein als vorher. Extrem gefährlich sind Aussagen wie: Ich sehe da eine dunkle Macht, Sie sind Opfer von schwarzer Magie. Scharlatane sagen dann, dass nur sie helfen können und verlangen teilweise irrsinnige Summen dafür. Besonders schlimm ist es, wenn die Menschen mit niemandem darüber reden können, weil ihnen der Heiler ein Schweigegelübde auferlegt hat.

 

chilli: Über Probleme mit dem Übersinnlichen zu sprechen, ist wahrscheinlich auch ohne Schweigegelübde schwer…

 

von Lucadou: Ja, denn wenn die Leute mit ihren Problemen zum Arzt oder zur Polizei gehen, heißt es oft, sie seien paranoid. Ich mache Ihnen ein Beispiel: Es kommt häufig vor, dass sich Menschen bei uns melden, die nachts nicht schlafen können, weil sie einen tiefen Brummton hören. Ich hatte Fälle, bei denen Menschen gar nicht mehr zu Hause waren, von Hotel zu Hotel gezogen sind, und überall tauchte das Phänomen nach kurzer Zeit auf.

 

chilli: Wie bitte?

 

von Lucadou: Diese Menschen können niederfrequente Töne, den sogenannten Infraschall, wahrnehmen. Er entsteht zum Beispiel, wenn ein Luftzug an einer Häuserkante entlang weht. Es kann passieren, dass Menschen immer sensibler darauf reagieren, bis sie richtig krank werden. Ähnlich ist das bei Menschen, die keine Handystrahlen vertragen. Das ist ein Sensibilisierungsprozess – vergleichbar mit einer Allergie –, den man nicht unterschätzen sollte. Das Schlimme ist, dass diese Menschen oft als psychiatrisch abgestempelt werden, weil man das Problem nicht erkennt.