Im Biergarten von Schmitz Katze sitzen und einer Julia zuschauen, wie sie vom Balkon aus ihren Romeo auf der Außenbühne anschmachtet: Das könnte im nächsten Jahr möglich sein. Denn noch in diesem Frühjahr sollen Bauarbeiter beginnen, zwischen dem Kulturpark-Hochhaus mit den Freiburger Jazz- und Rockschulen, der Veranstaltungslocation Schmitz Katze und dem Jugendhilfswerk einen Glaswürfel hochzuziehen: ein Theaterhaus für die freie Theater- und Tanzszene. Eine Fläche von 450 Quadratmetern, ein Aufführungssaal für bis zu 120 Besucher und ein zusätzlicher Proberaum sollen den dringenden Raumbedarf der Freiburger Theaterschaffenden decken. Die Freude in der freien Szene ist groß, selbst wenn hinter dem Theatervorhang die eine oder andere kritische Stimme hervorschallt.

 

Bevor auf der Bühne etwas passieren kann, musste erst hinter ihr einiges geschehen. Blick zurück ins Jahr 2004: Jürgen Lange-von Kulessa kauft ein Grundstück an der Haslacher Straße, auf dem ein Hochhaus und eine heruntergekommene Halle stehen. Er lässt alles sanieren und gründet den Kulturpark Freiburg. Die Jazz- und Rockschulen ziehen ein, die Hochschule für Kunst, Design und Populäre Musik (HKDM), die Kubus3 Projektwerkstatt, Künstlerateliers, ein Digital-Lab, das Café HörBar, Schmitz Katze und viele weitere Kreative. 2007 kauft er als Erbbaurechtsnehmer eine benachbarte, ehemalige Tankstelle von der Stadt und vermietet sie saniert ans Jugendhilfswerk. Auf der noch freien Fläche plant er eine Veranstaltungshalle und holt die Baugenehmigung ein. Zunächst sieht es so aus, als könne hier das Literaturhaus entstehen, 2012 ist der Standort neben vier anderen im Gespräch.

 

Theaterhaus Freiburg

So soll er aussehen: Der Glaswürfel für die freie Szene.

 

Ortswechsel: Nach 25 Jahren schließt Nick Haberstich das Theater am Martinstor. Ein Trägerverein aus der freien Szene versucht, das Theater zu retten und scheitert. Ein Jahr geht es als „City Theater“ weiter, im Juni 2013 schließen auch hier die Türen. Der Mangel an Proben- und Aufführungsräumen für die freie Szene verschärft sich. Eine Zeitlang scheint es, als sei auf dem Ganter-Areal eine Lösung gefunden, die Gesellschafter der Brauerei ziehen jedoch im letzten Moment zurück. Im Sommer intensivieren sich dann Gespräche zwischen freier Szene, Kulturamt und Lange-von Kulessa. Nun ist Druck drauf. Wenig später geht der Grundsatzbeschluss durch den Gemeinderat, seit Ende Februar ist auch die Finanzierung geklärt.

 

Es sind keine großen Diskussionen nötig: Mit sieben Enthaltungen stimmt der Gemeinderat für den Bau an der Haslacher Straße. Die Stadt schießt zu den Baukosten einmalig rund 600.000 Euro zu, 100.000 gibt es zudem für die Ausstattung. Dafür spart das Rathaus bei eigenen Kulturveranstaltungen wie dem Münstersommer oder dem Freiburger Literaturgespräch und stellt die Mittsommerkonzerte ein. Die restlichen 300.000 Euro der veranschlagten Baukosten finanziert Lange-von Kulessa – sollte der Bau teurer werden, trägt er das Risiko. Auch die Instandhaltung des Gebäudes verbleibt beim Bauherren, der dafür gerade einmal einen Erlös von 756 Euro im Monat einstreichen kann. Ein „Nullsummenspiel“, sagt er.

 

Jürgen Lange von Kulessa

Für Jürgen Lange-von Kulessa ist das Theaterhaus ein Nullsummenspiel.

 

In einem Theaterhaus für die freie Szene sind die eigentlichen Akteure die freien Gruppen, wie Noch-E-Werk-Geschäftsführerin Heike Piehler betont. Betreiber wird jedoch das E-Werk. Von der Stadt gibt es zusätzliche 81.000 Euro jährlich für das soziokulturelle Zentrum, wovon eineinhalb neue Stellen geschafft werden sollen. Die Freiburger Initiative Freier Tanz und Theater (FIFTT), zu der sich die rund 40 Freiburger Gruppen zusammengeschlossen haben, soll den Programmbeirat bilden, der das Haus zusammen mit einem Leiter inhaltlich ausgestaltet. Wer dieser Leiter sein wird, steht momentan noch nicht fest, Piehler rechnet damit, dass noch in diesem Jahr eine Entscheidung fallen wird. Sie selbst steht für den Posten nicht zur Verfügung – kürzlich hat sie ihre Kündigung auf den Tisch gelegt. Über die Gründe möchte sie nicht sprechen, lässt lediglich verlauten, dass es eine „interne Konfliktsituation“ gab.

 

Doch obwohl sie das neue Theaterhaus nicht mehr begleiten kann, freut sie sich über das Ende der langjährigen Suche: „Das alles haben wir dem langen Atem des Kulturamts zu verdanken.“ Auch die Freude in der freien Szene ist groß. Wovon die Stadionplaner nur auf dem Magerrasen träumen können, hat dieser Neubau schon geschafft: Ein „Nein“ ist an keiner Ecke zu hören. Lediglich ein zaghaftes „Ja, aber…“ lässt sich an der einen oder anderen Stelle vernehmen.

 

Etwa vom freien Regisseur Dietmar Berron-Brena, der den Bedarf der freien Theatergruppen nach wie vor nicht gedeckt sieht. Schon zu Zeiten des Theaters am Martinstor habe die Szene händeringend nach mehr Probe- und Aufführungsräumen gesucht. Und als das Theater schließen musste, sei der Stadt die Förderung von monatlich 30.000 Euro zu viel gewesen. 600 Quadratmeter fielen weg, die nun durch 450 ersetzt werden. Das neue Theaterhaus habe „schon seinen Charme, es ist aber nicht das, was wir uns von der Stadt seit Jahren erbeten haben“, so Berron-Brena. Das sei vielmehr ein großes Produktionszentrum gewesen, mit je einem Proberaum für Theater und Tanz und einem Aufführungsraum, der auch der Tanzszene genügt. Baulich sei auf dem Grundstück allerdings nicht mehr machbar gewesen, weiß Lange-von Kulessa.

 

Heike Piehler

Wird das Haus nicht mehr begleiten: Noch-E-Werk-Geschäftsführerin Heike Piehler

 

Ein Aufführungsraum für die Tanzszene liegt auch Bernd Ka, Mitbegründer von Bewegungs-art Freiburg, am Herzen. Piehler kann hier zumindest teilweise gute Nachrichten überbringen: Der Saal sei für Tanzaufführungen geeignet. Und auch der Proberaum im Obergeschoss sei groß genug für den Tanz.

 

Kas Kritik geht jedoch tiefer: „Der Tanz stand in Freiburg vor einigen Jahren noch gut da“, weiß der Tänzer, „doch dann sind mehr und mehr Akteure wegen der mangelnden Förderung abgewandert.“ Ein Haus allein nütze da nicht viel, da die Rahmenbedingungen fehlten. Etwa ein Tanzbüro, das Unterstützung anbietet. „Ich frage mich, warum die Stadt für so große Projekte Geld hat und für die kleinen Dinge, die den Tanz am Leben halten würden, nichts da ist.“

 

Andere plädieren dafür abzuwarten. „Das war ein riesiger Schritt für die Szene“, sagt Raimund Schall vom Theater Zerberus, „ob da Kritik berechtigt ist oder nicht, wird sich erst zeigen, wenn das Haus gestaltet ist.“ Jetzt gelte es, die Frage zu beantworten: „Wie schaffen wir es, dem Haus eine künstlerische Attraktivität zu geben?“

 

Auch wenn diese Überlegungen erst ganz am Anfang stehen, das eine oder andere kann Piehler schon verraten: Etwa, dass es Kooperationen mit den Nachbarn wie der HKDM, den Jazz- und Rockschulen, Kubus3 oder Schmitz Katze geben wird, „mit neuen Formaten, die auch ein jüngeres Publikum ansprechen werden.“ Auch Lange-von Kulessa zeigt sich zuversichtlich: „Da wird viel entstehen, was es in Freiburg so noch nicht gibt.“

 

Text: Tanja Bruckert